Zeitmessung in der Steinzeit: Stonehenge war ein äußerst präziser Sonnenkalender

Neue Untersuchungen zeigen, dass der Steinkreis aus dem Neolithikum nicht nur auf einer Linie mit den Sonnenwenden liegt. Er war ein komplexer Kalender, der Monate, Wochen und sogar Tage anzeigen konnte.

Veröffentlicht am 11. März 2022, 11:36 MEZ
Sonnenaufgang bei Stonehenge, Wiltshire.

Sonnenaufgang bei Stonehenge, Wiltshire. Der Steinkreis war ein Kalender, an dem das Jahr abgelesen werden konnte.

Foto von Ankit Sood on Unsplash

Es ist eines der rätselhaftesten Bauwerke der Menschheit: das neolithische Monument Stonehenge in der Nähe von Amesbury in der englischen Grafschaft Wiltshire. Wer seinen Namen hört, hat oft direkt das Bild der tonnenschweren Trag- und Decksteine vor Augen, die einen mystischen Kreis bilden. Dabei ist nicht nur die Frage faszinierend, wie es die Menschen der Jungsteinzeit geschafft haben, eine solche Konstruktion mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu errichten. Die Frage ist auch: Welchen Zweck sollte das Monument erfüllen?

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts stellte der britische Astronom Joseph Norman Lockyer fest, dass der sogenannte Heel-Stone der Formation auf den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende ausgerichtet ist. Die Annahme, dass es sich bei Stonehenge um eine Art frühzeitlichen Kalender handelt, gilt deswegen in der Wissenschaft als hochwahrscheinlich. Wie genau und nach welchem System aber die Zeitmessung mithilfe der Steinblöcke funktioniert haben soll, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden.

Warum wurde Stonehenge gebaut?

Der britische Archäologe Timothy Darvill von der Bournemouth University in England hat nun neueste Erkenntnisse und Funde im Umfeld von Stonehenge mit Analysen antiker Kalendersysteme verknüpft. In seiner Studie, die in der Zeitschrift Antiquity erschienen ist, kommt er zu dem Schluss, dass es sich bei der Anlage um einen Sonnenkalender handelt, dessen Funktionsweise weitaus präziser war, als bisher angenommen.

„Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Stonehenge auf einem tropischen Sonnenjahr von 365,25 Tagen basiert“, sagt er.

Entscheidend für diese Annahme ist unter anderem eine Studie aus dem Jahr 2020, laut der die Sarsen – die tonnenschweren Sandsteinblöcke, mit denen Stonehenge erbaut wurde – alle aus demselben Gebiet stammen, das in einer Entfernung von 25 Kilometern zu der Stätte liegt. Es konnte außerdem nachgewiesen wurde, dass sich ihr Platz in der Anlage im Laufe der Zeit nicht verändert hat. Diese beiden Aspekte sind wichtige Indizien dafür, dass das Monument eine Einheit bildet, in der jeder Stein in Verbindung mit den anderen eine Aufgabe erfüllt.

Der Stonehenge-Sonnenkalender 

Um die Funktionsweise von Stonehenge zu verstehen, glich Timothy Darvill also die Anordnung der Sarsen im ursprünglichen Aufbau von Stonehenge mit antiken Kalendersystemen ab. Seine Berechnungen ergaben, dass Stonehenge ein einfacher Sonnenkalender war, mit dessen Hilfe die steinzeitlichen Bewohner Wiltshires den Überblick über die Tage, Wochen und Monate eines Jahres behalten konnten.

„Jeder der 30 Steine im Sarsen-Kreis steht für einen Tag innerhalb eines Monats, der wiederum in drei Wochen zu je zehn Tagen unterteilt ist", erklärt Timothy Darvill. Außerdem gäbe es besonders markante Steine im Kreis, die jeweils den Beginn jeder dieser Wochen markieren.

Nach zwölf Durchläufen des Steinkreises wäre demnach ein Jahr abgeschlossen – dieses hätte jedoch nur 360 Tage umfasst. Um eine Übereinstimmung mit den tatsächlichen 365,25 Tagen des Sonnenjahrs herzustellen, musste der Formation außerdem einen Schaltmonat von fünf Tagen hinzugefügt werden. Für diese zusätzlichen fünf Tage, die vermutlich den Gottheiten der Stätte gewidmet waren, stehen laut Timothy Darvill die fünf Trilithen – die ikonischen Torbauten aus zwei Tragsteinen und einem Deckstein – im Zentrum der Stätte.

Auch Schalttage wurden einbezogen

Die Zeit bis zum Schalttag markieren ihm zufolge die vier Stationssteine außerhalb des Sarsen-Kreises.
Die noch zum kompletten Sonnenjahr fehlenden 0,25 Tage werden durch ein Viereck von vier außerhalb des Steinkreises liegende Steinblöcke abgedeckt.

Winter- und Sommersonnenwende werden in diesem Aufbau Jahr um Jahr von denselben Steinpaaren eingerahmt. Zur Wintersonnenwende scheint die aufgehende Sonne zusätzlich durch einen der Trilithen, was nahelegt, dass sie den Beginn eines neuen Jahres markiert. Die Ausrichtung nach den Sonnenwenden war zudem wichtig für die Kalibrierung des Kalenders: Ein Fehler in der Aufstellung wäre dadurch deutlich geworden, dass die Sonne zu den Sonnenwenden an der falschen Stelle steht.

Diese Grafik zeigt, wie die Kombination von Sarsen-Elemente in Stonehenge den Aufbau eines Sonnenkalenders bilden. Nicht-Sarsen-Elemente wurden aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht abgebildet.

Foto von Grafik: V. Constant

Einfluss fremder Kulturen

Der Stonehenge zugrunde liegende Kalender mit 10-Tage-Wochen und zusätzlichen Monaten war zu der Zeit des Entstehens des Monuments bereits in einigen anderen Kulturen in Gebrauch. Er entwickelte sich ab dem Jahr 3000 v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum und kam im Alten Ägypten um 2600 v. Chr. weitverbreitet zum Einsatz.

Es ist durchaus denkbar, dass der in Stonehenge verwendete Kalender hier seinen Ursprung hat. Dass es einen kulturellen Austausch gab, wurde bereits durch zurückliegende archäologische Funde in der Nähe der Stätte gezeigt: Der sogenannte Bogenschütze von Amesbury, dessen Grab im Jahr 2002 entdeckt wurde, lebte Schätzungen zufolge irgendwann zwischen 2380 bis 2290 v. Chr. – zu dieser Zeit wurden die steinernen Konstruktionen von Stonehenge errichtet. Aus Analysen der Knochen weiß man, dass er aus dem Alpenraum stammte und als Jugendlicher nach Großbritannien kam.

Timothy Darvill hofft, dass mithilfe von DNA-Untersuchungen und durch das Auffinden weiterer archäologischer Artefakte die These eine Verbindung zwischen den Kulturen noch deutlicher belegt werden kann. Ihm zufolge lässt aber bereits die Entdeckung des Sonnenkalenders in der Architektur von Stonehenge das steinzeitliche Monument in einem neuen Licht erscheinen. Die Erkenntnis macht es seinen Angaben nach zu einem „Ort, an dem Zeremonien und Feste der Lebenden mit dem Universum und den Himmelsbewegungen verschmolzen."

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