Der erste offizielle Auschwitz-Transport brachte 999 junge Frauen. Dies ist ihre Geschichte.

„Ich dachte, wir würden zu einem Abenteuer aufbrechen“, erzählt eine der Auschwitz-Überlebenden, die nur langsam begriffen, dass sie Gefangene waren.

Friday, January 17, 2020,
Von Heather Dune Macadam
Mädchen im slowakischen Humenné
Zwei der fünf Mädchen in diesem Foto – aufgenommen im slowakischen Humenné etwa 1936 – wurden am 25. März 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Sie waren Teil des ersten offiziellen Judentransports in die Todeslager. Weder Anna Herskovic (zweite von links) noch Lea Friedman (vierte von links) überlebten.
Bild The Grosman and Gross families

POPRAD, SLOWAKEI. „Wir haben Auschwitz eröffnet und geschlossen“, sagt Edith Grosman. Edith und ich sitzen in einem Hotelzimmer aus der Sowjetära inmitten der pittoresken slowakischen Stadt. Draußen sind in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Hohen Tatra zu erkennen. Drinnen spricht Edith, die mittlerweile 95 ist, von jenen schicksalhaften Ereignissen, die ihr gesamtes Leben prägten.

„Wir wachten eines Morgens auf“, erzählt Edith und gestikuliert mit ihrer gespreizten arthritischen Hand, „und sahen draußen auf der Straße an den Hauswänden Zettel kleben mit der Ankündigung, dass alle unverheirateten jüdischen Mädchen ab 16 Jahren am 20. März 1942 zur Schule kommen müssen, um zu arbeiten.“

Dieses Bild der Friedman-Kinder wurde etwa 1936 in Humenné aufgenommen. Von links nach rechts: Herman, Edith, Hilda, Ruthie, Lea und Ishtak.
Bild The Grosman and Gross families

Edith Friedman war damals gerade 17 geworden und hatte davon geträumt, Ärztin zu werden. Ihre 19-jährige Schwester Lea hatte Anwältin werden wollen. Diese Hoffnungen wurden zwei Jahre zuvor jedoch zunichtegemacht, als Hitler die Slowakei annektierte. Die slowakische Regierung begann daraufhin, strenge Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung zu erlassen. Juden durften beispielsweise nur bis zum 14. Lebensjahr unterrichtet werden. „Wir durften nicht mal eine Katze halten”, erzählt Edith ungläubig und hebt dabei die Brauen.

Sie macht eine Pause und seufzt dann schwer bei der Erinnerung an den Aufruf. „Meine Eltern hatten zwei Töchter, die alt genug waren, um dort hinzugehen.“

Ihre Mutter, Hanna, protestierte, erinnert sich Edith. „Sie sagte: Das ist ein furchtbares Gesetz!“

Aber die Behörden in ihrer Stadt, Humenné, versicherten den besorgten Eltern, dass die Mädchen als „freiwillige Helfer“ in einer Fabrik arbeiten würden, die Stiefel für die Truppen herstellte. Also packte Hanna die wenigen Habseligkeiten ihrer Töchter in Umhängetaschen und schickte Edith und Lea los, um sich als Teil dieser neuen weiblichen Arbeiterschaft zu melden. Sie dachte, sie würden zum Mittagessen wieder zu Hause sein.

Edith kannte die meisten der etwa 200 jungen Frauen, die dort Schlange standen. Viele von ihnen waren noch Jugendliche. „Humenné war wie eine große Familie – jeder kannte jeden”, sagt sie. Die lokalen Behörden und das Militärpersonal organsierten die Anmeldungen. Aber unter ihnen befand sich auch ein Mann in SS-Uniform. „Ich hab mir noch gedacht, wie merkwürdig es ist, dass dort ein SS-Mann war“, erinnert sich Edith.

Nachdem ihre Namen notiert worden waren, befahl ein Arzt den Mädchen, sich für eine Untersuchung auszuziehen. Sich vor fremden Männern zu entkleiden, war eigentlich unerhört, aber wer waren sie schon, die Autorität dieser Männer infrage zu stellen? „Es war keine richtige Untersuchung“, bemerkt Edith abfällig. „Niemand wurde abgelehnt.“

Einige Eltern hatten sich vor der Schule eingefunden. Die Mittagszeit kam und ging, und sie wunderten sich, was so lange dauerte an diesem Freitag, an dem sich die Familien auf den Sabbat vorbereiteten. Dann bemerkte jemand, dass die Wachen die Mädchen aus einem Hintereingang geschleust hatten und sie zum Bahnhof brachten. Die beunruhigten Eltern rannten ihnen nach, riefen die Namen ihrer Kinder und verlangten zu wissen, wo ihre Töchter hingebracht wurden. Eine Antwort erhielten sie von niemandem.

