Das Leben genießen

In Costa Rica kann man nicht nur Vulkane besteigen und den Regenwald entdecken, sondern auch Familienurlaub machen. Und von der entspannten Lebensart der Ticos lernen. Mittwoch, 31. Oktober 2018

Von Johanna Berkman
Bilder Von Colourbox
Die Auswahl an Stränden ist vielfältig: Wer will, kann morgens am Karibischen Meer frühstücken und an der Pazifikküste zu Abend essen.
Die Auswahl an Stränden ist vielfältig: Wer will, kann morgens am Karibischen Meer frühstücken und an der Pazifikküste zu Abend essen.
bild Colourbox

Mal País – schlechtes Land – heißt die Ortschaft an der Westküste Costa Ricas, wohin ich mit meiner Familie unterwegs bin. Auf der staubigen Schotterpiste werden mein Ehemann Manny, unsere drei Kinder und ich ordentlich durchgeschüttelt. Schlagloch nach Schlagloch arbeiten wir uns mit dem Geländewagen voran.

Mal País, so nannten die Bauern den Ort an der Südspitze der Nicoya-Halbinsel einst, weil das Land steil und zu trocken war, um Feldfrüchte anzubauen. Heute spielt das keine so große Rolle mehr, die hat der Tourismus übernommen. Die Strände, so haben wir gehört, zählen zu den schönsten des Landes. Deswegen, und weil wir einmal anders Urlaub machen wollten als in einem klassischen Familienresort, sind wir hergekommen.

Manny hält auf einem sandigen Parkplatz. Hier ist das Banana Beach, so wurde uns erzählt. Und was sehen wir? Plastiktische und Plastikstühle, zwischen denen Dutzende Hunde umherrennen. „Das soll ein Restaurant sein?“, fragt mein elfjähriger Sohn ebenso genervt wie ich. Hatte der Manager unseres Hotels nicht von diesem Lokal geschwärmt?

Doch dann gelingt es uns, den Schalter umzulegen, plötzlich weicht die Anspannung. Hey, wir sind in Mittelamerika – Schluss mit der Nörgelei! Vor uns erstreckt sich der weiße Strand, dahinter schimmert blaugrün das Meer. Unsere Kinder haben kaum aufgegessen, als sie vom Tisch aufspringen, um den Palmenhain zu erkunden.

Von wegen „schlechtes Land“. Costa Rica bedeutet auf Deutsch „reiche Küste“. Der Reichtum der Natur lockt Besucher von allen Kontinenten hierher. Mit seinen 51000 Quadratkilometern ist Costa Rica nur wenig größer als Niedersachsen – aber auf dieser kleinen Fläche ballt sich eine Menge Schönheit. Wer will, kann morgens am Karibischen Meer frühstücken und an der nur 120 Kilometer entfernten Pazifikküste zu Abend essen. Dazwischen liegt die Hauptstadt San José mit ihrer prunkvollen Architektur, die bis auf die Zeiten der spanischen Kolonialisierung zurückgeht. Die vielen Vulkane der Insel sind mit tropischem Regenwald bewachsen, in dem unzählige Pflanzen und Tiere leben: Costa Rica gehört zu den 20 Ländern der Erde mit der größten Artenvielfalt.

Und es hat sehr zufriedene Bewohner. Nach einer Untersuchung der New Economics Foundation, einem unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitut, war Costa Rica im Jahr 2017 von 140 Ländern dasjenige mit den glücklichsten Menschen der Welt (Deutschland lag auf Platz 49). Im Gegensatz zu anderen mittelamerikanischen Ländern bietet das bergige Land keinen Platz für große Plantagen – deshalb herrschten hier nie mächtige Großgrundbesitzer, und es gab keine solche Ungleichheit wie in den Nachbarstaaten. 1949 wurde die Armee abgeschafft, lieber investiert man in das Bildungs- und das Gesundheitssystem, wie etwa in kostenlose ärztliche Versorgung in den meisten Orten. Und es gibt eine gewisse Leichtigkeit des Lebens: Costa Ricaner – Ticos, wie sie sich nennen – leben gern von einem Moment zum nächsten, sie nehmen sich Zeit für Freunde und Familie. An diesen Lebensstil und das langsamere Tempo muss man sich als Gast erst einmal gewöhnen.

