Wohin verschwanden die Toten nach der Schlacht bei Waterloo?

Die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 ist bis heute berüchtigt: Sie besiegelte Napoleons Untergang und führte zum Tod tausender Soldaten. Das große Mysterium: Von den Toten fand man bisher kaum Überreste – warum?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 29. Juni 2022, 09:24 MESZ
Die Schlacht bei Waterloo: Ölgemälde von William Sadler. Die Schlacht endete in der Niederlage Napoleon Bonapartes ...

Die Schlacht bei Waterloo: Ölgemälde von William Sadler. Die Schlacht endete in der Niederlage Napoleon Bonapartes und mit dem Tod unzähliger Soldaten, dessen Überreste bis heute ein Mysterium darstellen. 

Foto von William Sadler, 1782–1839

Am 18. Juni 1815 fand ein Kampf statt, der Napoleons Untergang besiegeln sollte. Die Schlacht bei Waterloo, einer kleinen Gemeinde im heutigen Belgien, die in einem Blutbad endete: Von den über 180.000 an der Schlacht beteiligten Soldaten wurden mehr als 50.000 verwundet oder verletzt – mehr als die Hälfte davon waren französische Soldaten. Diese Niederlage Napoleons gegen die alliierten Truppen führte letztendlich zum Ende seiner Herrschaft – und zum Untergang des Französischen Kaiserreiches.

Doch obwohl man den Ablauf der Schlacht und die Ereignisse, die darauf folgten, heute gut nachvollziehen kann, bleibt eine Frage offen: Was passierte mit den Tausenden toten Soldaten, die Napoleon auf dem Schlachtfeld zurückließ? Bisher konnten nur von einem kleinen Teil von ihnen Überreste gefunden werden – der Rest scheint wie verschollen. 

Der britische Archäologe Tony Pollard von der Universität von Glasgow hat sich dem Mysterium nun angenommen – mithilfe zeitgenössischer Memoiren und Tagebücher sowie Skizzen und Gemälden. In seiner Studie, die im Fachmagazin Journal of Conflict Archaeology veröffentlicht wurde, analysierte er Berichte, die von bis heute nicht aufgetauchten Massengräbern erzählen – und mutmaßt, dass möglicherweise zumindest ein Teil der Überreste als Pflanzendünger verwendet worden ist.

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Dramatische Zeitzeugenberichte

Pollard widmete sich zunächst den Schilderungen, die Zeitzeugen kurz nach dem Ende der Schlacht aufschrieben und -malten. „Die Besucher, die als erste auf dem Schlachtfeld eintrafen, äußerten sich im Allgemeinen zu drei Dingen: die Evakuierung der Verwundeten, die Plünderung der Artefakte und die Beseitigung der Toten“, so Pollard. Dabei sei in allen Berichten betont worden, welch hohe Anzahl an Leichen auf dem Schlachtfeld zurückgelassen und wie lieblos sich dieser entledigt wurde. 

Die englische Autorin Charlotte Eaton, die ebenfalls kurz nach der Schlacht vor Ort war, berichtet in ihren Aufzeichnungen, die heute als Waterloo Days bekannt sind, beispielsweise: „Am Rande des Waldes und um die zerstörten Mauern des Schlosses wurden riesige Haufen menschlicher Asche aufgeschüttet, von denen einige noch rauchten.“ Auch andere Zeitzeugen berichten von Leichenhaufen, die angezündet wurden und von flachen Massengräbern, in denen sich tote Soldaten türmten. „Dort war eine lange Reihe von riesigen Gräbern oder besser gesagt Gruben, in die Hunderte von Toten geworfen worden waren“, schreibt Eaton.

Auffällig ist: Diese Art der Bestattung – sowohl unter der Erde als auch durch Kremation – hätte auf dem Schlachtfeld Überreste hinterlassen müssen. „Ungeachtet der künstlerischen Freiheit und der eventuellen Übertreibung bei der Zahl der Leichen in den Massengräbern wurden die Toten eindeutig an zahlreichen Orten auf dem Schlachtfeld entsorgt“, sagt Pollard. „Es ist also schon überraschend, dass es bis heute keine zuverlässigen Aufzeichnungen über die Entdeckung eines Massengrabs gibt.“

Dünger aus Knochen?

Schon in frühen Zeitzeugenberichten wird von Plünderungen auf dem Schlachtfeld berichtet. Zunächst während der Tage und Wochen kurz nach der Schlacht, in denen kostbare Artefakte, die die Soldaten zurückgelassen hatten, mitgenommen wurden. Möglicherweise wurden dabei aber nicht nur Gegenstände entwendet, so Pollard. 

„In den zwei Jahrzehnten nach der Schlacht von Waterloo boten die europäischen Schlachtfelder eine günstige Quelle für Knochen, das zu Knochenmehl zermahlen werden konnte und zu dieser Zeit eine wirksame Form des Düngers darstellte“, sagt er. Eine Vermutung im Falle der fehlenden Überreste bei Waterloo ist also, dass auch diese toten Soldaten als Dünger endeten ­– vor allem, weil die Orte, an denen sie begraben waren, so gut beschrieben wurden. „Auf dieser Grundlage scheint die Leerung von Massengräbern bei Waterloo zur Gewinnung von Knochenmehl plausibel“, sagt Pollard.

Doch es gibt auch Zweifel: Gerade in Anbetracht der unzähligen, detaillierten Zeitzeugenberichte ist auffällig, dass die Plünderung von Knochenmaterial nie genau aufgezeichnet wurde. Auch deshalb will Pollard weiterforschen. Der nächste Schritt sei nun, in Waterloo die durch die Berichte identifizierten Orte zu kartieren und dort nach weiteren Überresten zu suchen – oder zumindest nach deren Spuren. 

„Wenn in Waterloo menschliche Überreste in diesen Mengen entfernt wurden, müssten selbst davon noch archäologische Spuren in den Gruben zu finden sein“, sagt Pollard. So wisse man dann zumindest, dass die Toten einst um das Schlachtfeld herum begraben gewesen sein müssen – und im Nachgang dort weggeschafft wurden. 

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