Reise und Abenteuer

Sherpas: Die Unsichtbaren des Everest

Auf dem höchsten Berg der Welt tragen sie die schwersten Lasten und zahlen den höchsten Preis. Donnerstag, 2 November

Von Chip Brown

Sherpas, die auf dem Mount Everest arbeiten, sterben im Normalfall nicht in großer Zahl. Mit Ausnahme ihrer dunkelsten Saisons – 1922, 1970, 2014 und 2015 – finden sie eher einer nach dem anderen ihr Ende. Manche sterben bei Stürzen in Gletscherspalten oder durch Lawinen, andere an der Höhenkrankheit. Einige sind auf dem Berg einfach verschwunden und wurden nie wiedergesehen.

Wenn sie in den westlichen Medien überhaupt erwähnt werden, sind ihre Tode oft nur eine Randbemerkung. Als 2013 die Aufmerksamkeit der Welt auf einer Auseinandersetzung zwischen Sherpas und ein paar westlichen Bergsteigern ruhte, bemerkte kaum jemand, dass vier Sherpas unabhängig voneinander auf dem Everest starben. Im Jahr zuvor das gleiche: drei weitere Todesfälle unter den Sherpas.

Die traurige Wahrheit ist, dass Sherpas und nepalesische Arbeiter auf dem Berg mit einer solchen Regelmäßigkeit versterben, dass es fast schon Routine ist. Insgesamt machen sie 40 Prozent aller Everest-Todesfälle des letzten Jahrhunderts aus. Da scheint es einfach für die westlichen Touristen, Bergführungsagenturen, nepalesischen Funktionäre und selbst für einige der Sherpas, den Tod eines einzelnen Individuums unter den Teppich zu kehren. Man übermittelt sein aufrichtiges Beileid. Man leistet unzureichende Versicherungszahlungen. Man baut Stupas, bringt Plaketten an, postet Bilder auf Blogs. Und dann widmen sich alle Parteien wieder der gewaltigen Geldmaschine namens Everest, dem boomenden Business, in dem Tausende Ausländer kleine Vermögen bezahlen, um auf dem Gipfel der Welt zu stehen.

Für die meisten Außenseiter ist der Tod eines beliebigen Sherpas in diesem System eine Art bedeutungslose Abstraktion. Und dann, eines nachmittags, findet man sich in einer Teestube in Pangboche wieder, wo einem der Tribut an Menschenleben, den das Everest-Fieber gefordert hat, unausweichlich klar wird.

Pangboche ist ein geschichtenumwobenes Dorf, in dem Lama Sanga Dorje 1615 einen Tempel gegründet hat – etwa 100 Jahre, nachdem die Sherpas von Tibet in die Flusstäler von Khumbu gekommen waren. Zum ersten Mal war ich Ende Mai 2013 dort, als die Klettersaison auf dem Everest sich gerade entspannte. Der Wanderweg vom Basislager des Everest war voller Sherpa-Führer, die sich auf den Weg nach Hause machten, beladen mit dem Sieben- oder Achtfachen des durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Nepalesen. Zurück in ihrem Heim würden sie ihren Frauen helfen, die Kartoffelfelder vom Unkraut zu befreien, sich um die Yaks zu kümmern und auf die Kinder aufzupassen. Im Mai hatten die Sherpas mehr als 200 Kunden dabei geholfen, den Gipfel des Everest zu erreichen. Aber die 2013er Saison sollte der Öffentlichkeit für etwas ganz Anderes in Erinnerung bleiben ...

Ama Dablam und die anderen gigantischen Gipfel über dem Fluss Imja Khola verschwanden in den Monsunnebeln, während unser Führer Mingma Ongel Sherpa den Fotografen Aaron Huey und mich durch die Tür einer Teestube führte, die sich neben dem Kloster von Pangboche befindet. Wir wollten DaSona Sherpa besuchen, einen 47 Jahre alten Führer, der bereits zehnmal den Gipfel des Everest erklommen hatte.

DaSonas Frau füllte uns gesüßten Milchtee in unsere Glastassen, während DaSona unsere Fragen zu seinen Erfahrungen auf dem Everest höflich beantwortete. Aber es lag eine Schwere in der Luft. Während er sprach, schob er abwesend vier Reiskörner auf dem Tisch vor sich her und sah aus dem Fenster. Draußen spielten seine zwei Enkelinnen – die dreijährige Kelsang und die zweijährige Nawang – auf der Fläche zwischen der Teestube und dem Kloster. Die Mädchen trugen blaue Fleecejacken gegen die Kälte des Nebels. DaSona sagte, dass er geplant hatte, noch für fünf weitere Saisons auf dem Everest als Führer zu arbeiten. Jetzt dachte er aber darüber nach, schon nach zweien aufzuhören. Warum? Er hielt inne. Unter seinen Fingern rollte er die Reiskörner umher.

