Warum mittelalterliche Kunst so seltsam aussieht

Katzen mit menschlichen Gesichtern, musizierende Löwen und Menschen mit Flügeln – mittelalterliche Gemälde strotzen nur so von bizarren Darstellungen. Warum ist das so?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 4. Jan. 2024, 10:05 MEZ
Aus den Mündern eines Menschen, einer Schlange und einer löwenähnlichen Kreatur entspringen Frösche.

Darstellung aus dem Codex von Saint-Sever Beatus, einer romanischen Bilderhandschrift aus dem 11. Jahrhundert, erstellt von dem Mönch Beatus von Liébana. Die ungewöhnliche Darstellung zeigt einen Mann und zwei Kreaturen, aus deren Mündern Frösche entspringen. Das soll die Gefahr, die von falschen Propheten ausgeht, zeigen. 

Foto von CC BY 4.0

Genervt dreinblickende Mordopfer, lächelnde Frösche oder Babys mit erwachsenen Gesichtern: Mittelalterliche Gemälde haben Meme-Potenzial und erleben in den sozialen Medien seit einigen Jahren eine Renaissance. 

Viele der Darstellungen werden dabei als „seltsam“ und die Erschaffer als „untalentiert“ wahrgenommen. Dabei verfolgten mittelalterliche Künstler mit ihren Bildern ganz bestimmte Absichten – mit Resultaten, die meist lediglich durch unseren modernen Blick bizarr wirken.

Kuriose Illustrationen: Symbolik über Ästhetik

Olivia Swarthout, Autorin des Buches Weird Medieval Guys: How to Live, Laugh, Love (and Die) in Dark Times hat früh erkannt, dass mittelalterliche Darstellungen Entertainment-Faktor haben. Bereits vor Veröffentlichung ihres Buches teilte sie auf ihrem Instagram-Kanal amüsante Ausschnitte aus mittelalterlicher Kunst, um ihre Faszination für die „seltsamen mittelalterlichen Figuren“ an andere weiterzugeben. „Diese Darstellungen sind besonders“, sagt sie. „Sie zeigen auf ungestellte Art und Weise, welche Sicht mittelalterliche Menschen auf die Welt um sie herum hatten.“

Eine Illustration aus dem Rochester Bestiary, einer mittelalterlichen Handschrift, in der das Aussehen und die Gewohnheiten zahlreicher realer und mystischer Tiere beschrieben wurdeDas Bild zeigt eine Jagdtaktik, die damals Füchsen nachgesagt wurde: Sie stellen sich tot, um dann aus dem Hinterhalt ihre Beute zu fangen.

Foto von Gemeinfrei

Belustigend wirken diese Illustrationen auf uns heute, weil viele mittelalterliche Kunstwerke eines gemeinsam haben: Ihre Erschaffer hatten wenig Interesse daran, Tiere und Menschen besonders lebensecht darzustellen. „Die Kunst des Mittelalters ist eine Kunst des Geschichtenerzählens“, schreibt die Autorin Wendy Stein in ihrem Buch How to Read Medieval Art. „Die Werke [...] wurden geschaffen, um eine Bedeutung zu haben.“ Heißt: Es ging vor allem darum, anhand der Figuren Emotionen, Geschichten und Informationen darzustellen.

„Die Menschen wollten die Themen der Texte in den Handschriften kommentieren, betonen und hervorheben“, sagt Swarthout. „Es war wichtig, dass Figuren und Szenen für die Leser erkennbar waren.“ So hatte der symbolische Inhalt einer Illustration oft Vorrang vor Dingen wie Anatomie, Ausdruck und Perspektive.

Die Ermordung Reinmars III. von Brennberg in einer Miniatur aus dem Codex Manesse. Der Illustrator, der das Bild malte, legte Wert darauf, den Vorfall mit all seinen Implikationen zu zeigen – Reinmar wurde um das Jahr 1276 von Regensburger Bürgern bei einer Fehde ermordet. Dass er auf dem Bild so aussieht, als sei ihm herzlich egal, dass er soeben erstochen wurde, wirkt auf uns heute wohl unterhaltsamer als noch vor rund 700 Jahren, als die Illustration entstand.

Foto von Gemeinfrei

Swarthout betont, dass es unmöglich sei, die gesamte Kunst einer so facettenreichen und langen Epoche wie dem Mittelalter – grob reichte es vom 5. bis ins 15. Jahrhundert n. Chr. – zu destillieren. Dennoch zieht sich die Vorliebe für Symbolik durch viele Bereiche der mittelalterlichen Kunst, bevor sie in der Renaissance von einem Fokus auf realistische Darstellungen abgelöst wurde.

