Römisches Bürgerhaus im Allgäu ausgegraben

Das beschauliche Kempten im Allgäu war einst eine Hochburg der Römer. Archäologische Ausgrabungen bringen nun erstaunliche Erkenntnisse über das fortschrittliche Leben der damaligen Bewohner hervor.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 8. Nov. 2022, 09:30 MEZ
Ansicht der Ausgrabungsstätte von oben: Die Mauern des Bürgerhauses sind im Grundriss erkennbar.

Geschichte zum Anfassen in Kempten: Die Wände des Bürgerhauses kann man bis heute erkennen.

Foto von Maria Kohle / Kulturamt Kempten

Das heutige Kempten ist eine der ältesten Städte Deutschlands. Mehr als 2.000 Jahre reicht ihre Geschichte in die Vergangenheit. Um das Jahr 15 v. Chr. wurde mit dem Einzug der Römer in das Alpenvorland aus dem einst keltischen Kambodounon die römische Stadt Cambodunum. Nun erblicken alte Gemäuer aus dieser vergangenen Zeit wieder das Tageslicht.

Bereits seit drei Jahren beschäftigt sich die Münchner Ludwig-Maximilian-Universität in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt Kempten mit den Ausgrabungen. Ihr Ziel: Mehr über die antike Siedlung Cambodunum, ihre Entstehung und Entwicklung zu erfahren. Die bemerkenswerten Ergebnisse der jahrelangen Arbeit erzählen nun die bewegte Geschichte der Region. 

Paradebeispiel frühkaiserlicher Stadtplanung

Es ist eine wahre archäologische Sensation, die die Ausgrabungsarbeiten in der sogenannten Insula 1, einem römischen Wohnviertel der antiken Stadt Cambodunum, hervorbrachten: Das einzige römische Bürgerhaus der Siedlung, dessen Grundmauern vollständig erhalten und nicht etwa durch anderweitige Bebauung zerstört wurden.

Bereits im Sommer 2019 hatte das Team um Projektleiter Salvatore Ortisi damit begonnen, auf einer Fläche von rund 800 Quadratmetern in die tiefer gelegenen Bodenebenen vorzudringen. Nach und nach erschloss das Team der LMU so ein „Paradebeispiel frühkaiserzeitlicher Stadtplanung”. Zu Tage kam ein Wohnhaus mit beinahe unversehrten Estrichböden und bunten Wandmalereien. Vor allem letztere bestechen durch ihre herausragende Qualität, die man laut Maike Sieler, Leiterin des Archäologischen Parks Cambodunum, nur selten bei Ausgrabungen findet. Ihr zufolge sollten die roten, gelben und grünen Wandbemalungen schmuckhaften Buntmarmor imitieren. 

Die Malereien lassen zusätzlich Rückschlüsse darauf zu, dass der Komplex von wohlhabenden Personen bewohnt und genutzt wurde. Das Forschungsteam vermutet, dass ein großer Teil der Räume im Erdgeschoss für gewerbliche Zwecke genutzt wurde –  etwa Büros von Notaren, Rechtsanwälten oder Verkaufs- und Lagerräume von Handelsleuten. Ein Stockwerk höher hätten sich dann die dazugehörigen Wohnräume befunden.

Fortschrittliches Wohnen: Thermen und Fußbodenheizungen

Zusätzlich brachten die Ausgrabungen eine im Wohnhaus integrierte, private Therme hervor. Hier entspannten die Bewohnenden vor Tausenden von Jahren, hielten wichtige Gespräche und schlossen Geschäfte ab. Sogar eine Heizung war dort integriert. „Wir wissen dank zahlreicher Schriftquellen und gut erhaltenen Bauten – vor allem aus dem Mittelmeerraum – relativ gut, wie diese Fußbodenheizungen funktioniert haben”, sagt Ortisi.

Büros, Versammlungsräume oder Verkaufs- und Lagerstätten: Laut Projektleiter Salvatore Ortisi geben diese erhaltenen Wandmalereien Grund zur Vermutung, dass die Räume im Erdgeschoss des Gebäudes eventuell gewerblich genutzt wurden.

Foto von Maria Kohle / Kulturamt Kempten

Das Geheimnis der fortschrittlichen Technik: Ein auf Säulen aufgesetzter zweiter Fußboden. Der dazwischen entstandene Hohlraum wurde laut Ortisi über eine äußere Brennkammer, das Praefurnium, beheizt. Die wärmende Luft zirkulierte unter dem Boden und wurde über Röhrenziegel an der Wand entlang und über das Dach abgeleitet. „Die massiven Brandspuren im Heizbereich zeigen, dass das Kemptener Bad über einen längeren Zeitraum intensiv genutzt worden sein muss”, so Ortisi. 

Bislang gibt es jedoch nur eine sehr vage Schätzung bezüglich der Anzahl der Bewohner: „Bei aller Vorsicht wird man in einer solchen Insula mindestens um die 100 Menschen annehmen dürfen."

Römische Geschichte hautnah erleben

Kempten – das auch als erste schriftlich erwähnte Stadt Deutschlands bekannt ist – ist seit Jahrtausenden von großer historischer Bedeutung. Erste Belege für die Existenz der Stadt gibt es aus dem Jahr 18 n. Chr. in Schriften des griechischen Geographen Strabon. Die nun erbrachten Erkenntnisse des Forschungsprojekts Insula 1 bieten weitere tiefgreifende Einblicke in die Ursprünge der Siedlung und die damaligen Lebensumstände. „Diese keltisch-römischen Anfänge bilden die Wurzeln vieler unserer heutigen Städte und haben die kulturelle Entwicklung Süddeutschlands ganz entscheidend geprägt”, so die Forschenden.

Besonders wichtig ist deshalb auch die Erhaltung des Areals. Laut Sieler soll es nach abschließenden Untersuchungen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, damit Besucherinnen und Besucher das Leben der Römer vor 2.000 Jahren authentisch nachempfinden können. Eine intensive Bauaufnahme soll bis dahin auch weitere Rückschlüsse darauf geben, wie das Gebäude im Ganzen ausgesehen haben mag.

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