Von den neun jüdischen Mädchen auf diesem Klassenfoto überlebten nur drei den Holocaust. Edith Friedman ist die zweite von links in der obersten Reihe.
Bild The Grosman and Gross families

Am Bahnhof wurden die Mädchen in die Waggons geschickt, ohne dass sie sich von ihren Eltern verabschieden konnten. Edith konnte die Stimme ihrer Mutter in der Menge hören: „Um Lea mach ich mir keine Sorgen – aber Edith, an der ist doch nichts dran.“ In der Familie wurde gern gewitzelt, dass ein Windstoß von den Bergen die zierliche Edith davonwehen würde, wenn sie nicht aufpasste.

Als der Zug aus dem Bahnhof fuhr, versuchten einige der älteren Mädchen, die jüngeren bei Laune zu halten. „Ich dachte, wir würden zu einem Abenteuer aufbrechen“, erzählt eine von Ediths Kindheitsfreundinnen, Margie Becker. „Als wir die wunderschönen Berge der Hohen Tatra sahen, sangen alle ‚Die schönen Berge‘ und die slowakische Nationalhymne.“

In Poprad, etwa 120 Kilometer westlich von Humenné, verließen Edith und ihre Freundinnen den Zug und wurden in leere Armeebaracken gebracht. Am nächsten Morgen befahlen die Wachmänner ihnen, die Baracken zu putzen. „Wir dachten, dass es das vielleicht ist“, sagt Edith. „Vielleicht war das die Arbeit, die wir tun sollten.“ Dann kam ein weiterer Zug mit jungen Frauen an. Am folgenden Tag waren es noch mehr Züge mit jungen, unverheirateten Jüdinnen aus der Region.

Fünf Tage, nachdem Ediths Gruppe aus Humenné ihr Zuhause verlassen hatte, befanden sich fast 1.000 junge Frauen in Poprad. Die Wachen befahlen ihnen, ihre Sachen zu packen. Als sie die Baracken verließen, entdeckten sie Viehwaggons auf den Schienen. „Wir haben geweint“, sagt Edith. „Wir hatten solche Angst.“

Edith erzählt, dass sie sich geweigert haben, in die Waggons zu steigen. Die Wachen haben sie geschlagen, bis sie schließlich in die feuchten, stinkenden Waggons stolperten. „Meine Schwester und unsere beste Freundin waren dort – wir wollten zusammenbleiben“, sagt sie. „Da drinnen gab es nichts. Keinen Eimer. Kein Wasser. Gar nichts. Nur ein kleines Fenster.” Sie zeichnet mit den Fingern ein kleines Rechteck nach, um zu zeigen, wie winzig das Fenster war. „Und es war von außen verriegelt.“

Dieses Foto von Edith Grosman im Alter von 92 Jahren entstand am 24. März 2017 in Poprad, Slowakei – 75 Jahre nach der ersten offiziellen Deportation nach Auschwitz.
Bild Stephen Hopkins

Sie hatten keine Ahnung, wo es für sie hingehen würde. Aber obwohl sie Angst hatte, war Edith froh, dass Lea und Margie vom Laden an der Ecke bei ihr waren; Adela Gross mit dem feuerroten Haar; Anna Herskovic, die gerne mit Lea ins Kino ging; und viele andere, die sie aus der Schule, aus der Synagoge und vom Markt kannten.

Nach einigen Stunden, mitten in der Nacht, machte der Zug an der Grenze zwischen der Slowakei und dem Deutschen Reich (auf dem Gebiet des heutigen Polen) Halt. Eine geheime Transaktion zwischen den beiden Regierungen wurde finalisiert: Die Slowaken zahlten dem Deutschen Reich 500 Reichsmark als „Umsiedlungsgebühr“ für jede der jungen Frauen. Damit rollte der erste offizielle Zug von Hitlers „Endlösung“ weiter in den Südwesten Polens.

