Die Überlebenden eines Papiergenozids

Ein Anführer der Taínos, ein indigenes Volk der Karibik, beschreibt, wie die Geschichte seiner Ethnie ausgelöscht wurde – und wie sie sie zurückerobern. Dienstag, 22. Oktober 2019

Von Jorge Baracutei Estevez
Bilder Von Haruka Sakaguchi
Jahrhundertelang galten die Taínos, die Ureinwohner der Karibik, als ausgerottet. Kürzlich konnten Historiker und DNA-Analysen aber ...
Jahrhundertelang galten die Taínos, die Ureinwohner der Karibik, als ausgerottet. Kürzlich konnten Historiker und DNA-Analysen aber bestätigen, was viele heutige Bewohner der Karibik, die sich selbst als Taíno identifizieren, schon wussten: Dass der Genozid an ihrem Volk nur auf dem Papier stattgefunden hat, als ihre Identität bei Volkszählungen nicht länger anerkannt wurde. Jorge Baracutei Estevez, der eine Taíno-Gemeinde in New York leitet, arbeitete mit der Fotografin Haruka Sakaguchi zusammen, um heutige Taínos zu porträtieren und die alten Unterlagen von den Volkszählungen neu zu interpretieren.
Bild Haruka Sakaguchi

Die Menschen, die wir heute als Taínos bezeichnen, wurden von Christoph Kolumbus und den spanischen Eroberern entdeckt. Eigentlich hat er uns nicht wirklich entdeckt, weil wir in unserem Zuhause waren, während er selbst sich auf See verirrt hatte, als er an unseren Ufern anlandete – trotzdem gingen wir als die Entdeckten in die Geschichte ein. Die Taínos sind verschiedene Völker der Karibik, die gemeinsam haben, dass sie alle Arawak sprechen. Im Laufe von 4.000 Jahren besiedelten sie die karibischen Inseln von Südamerika aus. Die Spanier hatten auf Gold und exotische Gewürze gehofft, als sie dort 1492 landeten – aber Gold gab es kaum und die Gewürze waren ungewohnt. Also nahm Kolumbus mit dem nächstbesten Handelsgut vorlieb: Sklaven.

MARITZA LUZ FELICIANO POTTER, 38 „Über Heiratsurkunden, Taufeinträge und ein paar wenige Unterlagen von Volkszählungen konnte ich ein paar meiner Familienmitglieder (aus der Mitte des 18. Jahrhunderts) ausfindig machen, die in einem Jahr offiziell als Negros gelistet wurden, aber nur ein paar Jahre zuvor noch als Indios galten. Ich leugne meine europäische und afrikanische Abstammung nicht. Aber ich finde auch, es ist höchste Zeit, dass meine Familie unser Geburtsrecht als indigene Boricuas [Puerto-Ricaner] wiederentdeckt und einfordert. Wir sind Taínos! Es gibt uns noch!“
Bild Haruka Sakaguchi

Aufgrund der brutalen Arbeitsbedingungen und Misshandlungen in den Goldminen und auf den Zuckerrohrfeldern sowie durch die ungebremste Ausbreitung von Krankheiten, die die Spanier mitgebracht hatten, brach die Population der Ureinwohner ein. So wurde der Mythos vom Verschwinden der Taínos geboren. Kurz nach 1565 wurden sie für ausgerottet erklärt, nachdem eine Volkszählung nur noch 200 Ureinwohner auf Hispaniola zählte, der heutigen Dominikanischen Republik und Haiti. Die Zählung und andere schriftlichen Überlieferungen machen deutlich: Nach 1802 gab es keine Ureinwohner mehr in der Karibik. Wie also können wir heute noch Taínos sein?

Nur wenige Historiker haben die Dokumente von der Volkszählung je mit kritischem Blick geprüft – obwohl Ureinwohner während der gesamten Kolonialzeit und darüber hinaus weiterhin in schriftlichen Berichten, Testamenten und Heirats- und Geburtsurkunden auftauchten. Wir überlebten, weil viele unserer Vorfahren sich in die Berge flüchteten. Als im Jahr 1487 die Inquisition in Spanien begann, konnte jeder Jude, der nicht gefoltert und ermordet werden wollte, zum Christentum konvertieren. Diese „Wahl“ erhielten auch die Taínos. Nach 1533, als die spanische Krone den Sklaven die Freiheit „geschenkt“ hatte, konnte jeder Spanier, der auf seine Sklaven nicht verzichten wollte, sie einfach als „afrikanisch“ umdeklarieren. In der ganzen Karibik heirateten spanische Männer Taíno-Frauen. Waren deren Kinder etwa keine Taínos?

Menschliche Überreste geben Hinweise auf amerikanische Ureinwohner

Papiergenozid beschreibt die systematische Auslöschung eines Volkes auf dem Papier. In der Volkszählung von 1787 in Puerto Rico wurden 2.300 Ureinwohner gelistet. Bei der nächsten Zählung im Jahr 1802 taucht kein einziger mehr auf. (Das Fotoprojekt ist eine Neuinterpretation der Daten aus dieser Volkszählung.) Sobald etwas erst mal auf Papier steht, kann man fast nichts mehr tun, um es wieder zu ändern. Jede Enzyklopädie gibt Kolumbus’ Berichte wieder – dass er uns Indios nannte und dass schon kurze Zeit nach seiner Ankunft kein einziger Indio mehr in der Karibik lebte. Egal, wie man ausseht oder wie sehr man seine Identität geltend macht – man gilt als ausgerottet. Das ist ein Papiergenozid: ein Narrativ, das von den Eroberern geschaffen und von allen nachfolgenden Forschern aufrechterhalten wurde.