„Ich habe letzten Monat meinen Schwiegersohn in Lager III verloren“, sagte er.

DAS LOCH IM HERZEN

Sein Schwiegersohn, DaRita Sherpa aus dem Dorf Phortse, war 37. DaRita war ein Mönch gewesen, bevor er DaSonas Tochter Nimadoma geheiratet hatte. 2013 war seine dritte Saison mit der Organisation International Mountain Guides gewesen. Er war nur für die Arbeit zum Everest zurückgekehrt, weil er in Phortse eine Hütte baute und dafür einen Kredit aufgenommen hatte.

Am 5. Mai stand er auf, zog sich an, frühstückte und wollte sich gerade auf den Weg nach unten zum Lager II machen, als ihm schwindelig wurde und er sich wieder hinlegte. Seine Atmung setzte aus. Seine Teammitglieder versuchten, ihn zu reanimieren, aber ohne Erfolg. Die Ärzte im Basislager vermuteten, dass er einem Herzinfarkt oder der Höhenkrankheit erlegen war. DaSona flog mit dem Leichnam im Hubschrauber zurück nach Phortse, wo DaRita eingeäschert wurde. Zurück blieb sein Schwiegervater, der sich nun fragte, wie er die Schule für seine Enkelinnen bezahlen und für seine verwitwete Tochter sorgen sollte.

Als wir dort saßen, unter dem Gewicht von DaSonas stoischer Trauer, kam Nimadoma herein. Als sie Mingma sah, rannte sie zu ihm und begann zu schluchzen. DaSona sagte, dass Nimadoma seit DaRitas Tod in Tränen ausbrach, wann immer sie einen Sherpa-Führer sah, der vom Basislager kam.

Kelsang und Newang sind zu jung, um das Loch im Herzen ihres Zuhauses zu verstehen. Aber als Kelsang hereinkam und ihre Mutter in ihrem Kummer sah, sagte sie „Weine nicht, Mama“, und wischte mit dem Ärmel ihrer Fleecejacke über die Augen ihrer Mutter.

Schließlich setzten sich beide Mädchen wieder draußen auf den Boden, mit blauen und gelben Bechern und Spielzeugessen aus Plastik – ein Hühnchen, ein Maiskolben und ein bisschen grünes Gemüse. Nimadoma lehnte sich gegen Mingma. Wir tranken still unseren Tee, lauschten den Krähen und Waldsängern, während wir DaRitas Enkelinnen dabei zusahen, wie sie so taten, als würden sie den Dreck essen, den sie in ihre Becher schaufelten.

Ein Mönch in einem kastanienbraunen Gewand trat wie eine Geistererscheinung aus dem Nebel. Er beugte sich runter und sagte etwas zu den Mädchen. Dann ging er entlang der Klostermauer fort und drehte mit ausgestrecktem Arm ein paar Gebetsmühlen. Er zog eine gespenstische Stille hinter sich her, als die tanzenden Gebetsmühlen eine nach der anderen wieder verstummten.

EINE KULTUR DES BERGSTEIGENS

Für die Kultur der Sherpas hat eine entscheidende Zeit des Umbruchs begonnen, insbesondere für die Subkultur der Bergsteigergemeinschaft der Sherpas. 1907 wurden die Sherpas zum erstem Mal auf ihren Kartoffelfeldern angeheuert, um schwere Ausrüstung für eine Expedition zu tragen. Seitdem wurde ihre Kultur von nichts so stark geprägt wie von der westlichen Leidenschaft für das Bergsteigen.

In weniger als einem Jahrhundert wandelten sie sich von Menschen, die an der geistigen Gesundheit der Mikaru (ihr Ausdruck für ausländische Bergsteiger) zweifelten, zu einigen der besten Bergsteiger der Welt. Sherpas halten die Geschwindigkeitsrekorde auf dem Everest. Sie arbeiten als Führer auf dem Denali und auf Mount Renier. 2012 wurden Mingma und Chhang Dawa Sherpa von Seven Summit Tracks die zwei ersten Brüder, die die Gipfel aller 14 Achttausender der Welt erklommen hatten.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Sherpa-Träger der britischen Expedition zur tibetischen Seite des Mount Everest in den 1920ern nicht mal ein Wort für „Gipfel“ hatten. Stattdessen hatten sie ihre eigene Theorie dazu, auf was es die Briten abgesehen hatten, wie Wade Davis in seinem Buch „Into the Silence: The Great War, Mallory, and the Conquest of Everest“ (dt. In die Stille: Der Erste Weltkrieg, Mallory und die Bezwingung des Everest) erklärt: Sie glaubten, die Ausländer seien Schatzsucher, die nach der Statue eines goldenen Kalbs oder Yaks suchten, um sie für Münzen einzuschmelzen.

