Urzeitliche Erzählung: Steinrelief zeigt Mann, der seinen Penis hält

Eine etwa 11.000 Jahre alte Wandschnitzerei aus der Türkei könnte eine der wohl ersten in Stein festgehaltenen Geschichten der Welt darstellen. Das Relief stammt aus einer Umbruchszeit der Menschheitsgeschichte.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 14. Dez. 2022, 09:52 MEZ
Der wohl prominenteste Ausschnitt des in der Türkei entdeckten Steinreliefs: Ein Mann, der sein Geschlechtsteil in ...

Der wohl prominenteste Ausschnitt des in der Türkei entdeckten Steinreliefs: Ein Mann, der sein Geschlechtsteil in der Hand hält und in den Raum zu blicken scheint.

Foto von K. Akdemir

Einer der wohl wichtigsten Entwicklungsschritte der Menschheit ist das Erzählen und Festhalten von Geschichten. Schon in prähistorischen Zeiten, also bevor der Mensch die Schrift beherrschte, wurden Geschichten von Person zu Person weitergegeben – mündlich oder über künstlerische Darstellungen.

Einen der ersten Versuche, eine Geschichte in Form einer Steinschnitzerei festzuhalten, könnten Archäologinnen und Archäologen nun in der jungsteinzeitlichen Grabungsstätte Sayburç in der Türkei identifiziert haben. Dort fand man ein über 11.000 Jahre altes Steinrelief, bestehend aus fünf menschlichen und tierischen Figuren, unter denen auch ein Mann ist, der sein sehr prominentes Geschlechtsteil in der Hand hält. 

Laut der Archäologin Eylem Özdoğan von der Universität Istanbul ist der Mann mit dem Phallus Teil einer der ersten in Stein festgehaltenen narrativen Szenen. Ihre Studie zum Fund wurde nun in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht.

Sayburç: Ein Ort voller Geschichte

Forschende entdeckten das Relief bereits im Jahr 2021 in einer jungsteinzeitlichen Grabungsstätte nahe der syrischen Grenze – in der neolithischen Siedlung Sayburç. Bewohnt wurde die Siedlung im 9. Jahrhundert v. Chr., das Relief fand man in einem der ehemaligen Gemeinschaftsräume der damaligen Bewohner.

Das Sayburç-Relief wurde bei Ausgrabungen im Jahr 2021 im Gemeinschaftsraum einer neolithischen Siedlung gefunden.

Foto von B. Köşker

Besonders ist die Grabungsstätte vor allem, weil die Zeit, zu der sie bewohnt war, den Übergang vom Jäger- und Sammler-Dasein hin zur Sesshaftigkeit markiert. Dieser Übergang wird auch als neolithische Revolution bezeichnet. Zu dieser trug laut Özdoğan auch „die Entwicklung kollektiver Aktivitäten und Rituale sowie der Bau von Gemeinschaftsgebäuden mit starken symbolischen Elementen“ bei.

So entstand womöglich auch das Relief, das den Mann, der seinen Penis in der Hand hält, zeigt. Er ist von den insgesamt fünf menschlichen und tierischen Figuren die einzige, die in den Raum zu blicken scheint und sticht zusätzlich deutlicher als die anderen aus dem Gestein hervor. Aus diesem Grund spricht Özdoğan in seinem Fall von der Hauptfigur des gesamten Reliefs. 

Neben ihm sind vier weitere Figuren im Gestein festgehalten: ein Bulle, zwei Leoparden und ein weiterer Mann. Laut Özdoğan bildet die Steinschnitzerei insgesamt zwei narrative Szenen ab – eine zwischen dem Mann mit Phallus und den zwei Leoparden und eine zwischen dem Stier und der zweiten männlichen Figur, die ebenfalls, aber weniger auffällig, mit Phallus dargestellt ist. Dieser Mann und der Stier sind einander zugewandt. Die beiden Leoparden hingegen schauen von rechts und links auf den ersten Mann.

Jungsteinzeitliche Weltanschauung

Doch eindeutig ist Özdoğans Deutung des Reliefs als narrative Darstellung bislang nicht. Unklar ist beispielsweise, ob der Mann, der dem Bullen zugewandt ist, eine Schlange oder eine Rassel hält und welchen Vorgang die Szene somit darstellen könnte. Özdoğan ist sich dennoch sicher, dass es sich bei der Steinschnitzerei um eine Geschichte handelt. „Die Tatsache, dass sie zusammen in einer fortschreitenden Szene dargestellt sind, deutet darauf hin, dass ein oder mehrere zusammenhängende Ereignisse erzählt werden“, schreibt sie.

Doch auch abgesehen von der Frage nach dem Zusammenhang, sagen die Figuren einiges über die Zeit aus, in der sie geschaffen wurden. So kann man aus der Darstellung beispielsweise ablesen, wie die Menschen damals auf die Welt blickten. „Der Schwerpunkt liegt auf den räuberischen und aggressiven Aspekten der Tierwelt, die durch die Darstellung von gefährlichen Merkmalen wie Zähnen und Hörnern dargestellt werden“, so Özdoğan.

Das könne man unter anderem an den großen Zähnen und Hörnern des Bullen sowie an den weit aufgerissenen Mäulern der Leoparden erkennen. Auch die prominente Darstellung der Geschlechtsteile hat eine Bedeutung: Sie seien das einzige Merkmal dafür, dass es sich bei den Figuren wohl um Männer handeln sollte. 

Selbst wenn es sich bei dem Fund also nicht um die älteste narrative Geschichte in Stein handeln sollte – künstlerische Darstellungen aus prähistorischen Zeiten sind in jeglicher Form wertvolle Quellen, um die Lebenswelt der damaligen Menschen besser zu verstehen. Einen ähnlichen Stellenwert besitzt dahingehend beispielsweise die bislang älteste bekannte narrative Wandmalerei: die Darstellung einer Jagdszene in einer Höhle in Indonesien. Jene ist allerdings bereits über 44.000 Jahre alt. Die Szene aus Sayburç könnte möglicherweise das gemeißelte Pendant zu dieser ersten gemalten Geschichte darstellen.

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