Wikingerzeit: 1.000 Jahre alte Siedlung in Norddeutschland ausgegraben

In Schleswig-Holstein eröffnet sich Archäologen aktuell ein eindrucksvolles Tor in die Welt des Frühmittelalters. Acht Grubenhäuser aus der Wikingerzeit zeigen, wie die Menschen im 10. Jahrhundert lebten.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 20. Mai 2022, 14:52 MESZ
Wikingersiedlung im heutigen Norderbrarup: Auf dieser Fläche standen vor 1.000 Jahren die Grubenhäuser.

Wikingersiedlung im heutigen Norderbrarup: Auf dieser Fläche standen vor 1.000 Jahren die Grubenhäuser.

Foto von Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

Acht Grubenhäuser, Reste von Gegenständen aus Keramik und Metall, einige Webgewichte: Das sind die Überreste der wikingerzeitlichen Siedlung, die Archäologinnen und Archäologen des Landesamtes Schleswig-Holstein nun aufgedeckt haben. Die Siedlung wird auf das 9. oder 10. Jahrhundert datiert und existierte wohl gleichzeitig mit dem bekannten mittelalterlichen Dorf und UNESCO-Weltkulturerbestätte Haithabu – eine der bedeutendsten Ansiedlungen dänischer Wikinger.

Entdeckt wurde die neue Siedlung im Rahmen einer Vorsorgegrabung unter der Leitung des Archäologen Andreas Selent im März 2022 nahe des Ortskerns der Gemeinde Norderbrarup im Kreis Schleswig-Flensburg. In der Nähe der 800 Jahre alten Ortskirche soll hier eine neue Wohnsiedlung entstehen. Schon bei den ersten Suchschnitten wurde aber klar: Vor etwa 1.000 Jahren gab es hier bereits Häuser – deren Überreste jahrhundertelang in der Erde verborgen lagen.

Frühmittelalterliche Häusergemeinschaft

Bereits die ersten Suchschnitte, die durch die Bagger in den Boden gezogen wurden, förderten drei Grubenhäuser zutage, im Laufe der weiteren Grabungen entdeckten die Archäologinnen und Archäologen dann fünf weitere. Grubenhäuser sind Gebäude, die ganz oder halb in die Erde eingelassen sind und in vielen Kulturen zum Verrichten von handwerklichen Arbeiten genutzt wurden. Nachweisen lassen sie sich meist durch Verfärbungen im Erdreich, die die Pfosten der Häuser hinterlassen haben. So auch im Fall der frühmittelalterlichen Grubenhäuser aus Norderbrarup.

Eines der wikingerzeitlichen Grubenhäuser während der Ausgrabung.

Foto von Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

Laut Stefanie Klooß, zuständige Dezernentin vom Landesamt Schleswig-Holstein, wurden neben den acht Grubenhäusern aus dem 9. und 10. Jahrhundert zusätzliche Pfostenstellungen entdeckt, die auf die Existenz eines großen Hallenhauses hinweisen. „Dieses gehört in eine spätere Besiedlung des Platzes neben der Kirche um das 11. und 12. Jahrhundert“, sagt sie. Damit seien die direkten Vorgänger der mittelalterlichen Dorfentstehung durch die Grabung archäologisch nun erfasst – und ein Teil der Geschichte Norderbrarups aufgedeckt.

Klooß erhofft sich, durch weitere Untersuchungen mehr über die Lebenswelt der Menschen, die die Siedlung bewohnten, zu erfahren. Klar ist: Die Region galt im Frühmittelalter als Kontaktzone – zwischen dänischen Wikingern, Friesen, Sachsen und Slawen. Das lag wohl auch an der Nähe zu der viel größeren Wikingersiedlung Haithabu und dem Danewerk, einem komplexen Bauwerk aus Schutzwällen und -mauern. „Haithabu und das Danewerk sicherten an der schmalsten Stelle zwischen Nord- und Ostsee, der Schleswiger Landenge, das Grenzland zwischen Skandinavien und dem europäischen Festland“, sagt Klooß. Außerdem sei die Siedlung durch ihre günstige topografische Lage vermutlich an den weitreichenden Handelsverbindungen innerhalb der Region beteiligt gewesen.

Relikte aus der Wikingerzeit

Neben den Häusern fanden die Archäologinnen und Archäologen bei den Grabungen unter anderem auch Überreste von Metall- und Keramikgegenständen, den Knauf eines Schwertes und zwei Eisenmesser. 

Dazu kamen Hinweise darauf, dass auch diese Grubenhäuser hauptsächlich handwerklich genutzt wurden. In diesem Fall zur Textilherstellung durch Weberei. So fand man in der Grabungsstelle Reste von Webstühlen in Form von Webgewichten sowie Spinnwirtel –  kleine Bestandteile von Handspindeln. Neben der Lage der Siedlung sprechen also auch die zusätzlichen archäologischen Funde dafür, dass die Siedlung einen eigenen Anteil an Handel und Handwerk hatte.

Laut dem Landesamt Schleswig-Holstein zählt die Ansammlung aus Grubenhäusern aus der Wikingerzeit zu den bedeutenderen bisher bekannten Siedlungen im Land Angeln – und sie erweitert das Bild der Menschen im Frühmittelalter des heutigen Norddeutschlands.

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