Gewaltsame Strategen: Wie besiegten die Römer vor 2.000 Jahren die Nabatäer?

Forschende haben in der Wüste Jordaniens römische Militärlager entdeckt, die mit der Annektierung des nabatäischen Königreiches im Jahr 106 n. Chr. in Verbindung stehen sollen. Sie zeigen: Die Römer sind wohl gewaltsamer vorgegangen als bislang vermutet.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 22. Mai 2023, 09:37 MESZ
Luftaufnahme des römischen Marschlagers

Eines der Marschlager, das die Römer wohl auf ihrem Weg zum Königreich der Nabatäer aufschlugen. Die Lager dienten nur zum vorübergehenden Schutz während der Militärkampagne der Soldaten.

Foto von R. Bewley

Das frühe 2. Jahrhundert n. Chr. zählt zur Hochzeit des Römischen Reiches. Unter Kaiser Trajan nahmen die Römer unter anderem große Teile Vorderasiens ein, darunter auch das Königreich der Nabatäer. Jenes stand unter der Herrschaft von Rabbel II. Soter, der nach der Annektierung des Königreiches im Jahr 106 n. Chr. der letzte nabatäische König bleiben sollte.

Vier Archäologen von der Oxford University in England wollen nun neue Hinweise darauf entdeckt haben, wie die Römer bei der Annektierung der Gebiete in Nordarabien vorgingen. Anhand von Satellitenaufnahmen machten sie drei Militärlager in der Wüste nahe der Grenze des heutigen Jordaniens zu Saudi-Arabien aus. Laut der dazugehörigen Studie, die im Fachmagazin Antiquity veröffentlicht wurde, zeigen die Lager, dass die Annektierung möglicherweise weniger friedlich ablief, als römische Aufzeichnungen es bislang vermuten ließen.

Marschlager einer Militärkampagne

Die drei Lager, die in einer geraden Reihe verlaufen, sind auf den Satellitenbildern als rechteckige Anlagen im Boden zu erkennen. Zwei der Lager haben eine Größe von 95 mal 65 Metern und eine der Anlage ist 125 mal 105 Meter groß. Zwischen den Lagern liegt jeweils eine Entfernung von 37 bis 44 Kilometern.

Die Position der drei Lager im heutigen Jordanien.

Foto von Endangered archaeology in the Middle East and North Africa Project EAMENA

Laut den Studienautoren erinnert der Aufbau der Anlagen an andere, bereits identifizierte römische Marschlager – für sie ein Hinweis darauf, dass auch diese Lager den Römern zugeordnet werden können. „Wir sind uns fast sicher, dass die Lager von der römischen Armee gebaut wurden, da die Anlagen die typische Form einer Spielkarte haben, mit gegenüberliegenden Eingängen auf jeder Seite“, sagt Michael Fradley, Hauptautor der Studie.

Das Team betont, dass der Fund solcher Marschlager dabei helfen kann, die Feldzüge der römischen Soldaten in Arabien zu rekonstruieren. „Römische Kastelle und Festungen zeigen, wie Rom eine Provinz gehalten hat, aber provisorische Lager wie diese verraten, wie sie eine Region überhaupt erst erschlossen haben“, sagt Mike Bishop, ein Experte für das römische Militär an der University of Oxford.

Ein gewaltsames Ende der Nabatäer?

Laut der Studie spricht die relativ große Entfernung der Marschlager dafür, dass sie von einer Infanterie, die auf Kamelen durch die Wüste ritt, genutzt wurden. Vermutlich verharrten die Römer nur wenige Tage im jeweiligen Lager, bevor sie ihre Zelte abbrachen und sich erneut auf den Weg machten.

Die Ausrichtung der Lager spricht außerdem dafür, dass die Machtübernahme der Römer in dieser Region alles andere als friedlich verlief – ganz entgegen der Überlieferungen aus Rom. Die Lager laufen geradlinig auf Dûmat al-Jandal im heutigen Saudi-Arabien zu. Der Ort war im 2. Jahrhundert n. Chr. eine Siedlung im Osten des nabatäischen Königreichs – und wurde von der Militärkampagne damals offenbar in den Fokus genommen. „Der Verlauf der Lager deutet auf eine Strategie zur Umgehung einer stärker befahrenen Route hin, was dem Angriff ein Überraschungsmoment verleihen sollte“, so Bishop.

Um der Geschichte weiter auf den Grund zu gehen, wollen die Archäologen zunächst genaue Datierungen der Lager vornehmen und durch Ausgrabungen vor Ort die Geschichte der Machtübernahme des nabatäischen Königreichs genau rekonstruieren.

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