Amsterdam: Der Frei-Hafen

Amsterdam bietet Besuchern mehr als seine berühmten Grachten. Wer hinter die touristische Fassade blickt, wird den Charme der niederländischen Hauptstadt entdecken.

Von National Geographic

Grachten, Museen, Coffee-Shops – Amsterdam geht entspannt mit seinem historischen Erbe um. Der Schriftsteller Russell Shorto schätzt vor allem die Toleranz, die er überall in der Stadt spürt.

Mein Sohn liebt den Park in unserem Viertel in Amsterdam. Er liegt nur eine Minute von unserem Zuhause entfernt. Wir überqueren die Straße, gehen bis zur nächsten Ecke, und schon liegt er vor uns: der Museumplein, ein riesiger grüner Rasen mit dem Rijksmuseum, dem Stedelijk Museum und dem Van Gogh Museum in Sichtweite. Anthony, mein Sohn, ist vier. Er interessiert sich nicht für die große Kultur, sondern marschiert geradewegs zu einem Podest mit Stelen aus gebürstetem Stahl, die sich in seinen Augen perfekt zum Verstecken eignen. Natürlich weiß er nicht, dass sein Lieblingsspielplatz ein Denkmal ist für die Frauen, die im Zweiten Weltkrieg ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert wurden. Aber dieses Nebeneinander von Leben und Tod, Erneuerung und Erinnerung macht urbanes Leben aus. Und Amsterdam ist besonders gut darin, die Vergangenheit in die Gegenwart mitzunehmen.

Die Hauptstadt der Niederlande hat nur gut 800.000 Einwohner. Ihre Silhouette wird auch nicht von Wolkenkratzern geprägt. Grachtenhäuser, nicht höher als vier, fünf Stockwerke, sind typisch für die von Kanälen durchzogene Stadt. Amsterdam ist ein weltoffenes Dorf.

Wenn ich Freunden meine Stadt zeige, führe ich sie durch jene Stadtteile, in denen ich bereits gewohnt habe: Los geht es am Grachtengürtel im Zentrum, einer Gegend wie aus einem Bilderbuch des 17. Jahrhunderts, die trotzdem nicht kitschig wirkt. Vielleicht liegt das an Amsterdams toleranter Politik: In Coffee-Shops darf man Haschisch rauchen, und im Rotlichtviertel gleich um die Ecke posieren Prostituierte in Schaufenstern.

In der Nähe der Touristen-Hotspots bin ich nicht lange geblieben. Ich wollte lieber in einer Gegend sein, die zu meinem Leben passt. Der von großartigen Buchläden gesäumte Spui-Platz in der Innenstadt ist so ein Ort. Nicht weit entfernt, am Noordermarkt, steht das „Bordewijk“, mein Lieblingslokal, in dem Spanferkel serviert wird. Beim Essen schaut man auf die Kirche, die Vincent van Gogh in seiner Amsterdamer Zeit besuchte.

Später wohnte ich in Zeeburg, im windigen, wasserreichen Osten von Amsterdam. Es gibt dort eine Windmühle aus dem 17. Jahrhundert. Einmal bin ich mit dem Boot zu der Mühle gefahren und direkt nebenan in der „Brouwerij’t IJ“ eingekehrt, der kleinsten Brauerei der Stadt. Meine damalige Wohnung befand sich ebenfalls an dem alten Meeresarm IJ – auf Borneo Eiland, einer alten Kaianlage im neuen Stadtteil Östliches Hafengebiet. Manchmal beobachtete ich von meinem Fenster aus Architekturstudenten, die den Baustil der Hightech-Gebäude an der Scheepstimmermanstraat bewunderten – ultramoderne Interpretationen der Grachtenhäuser aus dem Goldenen Zeitalter.

Schließlich zog ich noch einmal um, nach Oud-Zuid, etwas außerhalb des Zentrums. Der Museumplein, wo Anthony und ich am liebsten spielen, ist das Herzstück des Viertels. Wenn man das Gewimmel entlang der Museen und Designerläden hinter sich gelassen hat, gelangt man in ruhige Wohnstraßen mit gemütlichen Cafés. Ein Hochhaus fällt ein wenig aus dem Rahmen, das „Hilton“-Hotel. Es wurde berühmt, als John Lennon und Yoko Ono 1969 dort ihr berühmtes Kunstprojekt „Bed-In“ inszenierten: Eine Woche lang gaben sie im Bett ihres Hotelzimmers Interviews und wollten damit ein Zeichen für den Frieden setzen. Diese Aktion unterstrich Amsterdams Ruf als extravagante und liberale Stadt, die auf Offenheit und Toleranz baut, ihre Gebäude und Monumente aber eher bescheiden. Ein Platz mit Freiraum für jeden.

LAGE
Im Norden der Niederlande, zwischen Nordsee und IJsselmeer.

ANREISE
Staufrei und umweltfreundlich mit dem Zug. Der ICE von Köln fährt knapp drei Stunden.

UNTERWEGS
Das Zentrum lässt sich gut zu Fuß erkunden. Zudem gibt es überall Leihfahrräder. Aber Vorsicht: Der Verkehr ist chaotisch.

TIPPS
Ein besonderes Erlebnis ist eine private Grachtentour. „Rent A Boat Amsterdam“ bietet Boote an, die man ohne Führerschein steuern darf. Die besten Clubs gibt es im Vergnügungsviertel Leidseplein. Das „Paradiso“ befindet sich in einer alten Kirche.

REISEINFORMATIONEN
amsterdam.com

(NG, Heft 8 / 2016, Seite(n) 150 bis 152)

Wei­ter­le­sen