Urbanes Uruk: Die erste Großstadt der Menschheit

Im 4. Jahrtausend v. Chr. entstand im Süden des heutigen Irak vermutlich die erste Großstadt. Ihr Mythos als Ursprung städtischen Lebens, Erfindungsort der Schrift und „Schmiede der Götter“ faszinierte die Menschen über die Jahrtausende hinweg.

Von Marius Rautenberg
Veröffentlicht am 13. Dez. 2022, 12:21 MEZ
Eine Straße in Uruk, umgeben von Lehmgebäuden

Uruk war vermutlich die erste Stadt der Welt, die eine eigene Verwaltung und Schrift hervorbrachte. Ihre Häuser bestanden großteils aus Lehmziegeln.

Foto von Mushtaq Saad

Schon von Weitem müssen Neuankömmlinge und Händler geahnt haben, dass sie Uruk näher kommen: Kilometerweit umgaben Felder die Stadt in Mesopotamien, die zu ihrer Blütephase um 3000 v. Chr. etwa 50.000 bis 80.000 Einwohner umfasste. „Hunderttausende Hektar Acker- und Weideland, durch Gräben künstlich bewässert, brachten Weizen, Datteln und Schafe hervor, die die Metropole ernährten, und die Gerste, aus der man das Bier für die Massen braute“, schreibt der Historiker Ben Wilson in seinem Buch „Metropolen“.

Vor der Entstehung Uruks lebten die Menschen als Nomaden oder allenfalls in überschaubaren Siedlungen ohne eigene Verwaltungsstruktur. Uruk hingegen ist die erste bekannte Großstadt der Menschheit, mit gewaltigen Tempelanlagen, Lehmhäusern und – zu späteren Zeiten – einer über neun Kilometer langen Stadtmauer. Zwischen den Wohnvierteln herrschte reges urbanes Leben, die engen Gassen spendeten Schatten vor der unbarmherzigen Sonneneinstrahlung. Dicht gedrängt entwickelten die Menschen in nie zuvor gesehenem Tempo neue Formen von Kultur und Technik. Kanäle leiteten frisches Wasser vom Euphrat in die Stadt und das Abwasser auch wieder hinaus. Geschickte Handwerker entwarfen kostbaren Schmuck, in großen Manufakturen entstanden Keramiken für den täglichen Bedarf. Der in Uruk gefertigte Glockentopf, ein standardisiertes Gefäß für Speißen und Getränke, verbreitete sich über Handelswege im gesamten Südwestasien.

Uruk: Zentrum von Handel und Handwerk

Dabei ist es überraschend, dass ausgerechnet in Uruk die erste große Stadt entstand – heute ist die Gegend eine Wüste. Doch um 5000 v. Chr. muss es hier weitreichende Sumpflandschaften gegeben haben, die sich im Delta von Euphrat und Tigris bildeten. Davon zeugen unter anderem Zeichnungen aus der Frühzeit Uruks, auf denen Fische oder Schilfgras zu sehen sind. Margarete van Ess, Forscherin vom Deutschen Archäologischen Institut, leitete mehrere Ausgrabungen in Uruk. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie und warum sich hier die erste Stadt der Menschheit entwickelte. „Es ist vorstellbar, dass sich Menschen dort angesiedelt haben, um Waren vom Flusssystem in das Sumpflandsystem zu überführen oder Menschen zu helfen, über den Fluss zu kommen. Es muss eine wirtschaftlich attraktive Situation gegeben haben, die es interessant gemacht hat, in Uruk zu siedeln.“

Der Fluss traf auf stehende Gewässer, es bildeten sich Sandbänke, auf denen die Menschen erste Siedlungen für den Fischfang und die Vogeljagd anlegten. Diese wuchsen spätestens zur Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. zu einer richtigen Stadt zusammen. Die Lage am Euphrat machte es möglich, aus entfernten Gegenden Waren zu beziehen. Aus Ostanatolien, dem Iran und von der arabischen Halbinsel wurden Silber, Blei und Kupfer herangeschafft, aus dem Libanon kamen Zedernhölzer und aus Afghanistan und Pakistan Edelsteine. Schon früh entstand ein hochwertiges Kunsthandwerk. Im Gegenzug exportierte man Wollerzeugnisse und Dattelprodukte. Entlang der Transportrouten legten Händler Stützpunkte an, aus denen kleinere Siedlungen entstanden. „Wir gehen davon aus, dass Uruk in seiner Frühzeit schon eine politische Rolle spielte, dass es seinen Nachbarn an Ideen voraus war, besser vernetzt war und den Weg vorgab“, so van Ess.

Über die Jahrtausende erbauten die Bewohner Uruks riesige Tempelanlagen, stets auf den Gebäuden, die vorher abgerissen und zu großen Hügeln aufgeschüttet worden waren. Auf dem Bild sind die Überreste des Eanna-Zikkurrats zu sehen, einem Tempelturm für die Liebes- und Kriegsgöttin Inana, aus der Zeit ab 2100 v. Chr.

