Ruanda erfindet sich neu

Der Völkermord von 1994 hat tiefe Wunden hinterlassen. Doch der Wiederaufbau hat den Frauen viele Chancen eröffnet. Jetzt gilt es, die Männer mit ins Boot zu holen.Donnerstag, 24. Oktober 2019

Von Rania Abouzeid
Bilder Von Yagazie Emezi

Ruandas Genozid-Museum ist ein bedrückender Ort – eine von mehreren Gedenkstätten in der Hauptstadt Kigali, die an die 100 Tage im Jahr 1994 erinnern, an denen ethnische Kämpfe im Land wüteten.

Ausgelöst wurde der Völkermord, als Hutu-Extremisten Tutsi-Rebellen für den Abschuss eines Flugzeugs verantwortlich machten. An Bord waren auch Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana und Burundis Präsident Cyprien Ntaryamira gewesen. Wie etwa 85 Prozent der Bevölkerung Ruandas war Habyarimana Hutu.

Die Auseinandersetzung über den tödlichen Absturz gipfelte in einem massenhaften Morden, dem Schätzungen zufolge eine Million Tutsi zum Opfer fielen. Auch Tausende Hutu kamen ums Leben. Laut Berichten wurden mehr als 250.000 Frauen vergewaltigt, rund 95.000 Kinder verwaisten. Nach dem Bürgerkrieg waren die meisten der verbliebenen sechs Millionen Einwohner Ruandas Frauen.

Auf die dramatische Situation reagierten die Frauen mit Pragmatismus und übernahmen neue Rollen, um das Führungsvakuum zu füllen. Sie stellten nunmehr 80 Prozent der Bevölkerung. Unterstützt von Frauengruppen aus der Zivilgesellschaft erließ das Parlament einige der frauenfreundlichsten Gesetze weltweit.

So dürfen weibliche Angehörige bei Fehlen eines Testaments seit 1999 Grundbesitz erben. Auf diese Weise wurden die Töchter, die zuvor ihren Brüdern gegenüber benachteiligt waren, zu Landbesitzerinnen. Andere Reformen ermöglichten es Frauen, ihr Land als Sicherheit einzusetzen, wenn sie einen Kredit aufnehmen wollen. Die Mädchenbildung bekam hohe Priorität: Es gab Unterstützung dabei, einen College-Abschluss zu machen und Anreize, auch traditionell männlich dominierte Fächer zu studieren.

Früher wurden Frauen in Ruanda als Eigentum betrachtet. Ihre Hauptfunktion bestand darin, Kinder zu bekommen. Heute müssen laut Verfassung mindestens 30 Prozent aller Abgeordneten Frauen sein. Seit 2003 hat Ruanda durchgehend den weltweit größten Frauenanteil im Parlament – aktuell sind es 61 Prozent (in Deutschland sind es 30,7 Prozent). Vier der sieben Richter am Obersten Gerichtshof sind Frauen, darunter auch die Stellvertretende Oberste Richterin. In Ruandas Kabinett sind zwölf von 26 Posten mit Frauen besetzt.

Emma Furaha Rubagumya ist in einer Familie aufgewachsen, die 1959 wegen der Verfolgung der Tutsi nach Tansania geflohen war. Sie erinnert sich, wie ihr Großvater mit ihrem Vater schimpfte, weil dieser ihr erlaubt hatte, auf die Highschool zu gehen anstatt zu heiraten. Ihr Großvater, sagt sie, fürchtete, „sie würde keine gute Frau werden“, wenn sie weiter zur Schule ging.

Heute ist die 52-jährige Rubagumya Parlamentsabgeordnete in Ruanda, 2018 wurde sie gewählt. Sie leitet den Ausschuss für Politische Angelegenheiten und Geschlechtergerechtigkeit. Ihr Großvater, der 1997 starb, hat das nicht mehr erlebt.

Justine Uvuza war Leiterin der Rechtsabteilung im Ministerium für Geschlechter- und Familienförderung. Zu ihren Aufgaben zählte geschlechterdiskriminierende Gesetze zu finden, die überarbeitet oder aufgehoben gehörten. Zum Beispiel ein Verbot der Nachtarbeit für Frauen. Oder ein Gesetz gegen ihre Arbeit als Diplomatinnen, das sie obendrein zum Eigentum des Mannes erklärte, wenn dieser ins Diplomatische Corps eintrat. Die Frauen im Parlament kämpften für Gesetze gegen geschlechtsspezifische Gewalt. So wurde die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt. Und das Erbrecht sieht seit 2016 vor, dass kinderlose Witwen den Besitz ihres verstorbenen Ehemannes erben.

Doch so beeindruckend Ruandas Wandel und die große Zahl von Frauen an der Macht auch sind, verdecken sie eine tiefere Wahrheit über die Grenzen der Veränderung: Die ruandischen Frauen haben ihre Rechte nicht auf der Straße erkämpft; sie haben sie per Gesetz verordnet. Und nun hoffen sie, dass der Geist der Reformen von oben nach unten die breite Gesellschaft durchdringt. Doch weder Rubagumya, die Parlamentsabgeordnete, noch Uvuza, die frühere Leiterin der Rechtsabteilung im Familienministerium, glauben, dass man bereits auf die 30-Prozent-Quote verzichten könnte. Noch habe sich die Gesellschaft nicht so sehr verändert, dass eine angemessene Repräsentanz von Frauen im Parlament gesichert sei.

Justine Uvuza, die in ihrer Dissertation das öffentliche und private Leben von Ruandas weiblichen Parlamentsabgeordneten untersucht hat, sagt, die Macht einer ruandischen Frau, egal wie groß sie in der Öffentlichkeit sein mag, ende noch immer an ihrer Türschwelle: „Die Männer ändern ihre Gewohnheiten nicht.“ Selbst die Ehemänner weiblicher Parlamentsabgeordneter, so Uvuza, erwarteten von ihren Frauen, dass sie die Schuhe des Gatten putzen, ihre Hemden bügeln und ihnen das Badewasser einlassen.

Der logische nächste Schritt in Ruandas Evolution der Geschlechter konzentriere sich daher auf die Männer, auf die familiären Verhältnisse, so Mary Balikungeri, die Direktorin des Ruanda Women’s Network. „Wir müssen auch ihre Sichtweise ändern, indem wir sie in den Dialog einbeziehen.“

Dieser Artikel ist gekürzt. Die komplette Fassung steht in der Ausgabe 11/2019 des National Geographic Magazins mit dem Titel "Frauen: Warum die Zukunft weiblich ist".

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