Christlicher Einfluss auf die Kunst

Der Einfluss der Symbolik nahm vor allem bei Darstellungen von Tieren für uns heute sonderbare Formen an. „Menschen sehen mittelalterliche Bilder von Tieren mit unheimlich menschlichen Gesichtern und finden diese beunruhigend oder albern“, so Swarthout. „Dabei waren Tiere ein wichtiger Bestandteil der mittelalterlichen Symbolsprache.“ Sie wurden vermenschlicht dargestellt, da sie menschliche Wesenszüge repräsentieren sollten. Oft ging es bei den Zeichnungen von Tieren auch um religiöse Symbole: Tierische Eigenschaften wurden allegorisch mit christlichen Werte verbunden. So stand die Schlange beispielsweise für Sündhaftigkeit und der Löwe für Stärke.

Links: Oben:

Illustration von Konrad Schlapperitzin aus einem mittelalterlichen Manuskript: Die Schlange, die Eva dazu verführt, in den Apfel zu beißen, wird mit menschlichem Gesicht dargestellt.

Rechts: Unten:

Manuskriptseite, auf der der niedergeschriebene Text durch Illustrationen verdeutlicht wird. Unten auf der Seite: Adam und Eva am Baum der Erkenntnis. 

bilder von New York Public Library Digital Collection

Auch ansonsten wurden Bibelgeschichten und die Lehren, die man aus ihnen zog, auf teils bizarre Art und Weise dargestellt. Der Versuch, komplexe theologische Konzepte darzustellen, führte beispielsweise zu Symbolen wie Fröschen, die aus den Mündern von Menschen und Biestern kommen – ein Zeichen für falsche Propheten und unreine Geister, die von ihnen Besitz ergreifen –, oder zu Mensch-Biest-Kreaturen, die dem Teufel verfallen sind. 

Ein bekanntes Symbol aus mittelalterlichen Illustrationen sind Frösche, die den Mündern von Menschen und Biestern entspringen. Sie stehen für falsche Propheten, die die Menschen irreführen wollen.

Foto von weirdmedievalguys

Weird Medieval Guys: Künstler des Mittelalters

Doch wer waren die Menschen, deren Bilder uns bis heute so unterhalten? Laut Swarthout waren sie, anders als bekannte Maler aus der Renaissance oder der Moderne, nicht unbedingt daran interessiert, sich selbst auszudrücken. Vielmehr malten sie nach Auftrag von Menschen oder Institutionen, die es sich leisten konnten oder genug Macht hatten. Handschriften wurden illustriert, um das Geschriebene für Menschen, die nicht lesen konnten, zugänglich zu machen. „Es ging darum, etwas Funktionales zu schaffen, das den Erwartungen der Kunden in hohem Maße entsprach“, sagt Swarthout.

Dabei erlaubten sich die Illustratoren hin und wieder auch einen Scherz. Teilweise kommentierten sie die Texte mit humoristischen Darstellungen in den Rändern der Seiten, teilweise haben die Bilder aber auch wenig mit der Schrift zu tun und dienen lediglich der Belustigung. Dabei machten die Illustratoren oft Gebrauch von Fäkalhumor oder sexuellen Zweideutigkeiten. „Diese Illustrationen stellen nur einen kleinen Teil der existierenden mittelalterlichen Kunst dar“, sagt Swarthout. Dennoch seien sie im Internet besonders beliebt – wohl auch, weil es den Menschen gefalle, über etwas lachen zu können, über das bereits vor über 1.000 Jahren Witze gemacht wurden.

Die Form der mittelalterlichen Kunst, bei der Darstellungen von Menschen, Tieren und Fabelwesen ganz absichtlich grotesk überzeichnet werden, nennt sich Drolerie. Dabei machten sich Illustratoren in den Seitenrändern von Büchern über bestimmte Menschen oder Stände lustig oder wollten gar beleidigen.

Foto von British Library

„Seltsame mittelalterliche Figuren“ finden sich also in vielen Bereichen der mittelalterlichen Kunst: in biblischen Buchmalereien sowie wissenschaftlichen Handschriften über Tiere und den Seitenrändern anderer Manuskripte. Sie alle geben einen einzigartigen Einblick in die Lebenswelt der damaligen Menschen und zeigen: So ernst und prüde wie das Mittelalter manchmal dargestellt wird, war es nicht. 

Weitere kreative und humorvolle Darstellungen aus dem Mittelalter gibt es in unserer Galerie.

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