In den 1950ern war Charles Houston ein Mitglied des ersten westlichen Teams, das den Everest von Süden her erkundete. Er fotografierte Namche Bazaar, die sogenannte Sherpa-Hauptstadt, was zu der Zeit ein kleines, zutiefst abgeschiedenes Dorf war, das aus Steinhäusern mit Schieferdächern bestand. Keine Wasserkraft, keine vierstöckigen Hotels, kein Zahnarzt, keine Ausrüstungsläden mit gefälschtem North Face-Fleece, keine Cafés mit Internetanschluss.

Die meisten Sherpas sprachen nur ihre eigene Sprache und hatten nur wenig Kontakt mit der Welt jenseits der Berge. Die Transformation begann, als das Duo aus dem Sherpa Tenzing Norgay und dem Neuseeländer Edmund Hillary 1953 den Everest bestieg. Ein Großteil der Verbesserungen des Lebens in Khumbu ist der Verdienst von Hillary. Bis zu seinem Tod 2008 war er hoch angesehen und von manchen als „der Sherpa-König“ betitelt, in Anerkennung seiner Bemühungen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen und den Lebensstandard zu erhöhen.

FORTSCHREITENDE PROFESSIONALISIERUNG

Nach dem ersten Aufstieg hat auch das Interesse am Bergsteigen auf dem Everest in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Aber erst in den 1990ern begannen die wirtschaftlichen Motive der kommerziellen Bergführung, die Amateurmotivationen des traditionellen Bergsteigens zu überschatten. Bergsteiger, die einst aufeinander aufgepasst hatten – aus Liebe zum Abenteuer und für „die Bruderschaft des Seils“ –, kümmerten sich nun um ihr Bergsteiger-Business oder nahmen Jobs als Führer, um Kunden gegen ein Gehalt zu betreuen. Kommerzielle Bergführeragenturen versprachen jedem, der in angemessen guter körperlicher Verfassung war, eine Chance auf den Everest. Der amerikanische Führer Scott Fischer prägte einen berühmten Ausspruch, bevor er 1996 auf dem Everest starb, als ein Blizzard acht westliche Bergsteiger tötete: „Wir haben einen gelben Ziegelsteinweg zum Gipfel gebaut.“

In gewisser Weise haben die Sherpas mehr als jede andere Gruppe von der Kommerzialisierung des Everest profitiert. Sie verdienen ihr Einkommen durch Tausende von Bergsteigern und Wanderern, die es zum Berg zieht. Mit der Zeit wurde der Job des „Sherpa“ immer weiter professionalisiert. Aaron und ich haben im Januar 2014 mit Ang Dawa unterhalten. Der 76 Jahre alte Mann ist ein ehemaliger Bergsteiger, der nun viel Zeit damit verbringt, Yaks mit einer Steinschleuder in ein Gehege zu treiben.

„Meine erste Expedition war zum Makalu [der fünfthöchste Berg der Welt] mit Sir Edmund Hillary“, erinnert sich Ang Dawa. „Wir durften nicht mit auf den Gipfel. Wir trugen Lederstiefel, die richtig schwer wurden, wenn sie nass wurden, und wir haben nur ein kleines Gehalt bekommen. Aber wir tanzten den Sherpa-Tanz, und wir konnten ein bisschen Feuerholz für Lagerfeuer finden. Wir haben viel Zeit mit Tanzen und Singen und Trinken verbracht. Heutzutage bekommen Sherpas gute Bezahlung und gute Ausrüstung, aber sie haben keine gute Unterhaltung. Ich bereue es eigentlich nur, dass ich es nie auf den Gipfel des Everest geschafft habe. Ich war auf dem Südgipfel, aber ich hatte nie die Chance, mal auf den Gipfel zu kommen.“

Viele Außenseiter benutzen das Wort „Sherpa“ als Slang für „Träger“. Aber auf Nepali bedeutet es oft eher „durchtriebener Geschäftsmann“. Sherpas, die früher selbst geklettert sind, stellen nun Menschen anderer ethnischer Gruppen ein, um einen Großteil der ungelernten Trägerarbeit zu verrichten. Sie besitzen Hotels, Trekking-Unternehmen und Fluggesellschaften. Die Khumbu-Sherpas zählen heute zu den wohlhabendsten der Dutzenden ethnischer Gruppen in Nepal.

