Nordamerika: Demokratie gab es bei indigener Bevölkerung schon vor 1.500 Jahren

Der Mythos, dass die Demokratie mit den Europäern nach Nordamerika kam, hält sich hartnäckig. Forschende haben nun mehrere antike Versammlungshäuser entdeckt, die zeigen: In Nordamerika wurden separat von Europa demokratische Institutionen entwickelt.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 8. Juli 2022, 15:37 MESZ
Ein Versammlungshaus der indigenen Muskogee.

Bereits vor 1.500 sollen die Muskogee solche Versammlungshäuser genutzt haben, um darin gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

Foto von UGA Laboratory of Archaeology

Bis heute wird die Geschichte indigener Völker in den USA oft aus einer westlichen Sicht erzählt. Die mit Kolumbus beginnende Kolonialisierung Amerikas – die Einnahme des Lebensraums der indigenen Völker sowie die Genozide, die durch die Europäer verübt wurden – wird teilweise bis heute noch romantisiert dargestellt. Doch dieser Geschichtsverklärung wird vermehrt der Kampf angesagt. Und auch die Idee, dass die Europäer durch die Eroberungsfahrten die Demokratie nach Nordamerika brachten, bekommt nun Risse. 

Die bislang früheste bekannte demokratische Gesellschaftsordnung entstand vor etwa 2.500 Jahren in der Mittelmeerregion und breitete sich von dort aus nach und nach in Europa aus. Bisher wurde oft vermutet: Von Europa aus wurden demokratische Institutionen und Ideale dann in die Welt herausgetragen. Eine neue Studie unter der Leitung von Victor Thompson, Direktor des UGA Laboratory of Archaeology an der University of Georgia, zeigt nun jedoch, dass die Demokratie wohl einen zweiten, separaten Ursprung in Nordamerika hatte – und zwar vor 1.500 Jahren.

Die Studie, die im Fachmagazin American Antiquity veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Idee einer demokratischen Organisation indigener Völker aus Nordamerika bisher vernachlässigt wurde – vor allem durch westliche Forschende. „Wir zeigen ein Beispiel für die besondere Art und Weise, in der langlebige demokratische Institutionen von den amerikanischen Ureinwohnern gelebt wurden und werden“, sagt das Forschungsteam. „Und das lange vor der europäischen Invasion.“

“Nur durch die Anerkennung der Beiträge indigener Denker sind wir besser in der Lage, eine dekoloniale Perspektive auf diese breiteren Konzepte einzunehmen.”

von Victor Thompson et al.

Muskogee: Demokratie bei indigenen Völkern

Die Ergebnisse des Forschungsteams basieren auf Funden aus der archäologischen Grabungsstätte Cold Springs im nördlichen Georgia, USA. Das Gebiet dieser Grabungsstätte gehörte einst den Muskogee oder Creek, bevor das Volk aus Georgia vertrieben wurde. Das Team um Thompson nahm sich die Funde, die bereits bei Ausgrabungen in den 1970er Jahren entdeckt worden waren, nun erneut vor. Unter ihnen waren Aufzeichnungen über Haus- und Erdhügelstrukturen sowie Keramik- und Holzüberreste.

44 dieser Überreste konnte das Team durch die Radiokarbonmethode nun datieren – und so die Konstruktion des Erdhügels und mehrerer Ratshäuser nachvollziehen. Das Ergebnis: Die Strukturen entstanden bereits um 500 bis 700 n. Chr. Da diese Art der Versammlungshäuser bis heute von den Muskogee genutzt wird, liegt nahe, dass auch zu jener Zeit bereits Versammlungen stattfanden, bei denen über politische und soziale Themen im Verband gesprochen wurde. 

Das passe auch zu historischen Aufzeichnungen über die Muskogee. „Die Beschreibungen von Muskogee-Wissenschaftlern und mündliche Überlieferungen erzählen alle von einer Regierungsführung der Ur-Muskogäer, zu der demokratischer Konsens gehörte“, so die Forschenden. „Die frühe Entstehung dieser Ratshäuser weist somit auf die frühe Materialisierung des Aufbaus demokratischer Institutionen hin.“

Dekolonialisierung in der Forschung

In Hinblick auf die Forschungsarbeit war es Thompson besonders wichtig, den westlichen Blick auf demokratische Institutionen herauszufordern. „Es ist wichtig, zu zeigen, dass Demokratie und insbesondere demokratische Institutionen nicht nur in den westlichen Gesellschaften zu finden waren und sind“, sagt er. Gerade deshalb arbeiteten er und sein Team in ihrer Forschung eng mit Angehörigen der Muskogee zusammen. „Nur durch die Anerkennung der Beiträge indigener Denker sind wir besser in der Lage, eine dekoloniale Perspektive auf diese breiteren Konzepte einzunehmen“, sagen sie.

Turner Hunt, Konservierungsbeauftragter der Muscogee Nation und Co-Autor der Studie, betont: „Wir haben bis heute einen Nationalrat in unserem Konzilshaus, der dort tagt und Gesetze erlässt – so ist es seit Hunderten von Generationen.“ Laut ihm ist insbesondere die vorherrschende Idee der Häuptlingstümer ein Narrativ, das er zu überwinden hofft. „Obwohl es in diesen Regierungsstrukturen verschiedene Positionen gab, ist es weitaus komplizierter und demokratischer als die traditionellen Modelle, die von Archäologen seit den 1970er Jahren aufgestellt wurden“, sagt Thompson.

Das Team hofft, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, die Forschung, die indigene Völker betrifft, durch eine weniger westliche Linse zu sehen – und sie gemeinsam mit indigenen Forschenden zu betreiben. Nur so konnte in diesem Fall aufgedeckt werden, dass die Muskogee politisch viel komplexer organisiert waren als bisher gedacht: „Diese neue Datierung macht die Institution des Muskogea-Rates zu einer der beständigsten und umfassendsten demokratischen Institutionen der Weltgeschichte.“

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