Foto von Tobeytravels

Im Verlauf des 4. Jahrtausends v. Chr. gab es einen leichten Klimawandel, die Region wurde trockener. Doch dies tat der Entwicklung von Uruk keinen Abbruch, im Gegenteil: Die zuvor sumpfigen Landschaften machten Platz für die Landwirtschaft. Die üppige Vegetation und die Möglichkeiten des Handels hatte schon seit 5000 v. Chr. Menschen aus ganz Mesopotamien angezogen. Mit den veränderten klimatischen Bedingungen waren die Bewohner Uruks gezwungen, vermehrt Bewässerungssysteme anzulegen. Dafür war es notwendig das geballte Wissen von Ingenieuren, Handwerkern und die Kraft tausender Arbeitskräfte heranzuziehen. Gerade die Anpassung an veränderte Bedingungen verhalf Uruk letztlich zum Durchbruch zur Großstadt. „Um 3000 v. Chr. erreichte die Stadt ihre heute bekannt Größe“, so van Ess.

Uruk als kulturelles Zentrum: Die Erfindung von Schrift und Literatur

Die Zusammenkunft vieler Menschen auf geballten Raum machte es notwendig, Arbeit und Versorgung systematisch zu organisieren. Die immer größer werdenden Tempelanlagen waren Zentren für die Essensausgabe, mit der Zeit entwickelte sich eine richtige Verwaltung mit einer sozialen Hierarchie: Oben standen die Priester, Beamte, Ingenieure und später auch militärische Anführer – die ersten Könige. Darunter die Handwerker in den Manufakturen und schließlich die einfachen Arbeiter auf den Baustellen und Feldern. Dieses straff organisierte System brachte zur Mitte des 4. Jahrtausends auch die Schrift hervor – zunächst als Mittel der Verwaltung und des Tausches, wie Margarete van Ess berichtet: „Es wurden in Uruk knapp 6.000 Tontafeln zu Tage gefördert, in denen die frühe Keilschrift eingeritzt ist. Die Texte behandeln ausschließlich wirtschaftliche Aspekte – etwa Notizen über zwei gelieferte Schafe, so wie unsere heutigen Kassenzettel.“

Es sollte weitere 1000 Jahre dauern, bis aus den ersten schriftlichen Notizen eine richtige Schriftsprache wurde: Mit dem Gilgamesch-Epos entstand das erste literarische Werk der Menschheit, verfasst vermutlich am Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. Es erzählt die Geschichte des Uruk-Königs Gilgamesch, der sich mit dem aus der Wildnis stammenden Enkidu anfreundet. Zusammen begeben sie sich in weit entfernte Gegenden, kämpfen gegen die Götter und erleben Abenteuer. Nach dem Tod Enkidus sucht der trauernde Gilgamesch nach der Formel für die Unsterblichkeit, muss aber einsehen, dass diese den Göttern vorbehalten ist. Das Epos diente möglicherweise der Legitimierung von Herrschaftsansprüchen, es kann aber auch als Parabel gelesen werden auf die Entfremdung des Menschen von seinem natürlichen Urzustand. Denn auch wenn die Urbanisierung für die Menschen Uruks viele Annehmlichkeiten und Fortschritt brachte, war sie doch auch mit dem Verlust ihrer nomadischen Freiheit und der Anpassung in einem hierarchisch strukturierten System verbunden.

 

Die Essensausgabe wurde vermutlich von den Priestern organisiert. Zusammen mit der Verwaltung stellten sie die Elite Uruks dar, die auch das Wissen um die Schrift weitgehend exklusiv für sich behielt.

Foto von Marie-Lan Nguyen

Im Laufe des 3. Jahrtausends bekam Uruk zunehmend Konkurrenz durch andere Stadtstaaten. Bis dahin hatte es seine Vormachtstellung vor allem auf Handwerk, technologischem Wissen und Handelsbeziehungen aufgebaut. Doch sein Reichtum weckte die Begehrlichkeiten der Nachbarn – es folgten Kriege und Eroberungen durch andere Städte. So entstanden umfassende Königreiche, zunächst von Akkad, später von den Ammuritern, Assyrern und Hethitern. Uruk verlor allmählich seinen politischen Einfluss, doch als religiöses Zentrum und als Wissensstandort für Literatur, Astronomie und Mathematik blieb es bis um Christi Geburt relevant. Insbesondere war den Menschen schon vor Jahrtausenden bewusst, welche Bedeutung Uruk als Wiege des städtischen Lebens hatte. Trotz der Eroberungen blieb es ein religiöses Heiligtum. Im 3. Jahrhundert n. Chr. führten erneute klimatische Veränderungen dazu, dass die Gegend um Uruk zunehmend austrocknete und die Stadt verlassen wurde. 1849 entdeckte der britische Archäologe William Kennett Loftus die Ruinen, die auf Monumentalbauten und den Beginn der Zivilisation hinweisen.

 

Wei­ter­le­sen

Mehr zum Thema

Geschichte und Kultur
Troja, Ephesos, Pompeji: Verlorene Städte der Antike
Geschichte und Kultur
Alexander der Große: Genialer Eroberer oder Größenwahnsinniger?
Geschichte und Kultur
Außergewöhnliche Bestattung: Die kopflosen Skelette aus Vráble
Geschichte und Kultur
Mysteriöse Opferstätte im Saalekreis: 4.200 Jahre alte Hundeskelette entdeckt
Geschichte und Kultur
Geniale Technik: Römische Fußbodenheizung in Bonn entdeckt

Nat Geo Entdecken

  • Tiere
  • Umwelt
  • Geschichte und Kultur
  • Wissenschaft
  • Reise und Abenteuer
  • Fotografie
  • Video

Über uns

Abonnement

  • Magazin-Abo
  • TV-Abo
  • Bücher
  • Newsletter
  • Disney+

Folgen Sie uns

Copyright © 1996-2015 National Geographic Society. Copyright © 2015-2021 National Geographic Partners, LLC. All rights reserved