Zufallsfund in der Trave: Außergewöhnliches Schiffswrack aus der Hansezeit

Das Wrack des Frachtseglers wurde im Jahr 2020 bei Routinearbeiten in der Travemündung entdeckt. Nun zeigen erste Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen, wie einzigartig der Fund ist – und wie groß sein historisches Potenzial.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 29. Juli 2022, 16:00 MESZ
Ein Taucher erkundet einen Teil des Schiffswracks.

Ein Taucher bei einem der Tauchgänge zum Schiffswrack in der Travemündung vor Lübeck im Jahr 2021. Der Frachtsegler aus dem 17. Jahrhundert hatte noch seine Ladung an Bord: Sie ist der erste archäologische Beleg für den Handel mit Branntkalk.

Foto von Christian Howe

Im Februar 2020 fiel Mitarbeitern des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Ostsee bei Vermessungs- und Peilarbeiten eine Erhebung am Grund der Travemündung vor Lübeck auf. Die Anomalie wurde im August 2021 von Tauchern genauer untersucht – und stellte sich als sensationelle Entdeckung heraus: In elf Metern Wassertiefe lag das 20 bis 25 Meter lange Wrack eines Frachtseglers aus dem 17. Jahrhundert. Ersten Analysen zufolge stammt das circa 400 Jahre alte Handelsschiff aus der Spätzeit der Hanse. 

Das Besondere an dem wertvollen Fund: Es ist das erste Handelsschiff dieser Art, das im westlichen Ostseeraum entdeckt wurde. „Für den westlichen Ostseeraum ist dieser Fund außergewöhnlich“, sagt Fritz Jürgens vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel. Wracks von ähnlichen Handelsschiffen kenne man bislang nur aus dem östlichen Ostseeraum.

Historische Analysen liefern außergewöhnliche Erkenntnisse

Im Zuge von insgesamt 13 Tauchgängen wurden Proben und Daten gesammelt, auf deren Grundlage Archäologen der Universität Kiel ein umfangreiches Gutachten erstellten. Ab September 2021 fanden archäologische Untersuchungen der Fundstelle statt. Mithilfe der dabei entstandenen Fotos und Videos war es den Archäologen möglich, 3D-Modelle des Schiffswracks zu erstellen, die dessen Form und Größe abbilden. Maße und Bauweise sprechen dafür, dass es sich bei dem Frachtschiff aus der Endzeit der Hanse um eines vom Typ Galliot oder Fleute handelt. 

Die Holzproben lassen Jürgens zufolge darauf schließen, dass das Schiff Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut wurde. Die Hansestadt Lübeck teilte mit, dass es sich bei den verwendeten Hölzern um schleswig-holsteinische Eiche und schwedische Kiefer handelt –  und wertet dies als Beweis für einen weitläufigen frühneuzeitlichen Holzhandel. 

Weitere Hinweise darauf liefert auch die Ladung des Wracks, die die Jahrhunderte überdauert hat. Das Schiff war einst mit 150 Fässern Branntkalk beladen – einem begehrten Baustoff zur damaligen Zeit. Der Fund liefert den ersten archäologische Beleg für den Handel mit diesem Material. „Schon im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hat man Kalkstein abgebaut, gebrannt und abgelöscht. Daraus wurde Mörtel hergestellt“, erklärt Fritz Jürgens.

Bergung eines Stücks Lübecker Geschichte

Was zum Sinken des Schiffs geführt hat, wird derzeit noch erforscht. Die Archäologen vermuten, dass es auf der Fahrt von Travemünde in Richtung Lübeck auf eine Untiefe auflief. Da sich alle Fässer noch geordnet im Laderaum befinden und keine Brandspuren erkennbar sind, können der Stadt Lübeck zufolge eine Kenterung, eine deutliche Schlagseite oder ein Feuer ausgeschlossen werden.

Während die Untersuchungen laufen, arbeitet das Forschungsteam der Universität Kiel bereits mit der Stadt Lübeck und weiteren Institutionen an einem Konzept für die Zukunft des Wracks. Dieses ist aktuell durch Erosion und Schiffsbohrmuscheln massiv gefährdet. Der Plan sei, so Jan Lindenau, Bürgermeister der Stadt Lübeck, den alten Frachtsegler zu bergen und innerhalb von acht bis zehn Jahren zu konservieren und zu erforschen. 

Lübecks Kultursenatorin Monika Frank betont das enorme historische Potenzial der Sensationsentdeckung: „Die wissenschaftliche Erkenntnis dieses spektakulären Wrackfunds wird der Wirtschafts- und Handelsgeschichte der Hansestadt Lübeck ein bis dato unbekanntes neues Puzzleteil hinzufügen.“

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