Leben und Sterben in Auschwitz

Warum begann Hitlers Plan zur Auslöschung der Juden in polnischen Arbeits- und Vernichtungslagern mit 999 jungen Frauen? Die faschistische Regierung wollte die fruchtbaren Gebärerinnen der nächsten Generation eliminieren. Laut dem slowakischen Historiker Pavol Mešťan war es zudem auch einfacher, die Familien zur Herausgabe ihrer Töchter zu bewegen als zu der ihrer Söhne. Außerdem glaubte man, die Mädchen wären ein guter Anreiz für die Familien, ihnen in die Lager zu folgen, in die die Juden „umgesiedelt“ wurden – ein Euphemismus der Nazis für ihre Tötung.

Als der Zug endlich am Ziel war, fanden sich Edith, Lea und ihre Freundinnen in einer Einöde wieder. So weit das Auge reichte, sahen sie nichts als Schnee. „Da gab es gar nichts – das war ein völlig verlassener Ort.“

Als Edith Friedman und die anderen jungen Frauen in Auschwitz ankamen, war ihnen zunächst nicht klar, dass sie Gefangene waren. Aber Edith wunderte sich über den Stacheldraht rund um die Baracken. Mittlerweile ist der Gebäudekomplex, hier auf einem Foto von 1990 zu sehen, eine Gedenkstätte.
Bild Francois LE DIASCORN, Gamma-Rapho/Getty

Wachen befahlen Männern in gestreiften Uniformen, die Mädchen mit Stöcken aus den Zügen zu treiben. Eine der polnischen Überlebenden erinnert sich, wie einer von ihnen den Mädchen zuflüsterte: „Macht schnell! Wir wollen euch nicht wehtun.“ Nach fast zwölf Stunden in dem eiskalten Waggon hatten Edith und die anderen Mühe, ihre Habseligkeiten über die verschneiten Felder zu den „flackernden Lichtern und Kästen“ zu tragen, wie eine der Überlebenden das Lager beschrieb. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Auschwitz als Konzentrationslager für Männer gedient. Die meisten von ihnen waren Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer. Edith hatte keine Ahnung, dass die Männer in den Uniformen Gefangene waren. Ebenso wenig war ihr klar, dass sie selbst eine Gefangene war, auch wenn sie sich über den Stacheldraht wunderte.

Als die Mädchen ins Lager liefen, flüsterte Linda Reich – eine der Überlebenden – einer Freundin zu: „Das muss die Fabrik sein, in der wir arbeiten werden.“ Das Gebäude, auf das sie wies, war eine Gaskammer.

Während der nächsten drei Jahren wurden in dem knapp 40 Quadratkilometer großen Barackenkomplex fünf Gaskammern und Krematorien errichtet. Die Kammer, die Reich in jenem März aufgefallen war, wurde zwar erst im Juli in Betrieb genommen, aber die Nazis fanden andere Wege, um die gesunden jungen Frauen zu töten. Mit nur 600 Kalorien am Tag mussten sie Knochenarbeit verrichten: Sie rissen Gebäude ab und verrichteten Erdarbeiten, zumeist mit bloßen Händen und ungeeigneter Kleidung. Es dauerte nicht lange, bis sie von den Anstrengungen ausgezehrt waren. „Die Mädchen begannen zu sterben“, sagt Edith.

“Warum sonst haben wir überlebt, wenn nicht, um davon zu erzählen?”

von EDITH GROSMAN, AUSCHWITZ-ÜBERLEBENDE

„Manche sagen ja, dass Engel Flügel haben“, sagt Edith mit sanfter, nachdenklicher Stimme. „Meine Engel hatten Füße.“ Eine der weniger mühsamen Arbeiten im Lager bestand darin, die Kleidung und Habseligkeiten der neuen Gefangenen zu sortieren. Margie Becker hatte diese Aufgabe zugeteilt bekommen, und als Ediths Schuhe kaputtgingen, brachte ihr Margie ein neues Paar. „Schuhe konnten dort dein Leben retten“, so Edith.

Um Ediths Schwester zu retten, hätte es weit mehr als Schuhe gebraucht. Im August 1942 wurden die Frauen in ein anderes Lager des Komplexes verlegt: Birkenau. Die Bedingungen waren dort so schlecht, dass bald eine Typhusepidemie um sich griff und sowohl Gefangene als auch Wärter das Leben kostete.