Paradoxerweise speist sich ein Großteil ihres Erfolgs auch daraus, dass sie die Aura von Shangri-La und ihr friedvolles Leben in einem zeitlosen Bergkönigreich so hochspielen, fernab westlicher Sorgen und Mühen. Diese Mythologie, die vom Westen auch auf die Sherpas projiziert wird, erklärt auch, weshalb so viele Abendländer so verblüfft von der Auseinandersetzung waren, die 2013 im Lager II stattgefunden hat.

EIN NEUES SELBSTBEWUSSTSEIN

Es wurde bereits genug über den Vorfall im April 2013 geschrieben, bei dem drei berühmte europäische Bergsteiger in einen Streit mit einer Gruppe Sherpas gerieten, die auf der Bergwand des Lhotse Seile befestigten. Die Bergsteiger kletterten an einem Tag, der traditionell für Sherpas reserviert ist, die Seile befestigen. Dabei haben sie Eis losgetreten, das die Sherpas traf. Oder vielleicht auch nicht. Die Berichte widersprechen einander. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass man sich gegenseitig beschimpfte und es zu einer Pattsituation kam. Eine Gruppe von Sherpas umzingelte dann die westlichen Ausländer. Die Sherpas schlugen und traten sie und warfen Steine nach ihnen, bevor sie ihnen erlaubten, in Todesangst zu fliehen.

Die Auseinandersetzung könnte nichts weiter als ein Ausbruch von Spannungen an einem gefährlichen Ort sein, an dem das menschliche Gehirn konstant zu wenig Sauerstoff bekommt. Aber sie könnte ein neues Durchsetzungsvermögen von Seiten der Sherpas signalisieren. Viele von ihnen sind heutzutage jünger und mit besserer Bildung aufgewachsen. Dank Handys und Facebook sind sie mit einem größeren Teil der Welt vertraut.

In der Vergangenheit waren es die Sherpas, die von den Bergsteigern, die sie anheuerten, angeschrien, getreten und ins Gesicht geschlagen wurden. In alten Dokumentationen über den Everest hört man oft, wie Sherpas angewiesen werden, hochzuklettern und irgendeine heldenhafte Leistung zu vollbringen, die der Mikaru einfach nicht fertigbringt. Tenjing Dorji, der den Gipfel des Everest bereits neun Mal erklommen hat, erzählte mir von einem Aufstieg mit einem Kunden aus Südkorea. Dieser wollte unbedingt als erster und allein den Gipfel erreichen – und begann, mit seinem Eispickel nach dem Sherpa zu schlagen.

„Was tun Sie da?“, rief Tenjing.

„Ich versuch, dich umzubringen!“, sagte der Bergsteiger.

Tenjing rannte um sein Leben, nur um zu bemerken, dass er natürlich noch über ein Seil mit dem Mann verbunden war, der eventuell von der Höhe benebelt war. Sie erreichten einen steilen Eishang und begannen, auf den Abgrund zuzuschlittern. Sie überlebten nur, weil sich das Seil irgendwo verhakte.

Tenjing war klar, dass er nach dem Aufstieg wohl kein großzügiges Trinkgeld mehr erhalten würde. Aber das Schlimmste war, dass ihm niemand seine Geschichte glaubte, als er zurück im Basislager war. Auch andere Sherpas haben solche Geschichten über Misshandlungen und Übergriffe während des Jobs auf Lager. Ein Job, der nicht nur die Pflichten eines Führers und Trägers in sich vereint, sondern mitunter auch die eines Butlers, eines Motivations-Coachs und eines Lebensretters.

Als Mingma, Aaron und ich im Mai 2013 am Everest waren, war den meisten Sherpas der Vorfall zwischen den Bergsteigern und den anderen Sherpas noch peinlich. Selbst acht Monate später war es noch ein empfindliches Thema.

EINE NEUE ÄRA

Als 2014 eine katastrophale Lawine 16 nepalesische Bergsteiger in den Tod riss – 13 von ihnen Sherpas –, wirkte der Vorfall in Camp II im Jahr zuvor wie der Beginn einer neuen Ära. Hoffentlich keine, die Gewalt gutheißt, sondern eine, die die zugrundeliegenden Probleme anspricht: Jahre der Ungleichheit, Respektlosigkeit und mangelnden Anerkennung.

