Mysteriöse Opferstätte im Saalekreis: 4.200 Jahre alte Hundeskelette entdeckt

Bei einer Vorsorgegrabung vor einem Autobahnbau in Sachsen-Anhalt stießen Archäologen auf einen einmaligen Fund: Drei Hundeskelette, eng aneinandergeschmiegt und liebevoll drapiert. Welche kulturellen Umstände zu der rituellen Bestattung der Hunde führten

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 31. März 2022, 09:30 MESZ, Aktualisiert am 31. März 2022, 15:20 MESZ
Draufsicht auf die drei Hundeskelette in ihrer Grube.

In dieser Position wurden die drei Hundeskelette von den Archäologen gefunden. Von einem der Hund ist lediglich noch der Schädel erkennbar – dennoch konnten die Archäologen erkennen: die drei Hunde liegen liebevoll hintereinander platziert in ihrem Grab.

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Es ist ein überraschendes Bild, das sich den Archäologen bei der Ausgrabung in Friedrichsschwerz eröffnet: Liebevoll nebeneinander drapiert liegen drei Hundeskelette zusammen in ihrem Grab in der Erde. Niedergelegt wurden sie dort vor etwa 4.200 Jahren, um das Jahr 2.200 v. Chr., – und ihre Position lässt vermuten, dass es sich bei dem Begräbnis um eine Art rituelle Opfergabe handelte. 

Gefunden wurden die Hundeskelette unter der Leitung von Archäologe Christian Lau im Rahmen einer sogenannten Not- oder Verursachergrabung, bei der archäologische Untersuchungen vor größeren Bauvorhaben getätigt werden. Denn dort, wo die Hunde 4.200 Jahre lang lagen, verläuft bald die Autobahn A143.

Einmalige Begräbnisstätte aus der Schnurkeramik-Kultur 

Laut Dr. Susanne Friedrich, Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege im Landesamt Sachsen-Anhalt, stammen die Hundeskelette aus der Schnurkeramik-Kultur, die etwa auf die Jahre zwischen 2.800-2.200 v. Chr. datiert wird. Sie war von Westrussland über Teile Polens und Deutschland bis in die westlichen Niederlande verbreitet.

„Im mitteldeutschen Raum haben wir diesen ganz typischen Befundtypus der zweikämmrigen Ofengruben. Diese zeichnen sich in der Fläche quasi als Acht ab und lassen sich eindeutig der schnurkeramischen Kultur zuordnen“, so Friedrich. Die zweikämmrigen Öfen wurden damals zum Feuer machen genutzt: In einer Kammer brannte das Feuer und in der anderen wurde das Brennmaterial aufbewahrt. Genau dort wurden die Hunde nun gefunden.

Fundstelle der Hundeskelette: Die 4.200 Jahre alten Überreste der Tiere wurden in einer alten Ofengrube im Saalekreis entdeckt. Dort verläuft bald die Autobahn 143.

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Dass in diesen Ofengruben, nachdem sie nicht mehr genutzt wurden, teilweise auch Begräbnisse stattfanden, ist bereits bekannt. Allerdings handelt es sich bei den bisherigen Knochenfunden ausschließlich um menschliche Überreste oder Überreste von Rindern – und auch diese waren selten. „Mittlerweile kennen wir etwa 300 dieser Befunde und wissen: Ganz selten hat man damals Menschen in den Ofengruben bestattet und noch seltener waren es Rinder“, so Friedrich. Eine Ofengrube mit Hundeskeletten sei den Archäologen bisher noch nie untergekommen. 

„Jede neue Grabungsstelle kann die Erkenntnisse, die wir haben, stark verändern“, sagt sie. So auch in diesem Fall. Denn der Gedanke, dass es sich bei der Bestattung um eine rituelle Opfergabe handelte, liegt durch die Position der Hunde nahe: „Wenn man mal so tausend Jahre zurückgeht zu Kulturen, bei denen wir dieses Phänomen schon stärker erforscht haben, kann man sehen, dass man den Göttern gehuldigt hat, indem man auf diese Weise Frauen und Kinder oder Rinder niedergebracht hat.“

Die Stellung der Hunde in der Schnurkeramik

Wenn es um Opfergaben geht, wurden in den besser erforschten älteren Kulturen aus diesem Kreis generell solche gewählt, die als besonders wichtig für die Gesellschaft angesehen wurden. Deshalb sind unter den Menschenopfern oft auch Frauen und Kinder. „Ein großer Garant für das Fortbestehen der Gesellschaft sind junge Frauen und Kinder. Dass diese deshalb geopfert wurden, haben wir vor allem in der Kultur im vierten Jahrtausend v. Chr. erkannt“, so Friedrich.

Nahe liegt also: Die liebevolle rituelle Bestattung der Hunde zeigt eine Wertschätzung der Tiere. „In der Zeitstufe der Schnurkeramik-Kultur hat Wiesenlandschaft immer mehr an Bedeutung gewonnen – das können wir an den botanischen Resten erkennen“, sagt Friedrich. Es ist also möglich, dass der Hund gerade als Hütehund zu dieser Zeit immer mehr genutzt und geschätzt wurde. Und genau wegen der erhöhten Stellung des Hundes wurden vor 4.200 Jahren möglicherweise die drei gefundenen Exemplare geopfert und bestattet. Um das Rätsel der mysteriösen Hundeskelette aber vollends lösen zu können, bedarf es noch weiterer solcher Befunde.

Für Susanne Friedrich heißt der Fund vor allem eines: Jede Grabungsstelle liefert neue Erkenntnisse. „Das ist eine ganz bestimmte Form, wie die Kultur sich in unserem Kreis ausdrückt. Da sind wir noch lange nicht an dem Punkt, an dem wir sagen können: Wir haben die Geschichte gut erfasst.“

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