Als Lea krank wurde, war sie gerade einem Arbeitskommando zugeteilt, in dem sie den ganzen Tag in kaltem Wasser stehen und Gräben säubern musste. Wochenlang überließ Edith Lea ihre Suppe, weil diese kein Brot schlucken konnte. Irgendwann konnte ihre Schwester nicht mehr aufstehen. Ihr hohes Fieber blieb unbehandelt.

Edith hatte Glück: Sie wurde eingeteilt, um Kleidung zu sortieren. Als sie eines Abends nach der Arbeit in ihren Block zurückkehrte, war Lea verschwunden. Man hatte sie in Block 22 verlegt – die Krankenstation. Niemand entkam von dort. Die Gefangenen wurden dort „zwischengelagert“, bis Lastwagen kamen, um sie in die Gaskammern zu bringen.

Eines Tages schlich sich Edith dort hinein und fand Lea auf dem dreckigen Boden liegend. „Ich habe ihre Hand gehalten und ihre Wange geküsst. Ich wusste, dass sie mich hören kann. Ich saß bei ihr, sah in ihr schönes Gesicht und dachte, dass ich dort liegen sollte an ihrer statt. Die Schuldgefühle des Überlebenden – die hören nie auf.“

Noch am selben Tag leiteten die Nazis Maßnahmen ein, um das Lager von den infizierten Gefangenen zu „säubern“. Als Ediths Gruppe von der Arbeit zurückkam, mussten sie sich ausziehen und durch das Tor an den SS-Wachen vorbeilaufen. Frauen mit den charakteristischen Typhusflecken wurden aussortiert und in die Gaskammern gebracht.

Drinnen war Edith überwältigt von dem, was sie erwartete. „Das Lager war leer“, sagt sie. Linda Reich erinnert sich, dass sie in ihrem Block nur noch 20 der tausenden von Frauen vorfand, die sie dort am Morgen noch gesehen hatte. Alle anderen waren in die Gaskammern gebracht worden – und mit ihnen auch Lea.

Ein Leben ohne Lea war keines, das Edith leben wollte. Aber sie war eine Kämpferin. „Warum sonst haben wir überlebt, wenn nicht, um davon zu erzählen?“ Edith zog ihren Mut und ihren Überlebenswillen aus einem ihrer Engel mit Füßen, der 16-jährigen Elsa Rosenthal. Die sogenannten Lagerschwestern waren wie echte Schwestern für die Frauen, die jemanden brauchten – insbesondere nach dem Tod einer leiblichen Schwester. Als Ediths Lagerschwester passte Elsa auf, dass Edith weiterhin aß. Nachts schlief sie neben ihr und hielt sie warm. Und sie sagte ihr: „Ohne dich kann ich nicht überleben.“

„Also musste ich weiterleben“, erzählt Edith.

Flucht aus Auschwitz: „Der Schnee war rot vom Blut.“

Fast drei Jahre, nachdem sie als Jugendliche in Auschwitz angekommen waren, mussten Edith und ihre wenigen verbliebenen Freundinnen ihr letztes Martyrium ertragen. Die Nazis machten Pläne zur Evakuierung des Lagers, um vor der herannahenden Roten Armee zu flüchten. In der Ferne flackerte der Nachthimmel rot und golden, als Krakau brannte. Am 8. Januar 1945 mussten die letzten Gefangenen von Auschwitz in einem Schneesturm Richtung Reichsmitte losziehen. Etwa 15.000 Häftlinge starben bei dem mehrtägigen Todesmarsch durch Polen.

Von all den Gräueln und Entbehrungen, die die Mädchen seit ihrem Abtransport erlitten hatten, „war das das Schlimmste“, sagt Edith. „Der Schnee war rot vom Blut.“ Wenn ein Gefangener stolperte und stürzte, wurde er oder sie erschossen. Das Schicksal der Schwestern hing am seidenen Faden. Wann immer eine ihrer Freundinnen in den Schnee fiel, zogen Elsa und Edith sie wieder hoch, bevor ein SS-Offizier sie erschießen konnte.