„Ich habe das Gefühl, dass ein Teil des Widerstands [gegen die Bergsteiger] ein neues Gesicht der Sherpas zeigt“, sagte die Anthropologin und Sherpa-Gelehrte Vincanne Adams von der Universität von Kalifornien, San Francisco. „Das wird auch Zeit. Viele Westliche haben ein idealisiertes Bild der Sherpas. Sie sehen sie als tugendhafte, starke, ausdauernde, unerschrockene, mutige und loyale Buddhisten an. Die Sherpas selbst haben danach gestrebt, dieses Ideal zu erreichen, das der Westen auf sie projiziert. Damit verstärkten sie Eigenschaften, die sie oft schon selbst innehatten, aber wollten auch die Art von Mensch sein, als die man sie sich vorstellte. Die Auseinandersetzung auf dem Everest zeigte eine Seite der Sherpas, vor der die Menschen aus dem Westen Angst haben. Wir wollen nicht, dass sie selbstbewusst sind und ihre eigenen Interessen vor die der Ausländer stellen.“

Die große Zahl der Todesfälle durch die Lawine verdeutlichte die Risiken des Berufs auf eine Art und Weise, die es unmöglich machte, die Verluste wie zuvor die vereinzelten Todesfälle unter den Teppich zu kehren. Die Opferzahl mobilisierte einige der Sherpas, die die Klettersaison des Everest im Anschluss für beendet erklärten und 13 Forderungen aufstellten. Unter anderem gehörten dazu auch mehr Versicherungen für jene, die auf dem Berg arbeiten, höhere Zahlungen an Familien, die Verwandte verloren hatten, oder für Fälle, in denen Arbeiter durch Vorfälle arbeitsunfähig wurden. Ein Teil der Gebühren aus den Klettergenehmigungen sollte außerdem für einen Hilfsfond verwendet werden.

RISIKOMANAGEMENT

2003 gründeten Jennifer Loew-Anker und Conrad Anker das KCC-Trainingsprogramm. Ziel war es, den Sherpas Fähigkeiten zu vermitteln, die ihre Arbeit auf dem Berg sicherer machen und Todesfälle vermeiden sollten. Die Fakultät, die ursprünglich nur aus westlichen Führern bestand, hat mittlerweile mehrere nepalesische Lehrer, von denen die meisten Sherpas sind.

„Ein KCC-Zertifikat ist mittlerweile zur Gewerkschaftskarte eines Everest-Sherpas geworden“, erzählte mir Steve Mock, der Leiter des Khumbu Climbing Center. Als ich die Schule im Januar 2014 besuchte, hatten sich 82 Schüler für das zweiwöchige Programm eingeschrieben. Die meisten von ihnen waren Sherpas, aber es gab auch Bergsteiger und zukünftige Führer anderer nepalesischer Ethnien. Viele von ihnen waren noch jung, aber einige sind bereits auf dem Everest gewesen. Mock, ein Bergsteiger und Chemieprofessor an der Universität von Montana Western in Dillon, sagte, dass es für ihn sehr seltsam war, „einem Mann, der den Gipfel des Everest schon zweimal erreicht hatte, das Abseilen beizubringen.“

Dennoch kann alles Training der Welt die Gefahren des Everest nicht beseitigen, speziell den Khumbu-Gletscherbruch. Der sei, so sagte Conrad Anker, „der gefährlichste Ort, an dem regelmäßig Menschen klettern.“ Er hatte sich nach dem Lawinen-Unglück auf Facebook geäußert, weil sein Freund Ang Kaji Sherpa – 36 Jahre alt, Vater von drei Söhnen und drei Töchtern und in der Vergangenheit ein Lehrer am KCC – unter den Toten war.

GEDANKEN AN DIE ZUKUNFT

Ein paar Tage nach unserem herzzerreißenden Nachmittag in DaSonas Teestube in Pangboche liefen Mingma Ongel Sherpa, Aaron Huey und ich durch das Dorf Phortse, Mingmas Heimat.

Zwischen den Rhododendren und den blassrosa Stämmen der Himalaya-Birke trafen wir auf Nimadoma, DaRitas Witwe. Sie kam gerade von der Hütte, mit deren Bau sie und ihr Mann beschäftigt gewesen waren. Sie schien gefasster, als hätte sie ihre Gedanken der Zukunft und den kleinen Mädchen zugewendet, die sie nun allein großziehen musste.

In dem Korb, den sie auf ihrem Rücken trug, befand sich die Asche ihres Mannes. Sie brachte sie den langen Hügel hinauf zum Kloster von Phortse. Hoch über den Feldern würden die Mönche sie mit Ton vermischen und Buddha-Figuren daraus formen. Die Figuren würden sie dann an besonderen und heiligen Orten im Schatten des Everest verstecken.

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