Als wir am nächsten Morgen im Hotel frühstücken, sehen wir über uns einige Leguane gemächlich durch die Bäume schleichen, während gegenüber die Wellen an die Felsen branden. Wieder fragen wir unseren Hotelmanager nach einem Tipp. Er lächelt. „Nehmen Sie ein paar Surfstunden in der Shaka Surf School an der Playa Hermosa“, sagt er. „Dort finden Sie einen besonders weißen Sandstrand. Vielleicht sehen Sie auch Meerestiere.“

Der Weg zum „schönen Strand“ führt uns durch die Kleinstadt Santa Teresa. Wir fahren vorbei an Geschäften, in denen man Surfbretter kaufen kann und wo bunte T-Shirts im Wind flattern, an einer Bäckerei und einem Restaurant, vor dem ganze Hühner über einem Feuer gegrillt werden. Die Surfschule hätten wir fast verpasst. Sie sieht eher aus wie ein Campingplatz.

Wir fassen sofort Vertrauen als wir Brent Newell kennenlernen. Er ist 23 Jahre alt, seine Haare sind gebleicht von Sonne und Meer. Aufgewachsen ist der Surflehrer in Florida, aber noch mehr schwärmt er von den Stränden und Wellen seiner neuen Heimat. „Es ist ein Traum“, sagt er. „Kommt, ich zeige euch den kürzesten Weg zum Wasser.“

Unsere beiden jüngsten Kinder sind noch zu klein zum Surfen, also macht Brent sich mit Manny und unserem Ältesten auf den Weg zu den Wellen. Ich habe auf jeder Hüfte ein Kind und gehe langsam hinterher, bis ich die drei aus den Augen verliere.

Aber ich werde selbst beobachtet, und zwar von oben. Der Pfad wird erst feucht, dann nass, bald sind meine Sandalen mit Schlamm bedeckt. Ich staune gerade über die großen Ameisenhügel neben dem Weg, als auf einmal etwas neben uns in den Matsch fällt. Batsch. Und noch mal. Batsch. Batsch. Ich schaue nach oben. Da sitzen tatsächlich Klammeraffen auf den Ästen und bewerfen uns mit Nüssen. Dabei schauen sie uns an, als wollten sie sich über uns lustig machen. Meine Kinder freuen sich über die frechen Biester, sie lachen und winken nach oben.

Und dann treten wir zwischen den letzten Bäumen hindurch auf den Strand. Er ist riesig, von Palmen gesäumt – und fast menschenleer: keine Hotels, keine Restaurants. Einzig zwei Männer bieten ein paar Erfrischungen an. Sie sitzen entspannt auf ihren Campingstühlen und haben vor allem Kokoswasser im Angebot, für das sie nicht weit laufen müssen. Als die großen Jungs vom Surfen zurückkommen, sitzen wir zusammen, trinken den süßen, kühlen Saft und vergraben unsere Zehen im Sand. Ich schaue Manny an. Mein Mann lächelt selig.

Was könnten wir zwei Erwachsene jetzt alles machen! Mit dem Mountainbike um den Arenal-See fahren, Costa Ricas größten See am Fuße des gleichnamigen Vulkans. Uns beim Rafting den Fluss Pacuare hinuntertragen lassen. Vor der Isla del Caño im Südwesten tauchen und Delfine beobachten. Doch unsere Kinder sind dafür noch nicht alt genug. Also reisen wir gemeinsam weiter im „Tico-Style“ und lassen uns treiben. Wir klettern dicht an tosende Wasserfälle heran, genießen Sushi im Restaurant Koji’s in Santa Teresa, mein großer Sohn und ich reiten auf Pferden durch den Sand, während streunende Hunde uns ein Stückchen jagen und noch lange hinter uns her bellen.

Irgendwann finden wir hinter einem Strand eine kleine Lagune, in der Hunderte von Schnecken langsam über Steine kriechen. Die Kinder beobachten stundenlang Seesterne und Einsiedlerkrebse, die sie in kleinen Gezeitenbecken finden. „Das ist ja wie in SeaWorld!“, sage ich. „Überhaupt nicht“, antwortet unser Sohn. „Das ist viel besser.“

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie die ganze Geschichte in Heft 3/2018 des National Geographic-Traveler. Jetzt ein Abo abschließen!

Wei­ter­le­sen