Wie war das Leben im mittelalterlichen Berlin?

Am Molkenmarkt in Berlin-Mitte entdeckten Archäologen über 500 Jahre alte Alltagsgegenstände unter der Erde. Der Fund erzählt vom Leben in der Stadt während des 15. Jahrhunderts.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 7. Nov. 2022, 09:20 MEZ
Oberfläche der Holzkonstruktion bei den Ausgrabungen in Berlin-Mitte.

Die Oberfläche der Holzkonstruktion, in der die unzähligen Objekte aus dem Mittelalter gefunden wurden.

Foto von Landesdenkmalamt Berlin, Eberhard Völker

Würfel aus Knochen, 220 Kilogramm Fensterglas und über 1.000 Kleidungsstücke aus Leder: Die Objekte, die bei Grabungen auf dem Molkenmarkt in Berlin entdeckt wurden, sind in ihrer Menge bisher beispiellos. Gefunden wurden sie in einem unterirdischen, holzverkleideten Raum, der vermutlich einst der Keller eines größeren Wohnhauses war und die Gegenstände über 500 Jahre lang bewahrte.

Aufgetan wurde der Raum samt Inhalt bei Grabungen am Berliner Molkenmarkt in Berlin-Mitte. Dort werden laut Grabungsleiter Eberhard Völker aktuell insgesamt 20.000 Quadratmeter des historischen Berlins archäologisch ausgegraben und dokumentarisch erfasst – die größte zusammenhängende Stadtkerngrabung Deutschlands.

Der nun ausgegrabene Fundkomplex ist laut dem Landesdenkmalamt Berlin, das die Grabungen durchführt, ein erster wichtiger Baustein, der helfen soll, die Geschichte des mittelalterlichen Berlins zu rekonstruieren. „Die Funde vertiefen – und bereichern vor allem – unser Wissen über die Alltagskultur der Berlinerinnen und Berliner im 15. Jahrhundert“, sagt Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa.

Die Spielwürfel aus Knochen sind nur ein Teil der Spielsachen, die in dem Raum entdeckt wurden. Ähnlich wie viele der anderen Objekte sind sie über die Jahrhunderte erstaunlich gut erhalten geblieben.

Foto von Landesdenkmalamt Berlin, Anna Schimmitat

Spielsachen in mittelalterlichem Keller

Bislang geht man davon aus, dass der Raum, in dem die Gegenstände gefunden wurden, um das Jahr 1400 erbaut wurde und die Gegenstände darin aus dem darauffolgenden Jahrhundert stammen. Von dem Holz, mit dem der Keller einst vertäfelt wurde, entnahmen die Forschenden zusätzlich Proben, um durch Dendrochronologie – eine Art der Holzalterbestimmung – das Baujahr des Raumes noch besser eingrenzen zu können.

Auffällig an dem Fund ist neben seiner Vielfältigkeit vor allem der besondere Erhaltungszustand des organischen Materials. Dieser ist wohl dem Aufbewahrungsort zu verdanken. Denn die tonig-lehmige Verfüllung, die die Objekte in dem einstigen Keller vollständig eingeschlossen hatte, ist erstaunlich gut erhalten geblieben. Ganze 48 Kubikmeter dieser Füllung mussten die Forschenden entnehmen, um an die dort gelagerten Gegenstände zu gelangen – ein Aufwand, der sich lohnte.

Die Forschenden fanden so beispielsweise extrem gut erhaltenen Kleidungsstücke, darunter vollständig intakte Schuhe, Stiefel und Gürtel sowie weitere Textilüberreste aus Leder, Seide und Wolle. Dazu unzählige „Gegenstände mit Spielzeugcharakter“ wie die 27 Knochenwürfel, ein Wiegenpüppchen und Murmeln.

Berlin im 15. Jahrhundert

Eine erste Erkenntnis aus den Funden ist, dass am heutigen Molkenmarkt im 15. Jahrhundert vor allem ein wohlhabendes Klientel ansässig gewesen sein muss. Darauf lässt die eher hochwertige Ausstattung, die in dem Kellerraum verschüttet wurde, schließen. Und auch über diese erste Einschätzung hinaus bietet der Fund laut Völker die Chance, die Geschichte der Region besser verstehen zu können.

Kartografische Aufzeichnungen und Pläne von Berlin gebe es nämlich erst seit der frühen Neuzeit und nur vereinzelt. Erst ab dem 19. Jahrhundert seien solche Pläne dann ausführlich erstellt worden. „Es fehlen also aussagekräftige Pläne aus dem Mittelalter“, sagt er. Umso wichtiger seien deshalb Funde wie jener am Molkenmarkt. Sie können dabei helfen, das Leben der Berlinerinnen und Berliner im Mittelalter zu rekonstruieren. Gerade Alltagsgegenstände wie Kleidung und Spielsachen sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung.

Nun sollen die Objekte zunächst archiviert, teilweise restauriert und in Folgeuntersuchungen noch genauer ausgewertet werden. Die Forschenden erhoffen sich, so noch weiteren Geheimnissen des mittelalterlichen Berlins auf den Grund gehen zu können.

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