Zwischen Fakt & Fiktion: Auf der Suche nach den 12 Aposteln

Historische Belege für die Existenz der 12 Apostel sind rar gesät – und einige widersprechen den christlichen Glaubensbekenntnissen.

Tuesday, December 17, 2019,
Von Simon Worrall
Dieses Bild, das auf Leonardo Da Vincis „Abendmahl“ basiert, zeigt Jesus Christus und die Zwölf Apostel. ...
Dieses Bild, das auf Leonardo Da Vincis „Abendmahl“ basiert, zeigt Jesus Christus und die Zwölf Apostel. Rechts neben ihm in grünem Gewand sitzt Jakobus der Ältere – nicht zu verwechseln mit Jakobus, dem ältesten Bruder Jesu. Judas Iskariot (von Jesus aus der Dritte von links) hält einen Geldsack mit 30 Silberstücken, die ihm angeblich gezahlt wurden, um Jesus zu verraten.
Bild Lebrecht Music and Arts Photo Library, Alamy

In der Bibel ernennt Christus zwölf Apostel, die sein Wort in die Welt tragen sollen. Die frühchristliche Kirche verdankt ihren rasanten Aufstieg nicht zuletzt dem missionarischen Eifer dieser Männer. Allerdings gibt es für die Existenz der meisten der zwölf Apostel kaum Belege jenseits des Neuen Testaments.  

In seinem Buch "Apostle: Travels Among the Tombs of the Twelve" (dt.: Apostel: Reisen zwischen den Gräbern der Zwölf) will der Autor Tom Bissell herausfinden, ob es sich bei den Aposteln um historische Persönlichkeiten oder Charaktere in einer fiktionalen Geschichte handelt. Unterwegs marschierte er den 800 Kilometer langen Pilgerpfad Camino de Santiago im Norden Spaniens, besuchte jenen Ort, an dem sich Judas Iskariot erhängt haben soll, und suchte erfolglos nach dem mysteriösen Kloster in Kirgisistan, in dem angeblich die Gebeine des Apostels Matthäus liegen. Es ist eine Reise voller falscher Fährten, Sackgassen und ungelöster Rätsel, an deren Ende Bissell kaum weniger ratlos war als am Anfang.

Im Interview mit National Geographic erzähl er, warum der Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“ eine Inspiration für sein Buch war und wie sich sein Blick auf das Christentum während seiner Reise verändert hat.

Wenn es im ersten Jahrhundert n. Chr. eine New York Times-Bestsellerliste gegeben hätte, in welcher Spalte hätte das Neue Testament dann stehen sollen? Romane oder Sachbücher?

Ich weiß gar nicht, ob diese Unterscheidung für irgendjemanden im ersten Jahrhundert Sinn gemacht hätte. Es wurde nicht zwischen evangelistischer Propaganda und dem, was die Autoren für die Realität hielten, unterschieden. Aus einer modernen Perspektive fällt es schwer, das Evangelium als ungeschönten, wahrheitsgetreuen Bericht anzusehen. Einen journalistischen Impuls gab es damals nicht. Der voreingenommene Glaube der Leute an das Wirken magischer und göttlicher Kräfte hatten Vorrang. Heutzutage könnten wir es vielleicht als kreatives Sachbuch einordnen, mit der Betonung auf „kreativ“.

Sie sind katholisch erzogen worden, hatten dann aber eine Glaubenskrise. Erzählen Sie uns davon, wie Sie das zu dem Buch inspirierte.

Ich hatte nicht wirklich eine Glaubenskrise. Ich habe einfach ein paar Bücher gelesen und dann begriff ich, dass von all dem wahrscheinlich nichts so passiert ist, wie ich dachte. Trotzdem blieb ich weiterhin sehr interessiert an den Geschichten in der hebräischen Bibel und dem Neuen Testament. Ich muss aber gestehen, dass die größte Inspiration für dieses Buch der Film „Das Leben des Brian“ war – diese Szene, in der Brian vor den Römern flieht, aus einem Turm springt und mitten auf einem Marktplatz voller Propheten landet, die irgendwelchen Unsinn brabbeln. Also fängt er an, einfach selbst irgendwelchen Quatsch zu erzählen, und tatsächlich versammelt sich ein Publikum vor ihm. Nachdem ich in katholischen Schulen groß geworden bin und all diese sterilen christlichen Bildungsfilme gesehen habe, schien mir dieser Teil des Films eine deutlich lebhaftere, realistischere und psychologisch glaubhaftere Darstellung des ersten Jahrhunderts zu sein, als ich sie je gesehen hatte.

Autor Tim Bissell bezeichnet den satirischen Film „Das Leben des Brian“ von Monty Python als „lebhafte, realistische und psychologisch glaubhafte Darstellung des ersten Jahrhunderts“.
Bild AF Archive, Alamy

Sie sagen, dass „der besondere Reiz des Christentums größtenteils auf seinem Anspruch auf historischer Legitimität“ fußt – aber die Existenz ihres wichtigsten Augenzeugen ist ungewiss.

