Attilas Hunnen: Wer waren die Reiternomaden aus dem Osten?

Die Hunnen plünderten sich durch Europa und wurden für den Niedergang des Römischen Reiches mitverantwortlich gemacht.Freitag, 13. September 2019

Attila der Hunnenkönig und seine Krieger greifen auf diesem Gemälde des französischen Malers Eugene Delacroix zu Pferd an.
Attila der Hunnenkönig und seine Krieger greifen auf diesem Gemälde des französischen Malers Eugene Delacroix zu Pferd an.
bild The Picture Art Collection, Alamy

Um das Jahr 370 herum fielen die Hunnen über einen Großteil von Westeuropa her. Sie eroberten die Gebiete germanischer Stämme und vertrieben viele andere aus ihrem wachsenden Territorium. Aber wird dieses Nomadenvolk seinem überlebensgroßen Ruf gerecht?

Es ist eine Frage, die sich nur schwer beantworten lässt. Die Hunnen „sind nach wie vor ein großes Mysterium“, schreibt der Historiker Peter Heather. Teils liegt das daran, dass sie keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen. Auch ihr eigentlicher Ursprung ist unbekannt. Womöglich kamen die Nomaden aus dem Gebiet des heutigen Kasachstan und breiteten sich ab etwa 350 n. Chr. über die östlichen Steppen aus. Manche Gelehrte glauben auch, dass sie aus einem türkischen Stamm hervorgehen, der von den Xiongnu abstammt. Dieser Stammesbund von Reiternomaden vereinte im späten 3. und frühen 2. Jahrhundert v. Chr. einen Großteil Asiens unter seiner Herrschaft.

Durch seine rücksichtslosen Plünderungen und Gewalttaten war Attila als „Geißel Gottes“ verschrien.
Durch seine rücksichtslosen Plünderungen und Gewalttaten war Attila als „Geißel Gottes“ verschrien.
bild Icas94, De Agostini/ Getty

Als die Hunnen auf Höhe des Schwarzen Meeres weiter nach Westen zogen, griffen sie jeden an, dem sie begegneten: Vandalen, Westgoten, Goten und andere Gruppen – sie alle flohen Richtung Rom. Diese Migrationsbewegungen destabilisierten das Römische Reich und untermauerten den Ruf der „blutdurstigen Hunnen“.

Ihr berüchtigtster Anführer, Attila, gab sich alle Mühe, diesem Ruf gerecht zu werden. Zwischen 440 und 435 führte er die Hunnen durch einen Großteil Europas. Unterwegs plünderte er unermüdlich alles auf seinem Weg und verdiente sich damit einen Ruf als „Geißel Gottes“, dessen Untertanen unaussprechliche Gräueltaten verübten, wo immer sie auch hinkamen.

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Die archäologischen Befunde erzählen aber eine andere Geschichte. 2017 analysierte die Archäologin Susanne Hakenbeck beispielsweise die Knochen von Hunnen, die in Pannonien begraben wurden. Die damalige Provinz des Römischen Reiches befindet sich heute auf dem Gebiet Ungarns. Isotopenuntersuchungen zeigten, dass die Hunnen mit den Römern koexistierten und durchaus auch ein kultureller Austausch stattfand. Die Geschichte der Hunnen „war also nicht zwingend nur eine Geschichte von Konflikten, sondern des Austausches und der Anpassung über Grenzen hinweg“, erzählte Hakenbeck 2017 in einem Interview mit der Washington Post.

Attila der Hunnenkönig griff Rom nie direkt an und sein Reich zerfiel um etwa 469 herum. Der barbarische Ruf seines Volkes überdauerte die Zeit jedoch. Der griechische Geschichtsschreiber Jordanes aus dem 6. Jahrhundert bezeichnete die Hunnen als „heimtückischen Stamm“. Auch andernorts wurden sie gemeinhin mit dem Niedergang des Römischen Reiches in Verbindung gebracht. Moderne Historiker vermuten allerdings, dass sie eine weniger direkte Rolle bei diesem Prozess gespielt haben: Die generelle Instabilität des Reiches machte es ohnehin durch Invasionen äußerer Mächte angreifbar.

Der furchterregende Ruf der Hunnen hat auch in der Moderne Anklang gefunden. Nachdem der deutsche Kaiser Wilhelm II. seine Soldaten bei einer Rede im Jahr 1900 dazu ermutigt hatte, ebenso gnadenlos wie die Hunnen zu sein, haftete der Begriff den Deutschen international an. Während des Ersten Weltkriegs war „Hunne“ ein Schimpfwort für Deutsche. Auch heute haben die Hunnen noch ein negatives Image. Im Vergleich zu anderen Zeitgenossen, die sich mit Eroberungen und Plünderungen ebenfalls nicht zurückhielten, mag ihre Sonderstellung aber unverdient sein.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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