Hexenprozesse von Salem: Letzte Verurteilte nach 329 Jahren freigesprochen

Über 300 Jahre lang blieb Elisabeth Johnson Jr. der Hexerei und Teufelsanbetung schuldig gesprochen. Nun wurde die letzte der 1692/63 Verurteilten posthum freigesprochen – durch das Engagement einer Schulklasse und ihrer Lehrerin.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 9. Aug. 2022, 10:01 MESZ
Lithographie der Hexenprozesse von Salem: Eine Frau steht in einem Gerichtssaal inmitten einer aufgebrachten Gruppe Menschen.

Die Hexenprozesse von Salem waren der Schauplatz unzähliger Verhaftungen, Anklagen und Hinrichtungen von Menschen, die der Hexerei bezichtigt wurden – darunter hauptsächlich Frauen. Die Lithografie „Hexe Nr. 3" von Joseph E. Baker stellt eine solche Verhandlung fiktionalisiert dar und zeigt die Angeklagte als Aggressorin – eine Situation, die in der Realität wohl eher weniger vorkam.

Foto von "Joseph E. Baker, ca. 1837-1914 / CC-BY-SA-3.0

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts fand die bereits mehrere Jahrzehnte andauernde Hexenverfolgung in Neuengland in den USA ihren traurigen – und bis heute berüchtigten – Höhepunkt. Bei den Hexenprozessen von Salem, einem Dorf im US-Bundesstaat Massachusetts, wurden zwischen 1692 und 1693 über 200 Menschen aufgrund von Hexerei und Teufelsanbetung angeklagt. Die jüngste Angeklagte war die vier Jahre alte Dorothy „Dorcas” Good.

Während der Prozesse wurden 33 Menschen letztendlich schuldig gesprochen und 20 von ihnen hingerichtet, davon 19 durch Erhängen. Fünf Menschen starben bereits im Gefängnis durch die unmenschliche Behandlung, die sie dort erfuhren. 1693 fanden die Hexenprozesse dann ein Ende bevor alle der schuldig gesprochenen hingerichtet werden konnten – darunter auch Elisabeth Johnson Jr.

Doch obwohl Johnson damals ihrem Tod entkam, wurde sie erst in diesem Jahr, 329 Jahre nach ihrem Schuldspruch, durch den Gesetzesantrag von Diana DiZoglio, einer demokratischen Senatorin aus Massachusetts, freigesprochen. Seit Ende Mai 2022 ist Elisabeth Johnson Jr. damit offiziell entlastet – als letzte der damals der Hexerei schuldig gesprochenen Personen.

“Die Entlastung Johnsons wurde in der Vergangenheit nicht für notwendig erachtet, weil sie keine Ehefrau oder Mutter war.”

von Diana DiZoglio

Freispruch und Vergessen

Verantwortlich für ihren Freispruch ist letztendlich vor allem die achte Klasse einer amerikanischen Mittelschule in North Andover, wo Elisabeth Johnson Jr. vor mehr als 300 Jahren lebte. „Dieser Freispruch wäre nicht möglich gewesen ohne die Lehrerin Carrie LaPierre und ihrer Klasse für Staatsbürgerkunde, deren harte Arbeit entscheidend für die Einreichung des Gesetzesentwurfs war“, so DiZoglio.

Doch warum wurde Elisabeth Johnson Jr. erst heute entlastet? Ihr Freispruch kommt ganze 329 Jahre nach ihrer Verurteilung und über 300 Jahre nachdem die Hexenprozesse von Salem 1702 erstmals vom Massachusetts General Court für gesetzeswidrig erklärt wurden. Die schuldig Gesprochenen wurden hauptsächlich in zwei Schüben freigesprochen: Die ersten Entlastungen fanden 1711 statt, also nur wenige Jahre nach den Hexenprozessen, während der Rest der Betroffenen erst 2001 Gerechtigkeit erfuhr – durch einen offiziellen Freispruch aller damals Beschuldigten durch die Gesetzgeber in Massachusetts. 

Doch weder 1711 noch 2001 wurde Elisabeth Johnson Jr. erwähnt. Ihr Freispruch sollte noch weitere 21 Jahre auf sich warten lassen. Vergessen wurde sie 2001 vermutlich, weil bei der Recherche nicht weit genug geforscht wurde und Johnson wohl bereits vor 300 Jahren nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil wurde. DiZoglio verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Frauen, die sich zur damaligen Zeit nicht in das gängige Gesellschaftsideal einfügten, oft unbeachtet blieben. So auch Johnson. „Die Entlastung Johnsons wurde in der Vergangenheit nicht für notwendig erachtet, weil sie keine Ehefrau oder Mutter war“, sagt DiZoglio. Auch dadurch sei sie wohl aus einigen Geschichtstexten verschwunden.

Geschichtsbewusstsein wichtiger denn je

Für DiZoglio ist der Fall auch gerade deshalb aktueller denn je. „Da sehe ich auch heute Parallelen zu Menschen, die nicht so aussehen oder klingen wie die Mehrheit der Gesellschaft oder Eigenschaften haben, die nicht als wertvoll und wichtig betrachtet werden“, sagt sie. Auch LaPierre, die Lehrerin der für den Freispruch mitverantwortlichen Schulklasse, betont, wie wichtig die Aufarbeitung derartiger Fälle auch heute noch ist – vor allem für junge Menschen: „Die Verabschiedung dieses Gesetzes wird einen großen Einfluss auf die Kinder haben und auf ihr Verständnis davon, wie wichtig es ist, für Menschen einzutreten, die nicht für sich selbst eintreten können."

Der Gesetzesentwurf wurde von DiZoglio auch deshalb auf der Basis des Projekts gestellt. „Wir sehen ständig, wie Menschen für politische Zwecke angegriffen werden“, sagt sie. „Aktuell werden Frauenrechte angegriffen und das Recht auf Abtreibung.“ Außerdem sei es bis heute leicht, in der Gesellschaft vergessen zu werden, wenn man nicht in sie hineinpasst – vor allem wenn man keine Familie hat: „Elizabeths Geschichte ist deshalb auch heute noch von großer Bedeutung.“

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