Ein paar Namen aus dem Neuen Testament beziehen sich wahrscheinlich auf echte Menschen. Wahrscheinlich gab es einen Peter und einen Johannes, definitiv einen Jakobus (einen Bruder von Jesus) und vermutlich einen Thomas. Abseits davon gibt es keine historischen Quellen, die ihre Existenz belegen, mal abgesehen vom Evangelium. Deshalb glaube ich, dass sie so eine Mischung aus Fakt und Fiktion sind.

Buchcover für „Apostle: Travels Among the Tombs of the Twelve“ 
Bild Courtesy of Penguin Random House

Eines der größten Mysterien der frühchristlichen Geschichte ist, dass wir eine ganze Menge über Paulus wissen. Und wir wissen, dass Jakobus, ein Bruder von Jesus, wirklich existiert hat. Aber keiner von beiden gehört zu den zwölf Aposteln. Wir haben also diese zwölf Menschen, die die ersten Anhänger Jesu waren, aber es gibt keine säkularen Schriftquellen, in denen sie erwähnt werden. In Paulus’ Briefen ist allerdings sowohl von Peter als auch von Johannes die Rede, was vermuten lässt, dass es sich bei den beiden um historische Figuren handelt.

Sie beginnen in Jerusalem Ihre Suche nach der letzten Ruhestätte von Judas Iskariot, den Sie den „Elektromagneten der Boshaftigkeit“ nennen. Erzählen Sie uns von Ihrer Reise – und warum Sie glauben, dass Judas eine historische Figur war.

Das ist eine ziemlich heikle Frage. Laut der christlichen Tradition hat sich Judas auf dem sogenannten Blutacker im Hinnomtal erhängt, einem felsigen Wüstental im Süden von Jerusalem. Wenn man dort ist, fühlt es sich tatsächlich wie ein verfluchter Ort an. Darin liegt die Macht dieser Geschichten. Man spürt die Jahrhunderte des Hasses und der Abscheu gegenüber der Person, die Jesus verraten hat.

Legenden zufolge erhängte sich Judas auf dem Blutacker (Hakeldama) bei Jerusalem. „Wenn man dort ist, fühlt es sich tatsächlich wie ein verfluchter Ort an“, sagt Bissell.
Bild Duby Tal, Alamy

Ob es Judas wirklich gab … ich glaube, es stimmt wahrscheinlich, dass Jesus von irgendjemandem verraten wurde. Ob sein Name nun Judas war, lässt sich schwierig sagen. Ich vermute, der grobe Ablauf der Judasgeschichte, wie ihn die Evangelisten darstellen, ist wahrscheinlich erfunden. In viele anderen Jesusgeschichten scheinen die Autoren alle von derselben Quelle abzuschreiben. Aber bei Judas hatten sie, so glaube ich, weniger Rohmaterial, mit dem sie arbeiten konnten. Deshalb haben sie das Thema alle auf ihre eigene Weise behandelt. Für mich deutet das darauf hin, dass es sich eher um einen fiktionalen Charakter als um eine reale Person handelt.

Ein Team aus Übersetzern und Gelehrten veröffentlichte 2006 im Rahmen seiner Arbeit für National Geographic das „verlorene Judasevangelium“. Brachte das neue Erkenntnisse?

Das Judasevangelium ist ein Artefakt der Sethianer, einer der konfrontativen christlichen Sekte aus dem 2. Jahrhundert. Sie glaubten, dass Judas einen etwas anderen Weg beschritten hat als der konventionelle Judas. Ihr Judas ist gleichzeitig ein Objekt der Verdammnis wie auch der Erleuchtung. Sie glaubten an einen völlig anderen Gott als die proto-orthodoxen Christen ihrer Zeit. Die Sethianer hassten das Modell der apostolischen Autorität, dem andere Christen folgten. In den ersten zwei Jahrhunderten dieser Glaubensrichtung gab es zahlreiche sehr unterschiedliche Formen des Christentums – und einige davon waren ziemlich schräg.

Galerie: Die Apostel

Kirgisistan ist kein Ort, der den meisten in den Sinn kommt, wenn es um Bibelgeschichten geht. Sie haben dort nach dem Grab von Matthäus gesucht. Haben Sie es gefunden?

Heutzutage wirkt Zentralasien nicht gerade wie der christlichste Ort der Welt. Aber bis zum Mittelalter lebten dort eine ganze Menge Christen. Das waren keine römischen oder griechischen Christen, sondern Christen aus Vorderasien, die ostwärts migrierten.

