Der Mann mit den Schlüsseln zum Vatikan

Jeden Morgen öffnet Gianni Crea die Türen zur Geschichte.Mittwoch, 19. Juni 2019

Von Gulnaz Khan
Bilder Von Alberto Bernasconi

Gianni Crea ist mit der Pinselführung der Geschichte vertraut. Seit sechs Jahren öffnet er fast jeden Morgen die Tore zu den Vatikanischen Museen. Er hat die Stille der Sixtinischen Kapelle zum Sonnenaufgang erlebt, die Schattierungen Caravaggios studiert und die Texturen des Alten Ägypten bewundert.

„Ja, ich bin ein Schlüsselwart, sogar der Oberste Schlüsselwart, aber trotzdem bin ich auch ein Pförtner, der ein Museum aufschließt“, sagt Crea, ein gläubiger Katholik. „Aber ich öffne die Türen zur Geschichte der Kunst und des Christentums – und das ist die größte und schönste Geschichte der Welt.“

Crea arbeitet schon seit 20 Jahren im Vatikan, sechs davon als oberster Clavigero. „Wenn ich diese Schlüssel in der Hand halte, die vom Zahn der Zeit gezeichnet sind, dann bin ich ab diesem Moment für mehr als nur mich selbst verantwortlich“, sagt er.

Sein Arbeitstag beginnt um 5:30 Uhr in seinem gesicherten Bunker, in dem 2.797 Schlüssel aufbewahrt werden. Crea und sein Team aus zehn Clavigeri – jeweils fünf für die Morgen- und Abendschicht – öffnen und schließen jeden Tag 300 Türen und mobilisieren 700 Angestellte, die von ihrem pünktlichen Erscheinen abhängig sind. Sie folgen einer 7,4 Kilometer langen Route durch die Museen, die jeden Tag etwa 28.000 Besucher anlocken.

„Ich kenne den Geruch, der auf mich wartet, wenn ich die erste Tür öffne. Es ist der Geruch der Geschichte – jener Geruch, den schon die Menschen einatmeten, die vor uns da waren.“ Es sei derselbe Grund und Boden, auf dem sie liefen, liebten und weinten, erzählt er.

Eine Veranlagung für die Kunst

In den Vatikanischen Museen werden Zehntausende unbezahlbarer Kunstwerke aufbewahrt, erhalten und restauriert. Einige stammen noch aus der Antike, manche schon aus der Moderne, aber keines ist wohl so berühmt und beeindruckend wie der Sitz des päpstlichen Konklaves. Crea erinnert sich noch gut daran, wie ihn seine Gefühle übermannten, als er einen älteren Schlüsselwart 1999 zum ersten Mal zur Öffnung der Sixtinischen Kapelle begleitete.

„In ihren Details liegt so viel Schönheit – die Bewegungen, die Windungen, die Muskulatur“, schwärmt Crea. „Das hat einfach etwas Magisches und Besonderes.“

Allein Michelangelos Fresken bedecken mehr als 1.000 Quadratmeter der Kapelle. Szenen aus dem Buch Genesis und mehr als 300 figürliche Darstellungen offenbaren die Feinheiten des menschlichen Körpers. Crea hat Menschen aller Glaubensrichtungen gesehen, die von dieser Schönheit berührt waren.

Einige Wissenschaftler sind gar der Ansicht, dass eine emotionale Reaktion auf Kunst eine natürliche Reaktion des Menschen ist – ein Prinzip, nach dessen Erklärung Philosophen jahrhundertelang strebten.

„Das Gemälde wird die Seele des Betrachters berühren, wenn die gemalten Personen gleichsam die Regungen ihrer eigenen Seele klar erkennbar zeigen“, schrieb der florentinische Künstler Leon Battista Alberti 1435, fast ein Jahrhundert vor der Fertigstellung der Sixtinischen Kapelle. „Wir weinen mit den Weinenden, lachen mit den Lachenden und trauern mit den Trauernden.“

Heutzutage erforschen Neurowissenschaftler die biologischen Grundlagen dieser Reaktion in ihren Laboren. Diese Neuroästhetik ist ein vergleichsweise junges Forschungsfeld.

Laut den bisherigen Neuroimaging-Forschungen wird unser System aus Spiegelneuronen aktiviert, wenn wir Körper in Bewegung betrachten, beispielsweise die Bewegungen beim Ausführen von Pinselstrichen. Unsere Spiegelneuronen sind vor allem in der sozialen Interaktion sowie für Empathie und Nachahmung ein wichtiges Instrument. Andere Studien kamen zu dem Schluss, dass beim Betrachten von Kunst jene Hirnareale aktiv sind, die für die emotionale Verarbeitung verantwortlich sind. Auch das deutet auf einen natürlichen Zusammenhang zwischen ästhetischer Rezeption und Emotionen hin.

Die Universalsprache

Lange vor der Entstehung von Bildgebungsverfahren in der Neurowissenschaft schrieb Lew Tolstoi, die Kunst sei „ein Weg zur Einigkeit für die Menschen; sie vereint sie zusammen in denselben Gefühlen“. Die Kunst sei ein Medium, das oft gefühlt werde, bevor man es bewusst versteht. Genau wie Tolstoi glaubt auch Crea an die Macht der Kunst – ein Ausdruck unserer gemeinsamen Menschlichkeit –, Menschen zu einen.

„Jeder kann etwas Schönes finden, das ihn bewegt“, sagt er. „Die Vatikanischen Museen sollte man meiner Meinung nach besuchen, weil sie einem unabhängig vom eigenen Glauben ein Verständnis für Kunst und Geschichte vermitteln.“ Laut Crea sind auch die Vatikanischen Gärten ein Musterbeispiel für ein tolerantes Miteinander. Dort wachsen Pflanzen aus aller Welt zusammen auf kleinem Raum.

Papst Franziskus legte in seiner 2015 veröffentlichten Publikation „La mia idea di Arte“ ähnliche Ansichten dar, als er erläuterte, dass die Kunst eine wichtige Rolle in der Missionierung spiele. „Die Vatikanischen Museen müssen verstärkt zu einem Ort der Schönheit werden, der die Menschen willkommen heißt. Und sie müssen auch neue Kunstformen willkommen heißen“, schrieb er. „Sie müssen ihre Türen für Menschen aus aller Welt öffnen, als ein Instrument des Dialogs zwischen Kulturen und Religionen, ein Instrument des Friedens.“ Laut Papst Franziskus sollte der Zugang zur Kunst jedem gewährt werden, unabhängig von dessen Bildung oder finanzieller Situation.

In diesem Geiste heißt der Vatikan seit Kurzem auch kleine Besuchergruppen willkommen, die Crea in diesem Sommer auf seinem morgendlichen Rundgang begleiten können. „Ich habe gesehen, wie emotional die Menschen reagieren, wenn sie die Sixtinische Kapelle betreten, und wie es ihnen den Atem verschlägt, wenn die Lichter im Kartenraum angeschaltet werden“, erzählt Crea. „Ich möchte die Gefühle, die das in mir auslöst, auch anderen schenken. Ich wünsche es mir wirklich, diese Emotionen, die ich seit 20 Jahren erleben, mit den Besuchern des Vatikans teilen zu können.“

Die Kunst verbinde uns letztlich durch unsere gemeinsame Kultur, Geschichte und Menschlichkeit, wie er sagt. „Ich bin nur ein einfacher Wärter, aber das Schöne daran ist für mich, dass ich die Schlüssel zur Geschichte betreuen und bewahren kann.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.