Sensationsfund: Lösegeld der Pariser an die Wikinger entdeckt?

In Polen ist ein mehr als 1100 Jahre alter Münzschatz aufgetaucht. Der Fund könnte ein historisches Rätsel lösen.

Von Alexander Müller
Veröffentlicht am 30. Sept. 2021, 10:06 MESZ
Wikinger auf dem Weg nach Paris: gemalte Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

Kurs auf Paris nahmen die Wikinger im Jahr 845 n. Chr. Sie waren vom heutigen Dänemark aus in Richtung Süden gesegelt und fuhren dann die Seine hoch (Darstellung aus dem 19. Jahrhundert).

Bild AKG-IMAGES / PICTURE ALLIANCE

Als Przemyslaw Witkowski im November 2020 mit seinem Metalldetektor in einem Feld bei Biskupiec im Nordosten Polens auf vergrabene Münzen stieß, war er zunächst nicht begeistert. Wahrscheinlich mal wieder ein paar weggeworfene Zlotys, dachte er. Später, nachdem der Schatzjäger seinen Fund gewaschen hatte, erkannte er, dass es sich hier um etwas ganz anderes handelte. Er schickte Fotos an Lukasz Szczepanski, den archäologischen Leiter des historischen Museums in der polnischen Stadt Ostróda. Der war überwältigt: Was er ansah, waren mehr als 1100 Jahre alte Münzen aus der Zeit der Karolinger, die vom 8. bis ins 10. Jahrhundert das Frankenreich beherrschten.

Die Münzen zeigen die Spuren der Jahrhunderte. Da sie unter einem Acker lagen, sind manche wahrscheinlich durch den Pflug von Bauern verbogen worden. Auf fast allen karolingischen Münzen ist ein bestimmtes Motiv abgebildet: Im Zentrum befindet sich ein Kreuz, rundherum ist der Name „Hludovvicus“ zu lesen. Diese Inschrift könnte auf den fränkischen Kaiser Ludwig den Frommen (778–840 n. Chr.) deuten. Er war der Sohn von Kaiser Karl dem Großen und Vater von Karl dem Kahlen.

Bild Museum Ostróda

Im März dieses Jahres schloss sich Szczepanski deshalb den Schatzsuchern um Witkowski an, und tatsächlich entdeckten sie am Fundort noch mehr als hundert weitere Silbermünzen.

Die Sensation war perfekt. 117 der Münzen wurden wohl in der Zeit von Ludwig dem Frommen, dem Sohn und Nachfolger Karls des Großen, geprägt. Eine Münze stammt aus der Regierungszeit Karls des Kahlen (840–877 n. Chr.).

Schnell kam in der Fachwelt die Frage auf, wie eine so große Menge Münzen so weit entfernt vom Karolingerreich landen konnte. Das Herrschaftsgebiet der Franken erstreckte sich immerhin grob vom Atlantik bis zur Elbe. Bisher hatte man in ganz Polen überhaupt nur drei Münzen dieser Art gefunden. Szczepanski stellte nun die These auf, es könnte sich um Teile jenes umfassenden Silberschatzes handeln, den der fränkische König Karl der Kahle im Jahr 845 Wikingern zahlen musste, damit diese ihre Belagerung von Paris aufgaben.

Handel in Truso

Tatsächlich hat man bis heute nie herausgefunden, was mit diesem immensen Schatz geschehen ist. Für die Lösegeldtheorie spricht, dass sich nordwestlich vom Fundort an der Ostseeküste einst ein wichtiger Umschlagplatz der Wikinger befunden hat, der Truso genannt wurde. Dort handelten die Wikinger mit Pelzen und Bernstein. Wichtigstes Handelsgut aber waren Sklaven, die in die umliegenden Regionen und das Baltikum gebracht wurden. Vielleicht sollte mit dem Geld aus Paris in Truso Ware eingekauft werden.

Wertvoller Schatz: 118 karolingische Silbermünzen aus dem 9. Jahrhundert sind im Nordosten Polens gefunden worden.

Bild Museum Ostróda

Gegen die These spricht allerdings, dass man bisher noch keine Silberbarren entdeckt hat, die höchstwahrscheinlich ebenfalls Teil der Zahlungen der Pariser an die Wikinger gewesen waren. „Der Fund der Barren würde die Lösegeldtheorie untermauern“, sagt Stéphane Lebecq, emeritierter Professor der Universität von Lille.

Szczepanski plant noch in diesem Jahr eine groß angelegte Ausgrabung. Die gefundenen Münzen befinden sich zurzeit in Warschau, wo Experten sie in einem Labor untersuchen. Diese weiteren Forschungen könnten klären, ob man tatsächlich auf den Pariser Silberschatz von 845 gestoßen ist – für die jüngere polnische Archäologie ist der Fund allemal einzigartig.

NATIONAL GEOGRAPHIC HISTORY ist seit 10.September 2021 im Handel erhältlich.

Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der Ausgabe 02/2021 von NATIONAL GEOGRAPHIC HISTORY (seit 10. September am Kiosk erhältlich). Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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