Seit wann reitet der Mensch auf Pferden?

Lange Zeit waren Fortbewegung und Warentransport per Pferd nicht aus der Menschheitsgeschichte wegzudenken. Doch wer waren die ersten Menschen, die Pferde ritten? 5.000 Jahre alte Skelette der Jamnaja-Kultur geben nun Antwort.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 23. März 2023, 09:10 MEZ
Relief mit Reitern.

Detail eines Gipswandreliefs aus Nimrud, einer alten assyrischen Stadt im Irak. Die Darstellung aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. zeigt, dass die Krieger des Assyrischen Reichs schon damals mit Pferden in den Kampf zogen. Doch eine neue Studie zeigt: Das Reiten ist noch einige Tausend Jahre älter.

Foto von Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) / Wikicommons

Erste Darstellungen von Menschen, die auf Pferden reiten, gab es bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. Darunter ein Relief aus der altägyptischen Totenstadt Sakkara, das einen Boten hoch zu Ross zeigt und vermutlich um 1.330 v. Chr. entstanden ist.

Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams ergab nun allerdings: Geritten wurden Pferde schon viel früher als diese Reliefs zeigen. Angehörige der Jamnaja-Kultur nutzten die Tiere schon 1.500 Jahre zuvor zur Fortbewegung – eine Praxis, die ihnen dabei half, sich über Europa hinweg zu verbreiten.

Die Domestizierung der Pferde

Dieses Relief aus dem Alten Ägypten ist eine der ersten Darstellungen eines Reiters auf einem Pferd. Sie ist etwa 3.000 bis 3.300 Jahre alt.

Foto von Public Domain, The Metropolitan Museum of Art

Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass Pferde schon vor mindestens 5.500 Jahren domestiziert wurden. Beispielsweise sprechen Milchrückstände aus alten Keramiken aus dem heutigen Kasachstan für eine gezielte und etablierte Praxis der Pferdehaltung im westeurasischen Raum. Diese Funde beweisen allerdings nur, dass Pferde als Nutztiere gehalten wurden. Dass die Tiere zu dieser Zeit von den dort lebenden Menschen auch geritten wurden, konnte bisher nicht bestätigt werden.

Auch bei der Jamnaja-Kultur aus Osteuropa gab es bereits Funde von Pferdemilch-Rückständen aus der Zeit um 3.000 v. Chr. Bei ihnen konnte nun mithilfe der aktuellen Studie nachgewiesen werden, dass sie ihre Pferde wohl auch ritten. „Das Reiten scheint sich nicht lange nach der vermuteten Domestizierung der Pferde in den westeurasischen Steppen im 4. Jahrtausend v. Chr. entwickelt zu haben“, sagt Volker Heyd, Mitautor der Studie und Archäologie-Professor an der Universität Helsinki. Er und sein Team vermuten, dass die Fortbewegung hoch zu Ross bei den Angehörigen der Jamnaja-Kultur demnach schon zwischen 3.000 und 2.500 v. Chr. recht verbreitet gewesen sein muss. 

Skelette zeugen von den Spuren des Reitens

Gelungen ist den Forschenden dieser Durchbruch bei einer Untersuchung von insgesamt 217 Skeletten, von denen 156 aus verschiedenen Grabstätten der Jamnaja-Kultur aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Chr. stammen. Dabei hatte das Team nicht gezielt nach einem Nachweis der Reitfähigkeiten dieser Individuen gesucht. Vielmehr fiel bei der Analyse der Skelette auf, dass mehrere der Individuen die Anzeichen des sogenannten „Horsemanship-Syndromes” aufwiesen. Dazu zählen beispielsweise Verformungen der Muskelansatzstellen an Becken und Oberschenkelknochen sowie Veränderungen der normalerweise runden Form der Hüftpfannen.

In dieser Grabstelle der Jamnaja fanden die Forschenden eines der Individuen, das vor 5.000 Jahren vermutlich ein Reiter war.

Foto von Michał Podsiadło

Insgesamt wiesen von den 156 erwachsenen Individuen etwa 15 Prozent Merkmale auf, die sie als „mögliche Reiter“ identifizieren. Bei fünf der Individuen halten die Forschenden es sogar für „sehr wahrscheinlich“, dass sie oft auf Pferden ritten. „Die relativ hohe Prävalenz dieser Merkmale in den Skelettfunden, insbesondere im Hinblick auf die insgesamt begrenzte Vollständigkeit, zeigt, dass diese Menschen regelmäßig geritten sind“, kommentiert der Anthropologe Martin Trautmann, Hauptautor der Studie, die Ergebnisse.

Hilfe bei der Verbreitung über Europa

Doch welche Vorteile verschaffte das Reiten den Jamnaja? Das Forschungsteam vermutet, dass der Umgang mit Pferden vor 5.000 Jahren kein leichter war. Fehlende Ausrüstung und die vergleichsweise kurzen Zucht- und Trainingszeiten führten vermutlich dazu, dass die Pferde schwer zu bändigen waren. Zum Einzug in den Kampf wurden die Tiere damals also vermutlich nicht verwendet.

Dennoch konnten die Reiter mit ihren Pferden mutmaßlich weite Strecken gut zurücklegen und hatten so Vorteile bei der Viehzucht und dem Schutz ihres weiträumigen Gebiets. Die Forschenden glauben außerdem, dass die Mobilität, die die Jamnaja durch das Reiten erlangten, ein Faktor ihrer erfolgreichen Expansion über Europa gewesen sein könnte. Bislang glaubte man, dass vor allem militärische Expertise dabei eine große Rolle spielte.

Ob die Jamnaja wirklich die ersten Menschen waren, die Pferde zum Reiten benutzen, lässt sich bislang nicht beantworten. Dennoch sind die Skelette ihrer Angehörigen bislang die ältesten, die einen Nachweis über das Reiten von Pferden erlauben.

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