Als Edith keinen Schritt mehr tun konnte, drängte ihre Kindheitsfreundin Irina Fein sie zum Weitergehen. Es gab kein Essen. Sie schliefen in Scheunen. „Ich bin mit meinem Bein den ganzen Weg über gehumpelt. Wie konnte ich das überleben, wenn andere, körperlich gesunde [Häftlinge] dabei starben?“, fragt sie sich noch heute.

Die Sowjetarmee befreite Auschwitz am 27. Januar 1945. Sie fanden 7.000 ausgemergelte Gefangene vor. 4.000 von ihnen waren Frauen. Hunderte Leichen lagen vergessen auf dem Gelände. In den folgenden Wochen starben hunderte weitere infolge von Unterernährung und Krankheiten.

Derweil versklavten die Deutschen Edith und tausende weitere Gefangene im KZ Ravensbrück und in anderen Lagern wie Bergen Belsen und Mauthausen. In den überfüllten Baracken mangelte es an allem. Als ein Kessel mit Suppe auskippte, fielen die Frauen auf die Knie und versuchten sie aufzulecken, erinnert sich Linda Reich.

Bei diesem fröhlichen Familientreffen der Friedmans in Israel 1963 fehlt Lea, die am 5. Dezember 1942 in Auschwitz starb. Von links nach rechts: Herman, Edith (mit herausgestreckter Zunge), Margita (Ediths ältere Schwester), Ruthie (Ediths jüngste Schwester), Hilda und Ishtak. Ihre Eltern, Hanna und Emmanuel, stehen ganz vorn.
Bild The Grosman and Gross families

Edith und Elsa wurden in ein kleineres Arbeitslager geschickt, wo sie Flugzeuglandebahnen reparierten, die immer wieder von den Alliierten zerbombt wurden. Wenn die Bombenflugzeuge die Anlage angriffen, rannten die SS-Wachen in ihre Bunker und die Gefangenen in die Küche, erzählt Edith. „Wir hatten also ein besseres Leben. Wir hatten etwas zu essen.“

Am 8. Mai 1945 wurde in Europa der Waffenstillstand erklärt. Von den 999 Frauen, die als erste in Auschwitz ankamen, haben wahrscheinlich weniger als 100 überlebt. Unter ihnen befanden sich acht von Ediths Kindheitsfreundinnen. Edith und Elsa haben sechs Wochen gebraucht, um wieder nach Hause in die Slowakei zu kommen. Dort wartete die nächste Herausforderung auf Edith. Sie hatte sich in Auschwitz eine Knochentuberkulose zugezogen und erkrankte nach ihrer Befreiung schwer. „Auschwitz hat mich körperlich behindert“, sagt sie. „Und Elsa hat psychische Schäden davongetragen. Angst und innere Unruhe quälten sie ihr ganzes restliches Leben lang.“

Trotz ihrer Erkrankung hatte Edith etwas Entscheidendes nicht verloren: „Ich war so voller Hoffnung für die Welt, für die Menschheit, für unsere Zukunft. Ich dachte: Jetzt wird sich die Welt zum Guten ändern.“ Und sie hatte die Liebe gefunden. 1948 heiratete sie den Autor und Drehbuchschreiber Ladislav Grosman, dessen Film „Der Laden auf dem Korso“ 1965 den Oskar für den besten ausländischen Film gewann. Ladislav starb 1981.

Obwohl Edith ihren Traum, Ärztin zu werden, nie erfüllen konnte, ging sie noch auf eine höhere Schule und arbeitete später als Biologin und Forscherin in der kommunistischen Tschechoslowakei und später in Israel. Mittlerweile lebt sie im kanadischen Toronto, in der Nähe ihrer Enkel und Urenkel.

„Man hat seine kleinen Höllen, aber auch seine kleinen Paradiese“, sagt Edith über ihr Leben. „Ich habe all das hier auf dieser Erde.“

Aber 75 Jahre nach Auschwitz macht sich Edith Sorgen, dass die Welt der Hoffnung nicht gerecht wird, die sie 1945 verspürte. Der Antisemitismus greift wieder um sich, Hasskriminalität durchtränkt die Nachrichtenmeldungen. „Warum gibt es noch Kriege?“, fragt sie. „Bitte, bitte, ihr müsst das begreifen: Im Krieg gibt es keine Gewinner.“ Ihre Stimme ist schwach, aber eindringlich. „Ein Krieg ist das Schlimmste, das der Menschheit passieren kann.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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