Geschichte und Kultur

Klebeband ruiniert unbezahlbare Kunstwerke – ein neues Gel hilft

Klebeband ist des Restauratoren Feind. Chemiker haben jetzt eine neue Methode entwickelt, um alte Kunstwerke zu retten. Montag, 28 Mai

Von Sarah Gibbens

Ein Blatt Papier hat einen Riss? Die ultimative Lösung: Ein Streifen Klebeband. Im Alltag ein bequemes und sinnvolles Hilfsmittel – aber für Restauratoren von Kunstwerken ein wahrer Alptraum.

In der Vergangenheit haben ahnungslose Restauratoren normales Klebeband benutzt, um berühmte, aber brüchige Kunstschätze zusammenzuhalten, darunter auch die Schriftrollen vom Toten Meer und Zeichnungen des Filmemachers Federico Fellini. Das Problem ist aber nicht nur, dass das Klebeband die Ästhetik eines Kunstwerks ruinieren kann, sondern dass es im Laufe der Zeit zu Verfärbungen führen kann. Bei manchen Arten von Klebeband erstreckt sich der Effekt sogar auf umliegende Bereiche, sodass die gesamte Optik eines Kunstwerks verändert werden kann.

Moderne Restauratoren nutzten für gewöhnlich Lösungsmittel und eine hohe Luftfeuchtigkeit, um das Klebeband zu lösen. Allerdings können diese Methode manche Kunstwerke auch beschädigen oder stellen eine gesundheitliche Gefahr für die Restauratoren dar. Nun hat ein Team aus Chemikern der Universität von Florenz eine neue Methode entwickelt, die sowohl für die Kunstwerke als auch die Menschen, die an ihnen arbeiten, ungefährlich ist.

Der Schlüssel dazu ist ein festes Hydrogel – eine Art Gel mit einem sehr hohen Wassergehalt, das bei der Herstellung zahlreicher Objekte verwendet wird, von Kunststoffen bis zu Pillen. Das von den italienischen Forschern verwendete Hydrogel besteht zu 95 bis 98 Prozent aus Wasser. Die anderen zwei bis fünf Prozent sind winzige, über die Masse verteilte Tröpfchen organischer Lösungsmittel.

“Das Gel hat die gleiche Zusammensetzung wie Kontaktlinsen” und sei nur einen Millimeter dick, erzählt Piero Baglioni, einer der Chemiker, die das Hydrogel entwickelt haben. Die Restauratoren können es auf die Größe und Form des Klebebands zurechtschneiden, das sie entfernen wollen. Dann legen sie es einfach auf das Band und nach ein paar Sekunden werden Partikel des Hydrogels darauf übertragen und zersetzen den Kleber auf den Papierfasern.

Baglioni und die anderen Chemiker testeten ihre Methode an einer Skizze aus dem 16. Jahrhundert, die eine Figur von Michelangelos Fresken der Sixtinischen Kapelle zeigt. Als das Klebeband entfernt wurde, kam darunter der Schriftzug „di mano di Michelangelo“ (dt. „von Michelangelos Hand“) zum Vorschein. Kunstrestauratoren sind jedoch weiterhin skeptisch, ob die Zeichnung tatsächlich vom berühmten Renaissance-Künstler stammt. Das Gel konnte außerdem Kleber aus den Papierfasern eines Kunstwerks von Lucio Fontana lösen. 

Das Hydrogel könnte aber auch Restauratoren historischer Dokumente nützen, die ebenfalls oft mit Klebeband zu kämpfen haben. Michael Lee arbeitet als Leiter für den Erhalt und die Restaurierung von Papieren und Fotografien im Northeast Document Conservation Center in Massachusetts. Er schätzt, dass 30 Prozent seiner Restaurierungsprojekte sich nur damit beschäftigen, Klebeband und Duct Tape zu Entfernen.

“Wir hatten schon Dokumente aus dem 18. Jahrhundert, auf die im 20. Jahrhundert irgendjemand Klebeband geklebt hat“, erzählt er.

Robustere Dokumente hat sein Team einfach in Lösungsmittelbäder getaucht, um den Kleber zu lösen. Wenn das keine Option war, nutzten sie Agaroseblöcke, sie so ähnlich funktionieren wie das in Italien entwickelte Gel. Die gelatinösen Lösungsmittelblöcke geben Feuchtigkeit ab, um den Kleber zu lösen.

Obwohl verbesserte Methoden zur Entfernung von Klebeband immer willkommen sind, gibt Lee zu bedenken, dass der volle Wert eines Objekts nie wiederhergestellt werden kann, sobald einmal Klebeband verwendet wurde.

“Sagen Sie Ihren Lesern, dass sie die Finger von Klebeband lassen sollen”, sagt er. „Ein Gegenstand mit einem Riss hat einen bestimmten Wert, und wenn man Klebeband draufklebt, wird der Wert sinken.“

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