GYPSIE RUNNINGCLOUD, 48 „Seit ich klein war, haben mir die Ältesten meiner Familie eingebläut, dass wir unsere Indigenität absolut geheim halten müssen. Wir wurden in dem Bewusstsein aufgezogen, dass wir uns niemals als Ureinwohner zu erkennen geben durften. Das ging sogar so weit, dass wir höchstens höflich nicken sollten, wenn uns Fremde auf unsere Ähnlichkeit zu Ureinwohnern ansprachen. Aber meine Cousins, Cousinen und ich durften uns öffentlich absolut niemals zu unserem indigenen Erbe bekennen.“
Bild Haruka Sakaguchi

Ich wurde in der Stadt Jaibon in der Dominikanischen Republik geboren. Ich wuchs in den USA auf und las dort, dass es in der Karibik keinen einzigen Tropfen indigenen Blutes mehr gibt, dass jeder einzelne Ureinwohner getötet worden war. Aber Menschen wie ich, wir haben uns schon immer als indigen identifiziert. Wir wussten immer, dass unsere Vorfahren Ureinwohner waren.

In den frühen Neunzigern fingen wir dann an, uns auf Powwows und anderen Events von und für Ureinwohner zu treffen. Wir brachten eine Bewegung auf den Weg, um das zu bewahren, was wir von der Sprache und den weitergegebenen Bräuchen noch kannten.

Spätere DNA-Studien zeigten dann, dass die Menschen in der Karibik tatsächlich mitochondriale DNA von amerikanischen Ureinwohnern in sich trugen: 61 Prozent aller Puerto-Ricaner, 23 bis 30 Prozent aller Dominikaner und 33 Prozent aller Kubaner. Für ein angeblich ausgestorbenes Volk sind das ziemlich hohe Prozentzahlen. 2016 analysierte ein dänischer Genetiker dann DNA aus einem Zahn eines 1.000 Jahre alten Schädels von den Bahamas. In dem Zahn fand er einen vollständigen Strang Taíno-DNA. Die DNA von 164 Puerto-Ricanern wurde mit diesem Strang abgeglichen: Jede einzelne Probe passte zu der Taíno-DNA.

Seither waren wir damit beschäftigt, uns wieder in die Geschichte zurückzuschreiben. Das Internet ist dabei unser mächtigstes Werkzeug. Mittlerweile gibt es einen ganzen Kader an jungen Wissenschaftlern, die sich selbst als Taínos identifizieren. Sie stellen neue Fragen und stellen alte Antworten infrage – sie schreiben uns zurück in die Geschichte. In manchen Büchern findet man mittlerweile das Wort „ausgerottet“ nicht mehr, wenn von uns die Rede ist.

Außerdem greifen wir die Volkszählungsunterlagen an. Lange Zeit gab es für die Menschen in Lateinamerika die Wahlmöglichkeit „Indio“ gar nicht. Man war entweder hispanisch, schwarz, weiß oder eine Mischung daraus. Als auf den Unterlagen für Puerto Rico endlich eine Option für Indios hinzugefügt wurde, identifizierten sich 33.000 Menschen als Ureinwohner. Unsere Identität war schon immer ganz offensichtlich, auch wenn sie versteckt wurde. Das soll dieses Fotoprojekt widerspiegeln.

Ich weiß noch, wie ich als Kind nach Hause kam, nachdem ich das erste Mal von Kolumbus gehört hatte. Ich war so enthusiastisch, dass ich ein Bild mit drei kleinen Schiffen gemalt hatte. Als ich dann nach Hause kam, hat mir meine Mutter die eigentliche Geschichte erzählt. Ich war geschockt. Millionen von Menschen starben wegen seiner Gier nach Gold und Anerkennung. Dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, an dem nicht nur Ureinwohner, sondern ein Großteil der gesamten Bevölkerung darin übereinstimmt, dass Kolumbus nicht gefeiert werden sollte, ist sehr erfreulich.

Wann immer ich über meine Geschichte nachdenke und über die Grausamkeiten, die die Spanier verübt haben, frage ich mich: Was taten wohl die Großmütter und Mütter, als sie zusahen, wie ihre Kinder, Geschwister und Eltern ermordet und vergewaltigt, ihre Dörfer geplündert und niedergebrannt wurden? Sie mussten gebetet haben, wie es alle Menschen tun, die leiden. Aber was wurde aus diesen Gebeten? Lösten sie sich in Luft auf wie Rauch von einem Lagerfeuer? Und plötzlich wird mir klar: Wir, ihre Nachfahren, sind ihre Gebete. Wir sind zurückgekehrt, um alles wieder in Ordnung zu bringen und um unsere Geschichte zu erzählen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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