Skythen fertigten Leder aus Menschenhaut

Der Legende nach ging das nomadische Reitervolk der Skythen mit seinen Feinden besonders brutal um – und nutzte deren Überreste, um Kleidung und Accessoires herzustellen. Eine neue Studie bestätigt nun zumindest einen Teil dieser Geschichten.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 11. Jan. 2024, 08:33 MEZ
Goldener Aufnäher, der zwei Skythen mit gespannten Bogen darstellt, die Rücken and Rücken zueinander stehen.

Aufgenähte goldene Bekleidungsapplikation in Form zweier skythischer Bogenschützen. Unter „Skythen“ versteht man heute unterschiedliche Nomadenvölker, die im ersten Jahrtausend v. Chr. die eurasischen Steppen bewohnten.

Foto von CC BY-NC-SA 4.0 / The British Museum

Die Skythen tranken das Blut ihrer Feinde, skalpierten sie nach gewonnenem Kampf, trugen ihre Haut aufgebahrt auf einem hölzernen Rahmen durch die Gegend und stellten daraus Kleidung her – so zumindest die Legende. Die haarsträubenden Geschichten über das nomadische Reitervolk basieren hauptsächlich auf den Schriften des antiken Geschichtsschreibers Herodot, dessen Aufzeichnungen laut Historiker*innen allerdings nicht immer für bare Münze genommen werden sollten.

Im Falle der Skythen steckt in seinen Geschichten allerdings zumindest ein Funken Wahrheit. Denn das Reitervolk scheint zur Fertigung von Leder tatsächlich Menschenhaut genutzt und daraus Accessoires hergestellt zu haben. Das konnte ein Forschungsteam nun nach einer Untersuchung von skythischen Artefakten nachweisen. Ihre Studie veröffentlichte das Team in dem Fachmagazin PLOS one.

Skythischer Köcher aus Menschenhaut

Eigentlich hatten Luise Ørsted Brandt von der Universität Kopenhagen in Dänemark und ihre Kolleg*innen die skythischen Lederproben nur untersucht, um herauszufinden, welche Tiere das Reitervolk bei der Herstellung von Leder bevorzugte. 

Bei der Auswertung kam dann die Überraschung: Neben Hautüberresten von domestizierten Tieren wie Schafen, Ziegen, Rindern und Pferden sowie Wildtieren wie Füchsen, Eichhörnchen und diversen Katzenarten fanden sie in den 45 untersuchten Proben auch menschliche Proteine.

Am Ende der Untersuchungen war klar: Zwei der Lederproben bestehen nachweislich zumindest teilweise aus menschlicher Haut. Beide stammen von Überresten skythischer Köcher, also Lederbehältnissen für Pfeile oder Messer, die vermutlich im 4. Jahrhundert v. Chr. genutzt wurden.

Illustration eines Skythischen Kriegers. Leder war ein wichtiger Rohstoff für die Skythen, aus dem sie Kleidung, Accessoires und Teile ihrer Waffen fertigten.

Foto von D. V. Pozdnjakov / British Museum

Hochentwickelte Lederproduktion

Damit bestätigt das Team zumindest einen Teil der Aufzeichnungen Herodots. Der Zeitgenosse der Skythen schrieb vor etwa 1.600 Jahren: „Viele Skythen machen sogar Kleidungsstücke aus den Skalps ihrer Feinde und nähen sie wie Mäntel aus Haut zusammen. Viele ziehen auch die Haut mitsamt den Nägeln von den rechten Händen ihrer toten Feinde ab und machen daraus Überzüge für ihre Köcher.“ 

Sicher nachweisen, dass es sich bei der verwendeten Haut tatsächlich um die Überreste von Feinden handelt, können die Forschenden bislang nicht. Da in der Vergangenheit aber bereits weitere Behauptungen Herodots über die Skythen wissenschaftlich belegt werden konnten, ist es möglich, dass auch dieser Teil der Geschichte der Wahrheit entspricht, heißt es in der Studie.

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