Hirota: Wie ein altes japanisches Volk seine Kopfform veränderte

Zwischen dem 3. und dem 7. Jahrhundert n. Chr. wandte das japanische Hirota-Volk Praktiken an, um seine Schädelknochen absichtlich zu verformen. Neue Forschungsergebnisse geben Einblicke in die lang vergangene Tradition.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 24. Aug. 2023, 09:56 MESZ
Das Foto zeigt die Seitenansicht und die Draufsicht eines verformten Schädels des Hirota-Volkes. Der Hinterkopf ist ...

Verschiedene Ansichten eines Schädels des Hirota-Volkes. Die verkürzte, abgeflachte Hinterpartie des Kopfes ist deutlich zu erkennen.

Foto von Seguchi et al., PLOS One 2023

Menschen verändern ihr Aussehen seit jeher, um bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen – koste es, was es wolle. Seit der Antike sind von Zivilisationen auf der ganzen Welt Praktiken bekannt, bei denen Knochenstrukturen absichtlich und nachhaltig verändert werden. So werden etwa die Schädelknochen mithilfe von Schienen oder Abbinden teils wortwörtlich von der Wiege an modifiziert. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür sind etwa die Turmschädel aus der Zeit der Völkerwanderung.

Veränderungen der Schädelform wurden nun auch bei den Menschen des südjapanischen Hirota-Volkes zweifelsfrei nachgewiesen. Das zeigt eine internationale Studie, die im Fachmagazin PLOS ONE erschien. Bislang war nicht geklärt, ob die Modifikation der Köpfe der Hirota tatsächlich beabsichtigt war oder unbeabsichtigt durch spezielle Gewohnheiten beeinflusst wurde.

Die verformten Schädel des Hirota-Volkes

„Ein Ort in Japan, der seit langem mit Schädelverformung in Verbindung gebracht wird, ist der Hirota-Standort auf der japanischen Insel Tanegashima in der Präfektur Kagoshima“, sagt Noriko Seguchi, Professorin für biologische Anthropologie an der Kyushu-Universität. Das Volk lebte dort vom 3. bis in das 7. Jahrhundert n. Chr. – vom Ende der Yayoi-Periode bis in die Kofun-Zeit.

Menschliche Überreste des Hirota-Volkes: Viele Verstorbene wurden mit auffällig vielen Schmuckstücken aus Muscheln bestattet. 

Foto von The Kyushu University Museum

In der Vergangenheit brachte die groß angelegte Grabstätte der Hirota bereits verschiedene Ausgrabungen auf den Plan. Von 1957 bis 1959 und erneut von 2005 bis 2006 wurden mehrere hunderte Skelette der Zivilisation ausgegraben. Geschmückt waren diese mit zehntausenden Grabbeigaben aus Glas und Muscheln. Am meisten Aufsehen erregten jedoch die verformten Schädel. „Von der ersten Ausgrabung fanden wir Überreste mit Schädelverformungen, die durch einen kurzen Kopf und einen abgeflachten Rücken des Schädels gekennzeichnet sind“, sagt Seguchi. Fraglich war allerdings, ob diese tatsächlich beabsichtigt waren. 

Um das Rätsel zu lösen, hat das Forschungsteam unter der Leitung der Kyushu University in Japan und der University of Montana in den Vereinigten Staaten die außerordentlichen Funde nun erneut untersucht. 

3D-Scans offenbaren absichtliche Schädelverformung 

Bei der sogenannten kranialen Modifikation wird die Form des Kopfes nachhaltig verändert. Dies geschieht durch das gezielte Abbinden, den Einsatz von Schienen oder durch anderweitiges Ausüben von Druck, meist schon vom Kindesalter an.

3D-Aufnahmen von Vergleichsproben vom Standort des Yayoi-Volkes (links) und der Hirota. Die Hinterköpfe der Hirota sind deutlich abgeflacht. 

Foto von Seguchi Lab / Kyushu University

Um herauszufinden, inwiefern sich die Schädel der Hirota von denen anderer japanischer Völkern unterscheiden, führte das internationale Forschungsteam zunächst Analysen von zwei- und dreidimensionalen Aufnahmen durch. Dabei gaben 2D-Bilder Einblicke in die Form und Konturen der Schädel, während 3D-Scans die Oberflächenstruktur abbildeten.

Laut Seguchi zeigen die Schädel der Hirota ausgeprägte Schädelmorphologien und eindeutige Abweichungen. „Das Vorhandensein einer abgeflachten Rückseite des Schädels, die durch Veränderungen im Hinterhauptknochen gekennzeichnet ist, [...] deutet stark auf eine absichtliche Schädelmodifikation hin“, sagt er. Damit sind die Modifikationen der Hirota zwar subtiler als die anderer Völker, aber dennoch eindeutig nachweisbar.

Schädelmodifikation als Statussymbol?

Warum genau die Hirota ihre Schädelknochen derart verformten, bleibt unterdessen ungewiss. Schriftliche Erklärungen seien bislang noch keine gefunden worden. Eventuelle Beweggründe könnten mit dem Erhalten der Gruppenidentität und dem Erfolg von möglichen Handelsbeziehungen zu tun haben.

Fest steht: Es konnten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede entdeckt werden. Sowohl männliche als auch weibliche Hirota praktizierten das absichtliche Verformen von Schädelknochen. Ob dies auch ein Hinweis auf eine fehlende soziale geschlechtsspezifische Hierarchie des Volkes ist, bleibt bislang ungeklärt.

„Unsere Ergebnisse tragen wesentlich zu unserem Verständnis der Praxis der absichtlichen Schädelmodifikation in alten Gesellschaften bei“, sagt Seguchi. „Wir hoffen, dass weitere Untersuchungen in der Region Einblicke in die soziale und kulturelle Bedeutung dieser Praxis in Ostasien und der Welt bieten werden.“

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