Laut einer mittelalterlichen Karte aus Spanien wurden Matthäus’ Überreste in einem Kloster der Armenischen Bruderschaft beigesetzt, das am Ufer des Yssykköl stehen soll – ein wunderschöner See mitten im Tianshan-Gebirge. Ein russischer Archäologe behauptete 2006, es gefunden zu haben, also habe ich mich auf den Weg gemacht, um es zu finden. Aber ich entdeckte schon bald, dass es dort nie ein armenisches Kloster gegeben hatte, nur ein russisches Kloster aus dem 19. Jahrhundert. Aber es war trotzdem eine meiner schönsten Reisen, weil der Ort so schwer zu finden war, aber auch so bezaubernd. Auch wenn meine Suche nach den Reliquien des Heiligen Matthäus ein antiklimaktisches Ende nahmen.  

“Das Problem mit Jakobus ist, dass er die Jungfrauengeburt widerlegt.”

Jakobus bezeichnen Sie als „besonders schwer definierbaren Charakter“. 2012 kam in Israel ein Ossuarium zum Vorschein, das seine Identität bestätigt haben soll. Ist da was dran?

Wir wissen, dass Jakobus, der Bruder von Jesus, eine reale Person war. Er wird im ersten Jahrhundert von dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus erwähnt. Manche meinen, dass das Ossuarium authentisch ist, aber die aramäische Inschrift „Jakobus, der Bruder Jesu“ nicht. Seinen Leichnam hat noch niemand gefunden, aber er war im ersten Jahrhundert ganz klar eine bekannte Persönlichkeit, die in frühchristlichen Schriften ziemlich oft auftaucht. Die Tatsache, dass Josephus und andere die Zerstörung Jerusalems durch die Römer als göttliche Rache für den Tod von Jakobus (ca. 66 n. Chr.) ansahen, macht deutlich, wie wichtig er war.

Das Grab von Jesus

Ich habe das Ossuarium nicht gesehen und bin kein Archäologe. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Jakobus ein verstecktes Grab mit einem Ossuar hatte. Seine Anhänger hätten ihn sicherlich an einer bedeutenden Stelle beigesetzt. Das Problem mit Jakobus ist, dass er die Jungfrauengeburt widerlegt, an die orthodoxe Christen glauben. Wenn er der ältere Bruder Jesu war, ist das ein Problem, weil Maria eine Jungfrau sein soll. Ich vermute, dass es Jakobus wirklich gab, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Jesus’ älterer Bruder war und dass er nach Jesus die wichtigste Figur im ersten Jahrhundert des Christentums war. Aber diese Jungfrauengeburt macht nicht viel Sinn. Die Gesetze des Universums hören für gewöhnlich nicht einfach auf zu gelten.

Jedes Jahr wandern Tausende Pilger den 80 Kilometer langen Jakobsweg im Norden Spaniens ab, der angeblich zur Grabstätte des Apostels Jakobus führen soll.
Bild Jennie Hart, Alamy

Hat Ihre Reise Sie am Ende davon überzeugt, dass es die Apostel historisch so gegeben hat? Oder waren Sie nur noch unschlüssiger?

Weder noch, wenn ich ehrlich bin. Was mich am meisten ärgert, ist eigentlich die Vorstellung, dass es gut ist, einfach an irgendwas zu glauben. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, denn was wäre, wenn man an etwas Grässliches glaubt? Viele der Auffassungen aus den monotheistischen abrahamitischen Religionen sind aus einer modernen Perspektive ziemlich verstörend: wie Frauen behandelt werden, welchen Status Kinder haben, wie Autorität betrachtet wird. Das alles hat in der heutigen säkularen Gesellschaft keinen Platz.

Im Laufe des Buches hat meine Ablehnung gegenüber dem Christentum aber abgenommen. Jeder, der Opern, Filme oder Romane mag, kann nicht wirklich kritisieren, dass andere in Religion Bedeutung finden. Diese Suche nach dem Sinn in Worten oder Bildern, dieses Bedürfnis danach, sich von fiktionalen Werken überzeugen, mitreißen und inspirieren zu lassen – das alles hat mehr miteinander gemein, als dass es sich voneinander unterscheidet. Die Geschichten der zwölf Apostel sind ein großer Teil des Weges, auf dem sich die westliche Welt beigebracht hat, was Gemeinschaft und Geschichten bedeuten – und Wahrheit, Freundschaft und Loyalität.

“Es ist nur eine Geschichte – und vielleicht ist das das Beste, was es sein kann.”

Wenn man sich darüber ärgert, dass religiöse Menschen das glauben, was sie glauben, ist das so, als würde man sich über Regen ärgern, weil er alles nass macht. Besser ist es doch, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, bei denen wir alle darin übereinstimmen, wie wichtig der Sinn ist, den wir aus Literatur und anderen fiktionalen Werken ziehen können. Ich weiß, dass es für die meisten Christen wie eine Beleidigung klingt, das Neue Testament als fiktionales Werk zu bezeichnen. Aber ich meine das nicht in dem Sinne, dass nichts davon wahr ist. Es geht mir eher darum, Trost in dem Versuch eines anderen Menschen zu finden, das Universum zu ordnen. Es ist nur eine Geschichte – und vielleicht ist das das Beste, was es sein kann.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Christentum

Wei­ter­le­sen