Geschichte und Kultur

Cold-Case-Team ermittelt: Wer verriet Anne Frank?

75 Jahre nach ihrer Ergreifung versuchen Ermittler mit moderner Technik herauszufinden, wie Anne Frank und ihre Familie entdeckt wurden.Dienstag, 6. August 2019

Von Sydney Combs
Diese Passbilder von Anne Frank entstanden 1939, bevor sie und ihre Familie sich in ihr Versteck zurückziehen mussten. Die Franks hatten zweimal versucht, in die USA auszuwandern. Aufgrund bürokratischer Hürden und strenger Einwanderungsbestimmungen mussten sie jedoch in Amsterdam bleiben.

Mehr als zwei Jahre hatten sich Anne Frank und sieben weitere Menschen in einem Hinterhaus der Firma ihres Vaters versteckt, bevor sie am 4. August 1944 von deutschen und niederländischen Behörden entdeckt wurden. Die Frage danach, wer – oder was – letztendlich für ihre Entdeckung gesorgt hat, ist auch 75 Jahre später noch ungeklärt.

Historiker, Datenwissenschaftler und ein forensisches Team für ungeklärte Kriminalfälle nutzen deshalb neue Technologien, um den Informanten ausfindig zu machen. Einige von ihnen sind gar der Meinung, dass Frank eher zufällig entdeckt worden sein könnte.

Anne Franks erstes Tagebuch war rot kariert. Darin dokumentierte sie die Ereignisse vom 12. Juni bis zum 5. Dezember 1942 – die ersten Monate ihrer Familie in dem Versteck.

„Das Tagebuch der Anne Frank“, das sie zwischen ihrem 13. und 15. Lebensjahr schrieb, ist mittlerweile der meistgelesene Text, der aus dem Schrecken des Holocaust hervorging. Für die Niederlande wurde Anne Franks Geschichte, in der einfache Bürger ihr Leben für Menschen in Not riskiert haben, zu einer der dominantesten Narrative über die Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg.

Mitunter lenkt Franks Geschichte aber von der komplexen Beziehung der Niederländer zu Deutschland ab, die sich nicht selten an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligten. Bis zu 80 Prozent der niederländischen Juden wurden während des Krieges getötet – der zweithöchste Prozentsatz überhaupt, der nur von Polen übertroffen wird.

„Die Niederlande haben an der Idee des Heldentums festgehalten“, sagt Emile Schrijver, der Direktor des Jüdischen Historischen Museums und des Jüdischen Viertels von Amsterdam. „Es hat eine ganze Generation lang gedauert, um die Rolle als Täter und vor allem als Zuschauer zu akzeptieren.“

Viele Verdächtige, wenig Fakten

Der Blick aus dem Hinterhaus, in dem sich Anne Frank und sieben andere Menschen – ihre Schwester, ihre Eltern, die Familie van Pels und Fritz Pfeffer – versteckten.

Im Laufe der Jahre wurden mehr als 30 Personen verdächtigt, Anne Frank und ihre Freunde und Familie verraten zu haben.

Edith Frank, Annes Mutter, starb am 6. Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau – drei Wochen vor der Befreiung des Lagers.

Zu den Verdächtigten zählte auch ein neugieriger Angestellter, der in der Firma des Vaters arbeitete. Zweimal liefen Ermittlungen gegen ihn, um festzustellen, ob er tatsächlich der Schuldige war – erstmals 1947 und dann ein weiteres Mal 1963. Wilhelm Geradus von Maaren beteuerte jedoch seine Unschuld und wurde in Ermangelung jeglicher Beweise freigesprochen. Eine weitere Verdächtige war Lena Hartog van Bladeren, die mit der Ungezieferbekämpfung in der Firma betraut war und damals ein gefährliches Gerücht in Umlauf gebracht hatte. In späteren Interviews mit Lena bestätigte sich jedoch nicht, dass sie von dem Versteck wusste.

So setzt sich die Liste der Verdächtigen fort, allerdings ohne ausreichend Beweise, um die Beteiligung irgendeiner Person zu beweisen oder zu widerlegen. Gertjan Broek, der führende Ermittler des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam, glaubt, dass die Suche nach einem Informanten die Forscher womöglich auf eine falsche Fährte führen könnte. „Wenn die Frage lautet ‚Wer hat Anne Frank verraten?‘, dann hat man bereits einen Tunnelblick und schließt andere Optionen aus“, sagt er.

Broek zufolge sei es möglich, dass die Franks gar nicht verraten, sondern durch Zufall entdeckt wurden. Es bestehe die Möglichkeit, dass die Versteckten im Rahmen einer Durchsuchung wegen Schwarzhandels mit rationierten Essensmarken aufflogen. Zu diesem Schluss kam er nach einem zweijährigen Forschungsprojekt zu dem Thema.

Von den acht Juden, die am 4. August 1944 inhaftiert wurden, war Anne Franks Vater Otto der einzige Überlebende. Er zog später in die Schweiz und starb 1980.

Wenn die wenigen bestätigten Fakten dieses Tages zusammen betrachtet werden, unterstützen sie diese Theorie. Beispielsweise hatten die deutschen und niederländischen Behörden bei ihrer Ankunft keine Transportpapiere für die versteckten Menschen dabei, sondern mussten improvisieren. Einer der drei Beamten, die bei der Durchsuchung anwesend waren, gehörte zu einer Einheit, die Wirtschaftsverbrechen untersuchte. Außerdem wurden zwei Männer festgenommen, die die Franks und die anderen Versteckten mit Essensmarken vom Schwarzmarkt versorgten – allerdings wurden die Ermittlungen gegen einen von beiden aus unbekannten Gründen eingestellt. Es ist daher möglich, dass einer der beiden Männer einen Handel mit den Behörden einging, insbesondere im Hinblick auf die Tatsache, dass der Beamte, der mit dem Fall der Essensmarken betraut war, auch bei der Entdeckung und Festnahme der Franks anwesend war.

Obwohl die Theorie plausibel erscheint, kann Broek sie nicht beweisen. „Leider gibt es am Ende natürlich kein überzeugendes Beweismaterial. Aber je mehr Fakten man bestätigen kann, desto weiter grenzt man den Bereich des Möglichen ein, und darin liegt der große Wert der Sache.“

Schlagzeilen gegen Hitler
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Datenanalyse soll helfen

Eine andere Gruppe aus Forensikern, Kriminologen und Datenwissenschaftlern hofft, diesen Bereich sogar auf einen einzigen Täter eingrenzen zu können. Das Team unter der Leitung des pensionierten FBI-Agenten Vincent Pankoke behandelt die Ermittlungen wie einen modernen Kriminalfall. Jahrelang durchkämmten die Ermittler Archive und Interviews aus aller Welt. Hinweise prüften sie derweil auch mit technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts: Das Team erstellte einen 3D-Scan vom Versteck der Franks, um herauszufinden, in welchem Umfang dort entstandene Geräusche noch in Nachbargebäuden zu hören waren.

Darüber hinaus verwendet das Team eine künstliche Intelligenz, um versteckte Zusammenhänge zwischen Menschen, Orten und Ereignissen herzustellen, die mit dem Fall zu tun haben. Das Datenwissenschaftsunternehmen Xomnia hat ein spezielles Programm geschrieben, welches archivierte Texte analysiert, um vielschichtige vernetzte Pläne zu erzeugen.

„Man kann beispielsweise nachsehen, wie oft Worte oder Namen zusammen auftauchen. Wenn bestimmte Namen oft zusammen genannt werden, kann man eine Art Netzwerk erstellen und sowas wie eine Netzwerkanalyse durchführen“, erklärt Robbert van Hintum, der führende Datenwissenschaftler von Xomnia. Beispielsweise könnte man Adressen mit Familienverhältnissen und Polizeiberichten abgleichen, um herauszufinden, wer an diversen Ereignissen in Franks Nachbarschaft beteiligt war oder von ihnen wusste.

„Wenn wir all diese Dimensionen kombinieren, entsteht ein Bild, das man vorher nicht sehen konnte“, so van Hintum.

Das Team „Cold Case Diary“ wird seine Ergebnisse in einem Buch veröffentlichen, das für 2021 angekündigt wurde.

Von den acht Juden, die sich in dem Hinterhaus versteckten, überlebte nur Annes Vater Otto den Krieg. Um einen möglichen Verräter zur Rechenschaft zu ziehen, mag es mittlerweile zu spät sein. Aber mit dem wieder aufflammenden Antisemitismus haben derartige Nachforschungen auch heute noch für viele Menschen eine große Bedeutung. „Wenn wir besser verstehen, was damals geschehen ist, können wir daraus lernen, wie Leute miteinander umgehen, und uns auf die Zukunft vorbereiten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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