Reise und Abenteuer

Yellowstone: Amerikas wilde Idee

Vor mehr als 140 Jahren wollte der Mensch hier wieder Frieden mit der Natur schließen. Was ist daraus geworden?

Von David Quammen

1872 wurde der Yellowstone-Nationalpark offiziell zum ersten Nationalpark der Welt erklärt. Eine friedvolle Verbindung zwischen Mensch und Natur sollte hier geschaffen werden. Heute ist der Park ein beliebtes Ziel für Touristen aller Länder. Neben den abgesicherten Gebieten für den Massentourismus, hat der Yellowstone-Nationalpark noch immer eine wilde, ungezähmte Seite. Dort streifen noch Grizzlybären und Wölfe durch den Park.

Am 7. August 2015 entdeckte ein Ranger an einem Wanderweg im Yellowstone-Nationalpark eine angefressene Leiche. Das Opfer war schnell identifiziert. Der 63-jährige Krankenpfleger Lance Crosby hatte als Saisonarbeitskraft in einer Ambulanz im Park gearbeitet. Kollegen hatten ihn am Morgen als vermisst gemeldet. Auch die Todesumstände waren schnell rekonstruiert: Crosby war am Vortag allein wandern gegangen, ohne Bärenabwehrspray mitzunehmen. Er war einem Grizzlyweibchen und ihren zwei Jungen begegnet. Die Bärin hatte ihn getötet, die Leiche mit ihren Kindern angefressen und die Überreste nach Grizzly-Art unter Erde und Kiefernhumus versteckt, um das Fleisch später zu verzehren.

Die Bärenmutter wurde eingefangen, anhand ihrer DNA eindeutig identifiziert, und schließlich wurde das Todesurteil gefällt: Einschläfern. Die Urteilsbegründung: Ein erwachsener Grizzly, der Menschenfleisch verspeist und eine Leiche versteckt hat, ist zu gefährlich – selbst wenn das Tier natürlich schuldunfähig war.

Grizzlys können gefährlich werden, keine Frage. Aber man muss die Gefahr ins Verhältnis setzen. Lance Crosby war in hundert Jahren erst der siebte Mensch, der im Park durch Bären zu Tode kam. In den 144 Jahren seit seinem Bestehen sind im Yellowstone mehr Menschen durch Ertrinken, Verbrühen in heißen Quellen oder Selbstmord umgekommen als durch Bären. Einige wurden auch vom Blitz erschlagen, zwei fielen Bisons zum Opfer.

NG-Video: Yellowstone - Der erste Nationalpark der Welt

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Aber was können wir aus dem Tod von Lance Crosby und dem nicht weniger bedauerlichen Tod der Bärin wirklich lernen? Erinnert er uns nicht an etwas, das wir nur zu leicht vergessen? Der Yellowstone-Nationalpark ist ein Wildnisgebiet. Die meisten Besucher aber erleben den Park wie einen Schaukasten hinter einer Glasscheibe – sie betrachten Bären vom Auto aus, blicken von hoch oben auf den gewaltigen Fluss, spazieren auf Holzstegen durch die Geysirlandschaft. Sie fühlen sich sicher und werden nicht nass. Aber gerade mal 200 Meter abseits der Straße, in einer bewaldeten Schlucht oder in der steppenartigen Landschaft im Norden des Parks, sollte man niemals ohne eine Dose Bärenabwehrspray unterwegs sein. Der Yellowstone und die meisten anderen Nationalparks, die seitdem eingerichtet wurden, leiden unter dem Paradox der kultivierten Wildnis: Die Natur wird eingezäunt und verwaltet. Wilde Tiere sollen sich an Regeln halten, die der Mensch aufgestellt hat.

Es wird noch komplizierter, wenn man bedenkt, dass Yellowstone nicht nur den Nationalpark selbst bezeichnet. Zum sogenannten Größeren Yellowstone-Ökosystem gehören auch der Nationalpark Grand Teton sowie Teile von Staatsforsten, Wildschutzzonen und anderem öffentlichen und privaten Grundbesitz. Das gesamte Gebiet umfasst etwa neun Millionen Hektar. Lässt man Alaska außen vor, dann befindet sich im Yellowstone die größte und vielfältigste Wildnis der USA. Umgeben ist er von einer Art ländlichen Pufferzone. Wer dort unterwegs ist, wird eher Rindern als Wapitis begegnen und statt Wolfsgeheul Hundegebell hören. An diese Pufferzone wiederum grenzt das moderne Amerika mit all seinen Schnellstraßen, Städten, Parkplätzen, Einkaufszentren, endlosen Vorstädten, Golfplätzen und Starbucks-Filialen.

Kann es gelingen? Kann mitten in den USA, am Anfang des 21. Jahrhunderts ein letzter Rest der urzeitlichen Wildnis erhalten werden? Kann der Mensch eine so wunderbar unwirtliche und unbequeme Gegend mit seinen Ansprüchen vereinbaren? Der Yellowstone könnte die Antwort auf diese Fragen sein.

Der Nationalpark liegt in durchschnittlich 2400 Meter Höhe auf dem Yellowstone-Plateau. Dichte Küstenkiefernwäldchen und Bergwiesen voll Gras und Salbei bedecken die weitläufige Landschaft. Ein Netz aus sanft gewellten Straßen überzieht das Terrain, das weitgehend kalt und statisch wirkt. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen, denn das Plateau liegt nicht ohne Grund so hoch. Direkt darunter befindet sich ein weit ausgedehnter vulkanischer Hotspot, wahrscheinlich der größte, der unter einem Kontinent liegt. Während sich Vulkane gewöhnlich an den Rändern tektonischer Platten befinden, durchdringt ein Hotspot die Platte von unten, wie die Flamme eines Schneidbrenners, die in einer sich verschiebenden Stahlplatte Blasen aufwirft. Aus dem tiefen Erdinnern steigt heißes Material auf; wenn es sich der Erdoberfläche nähert, bilden sich ungewöhnlich große Mengen Magma, die zu Eruptionen führen. Unter dem Yellowstone sammelt sich das Magma wohl in zwei direkt übereinanderliegenden Kammern, die die Erdoberfläche zu einer monströsen Pustel aufblähen. Auf dem Plateau selbst haben Geologen drei verschiedene Calderen nachgewiesen, Kraterlandschaften, Hinterlassenschaften der gewaltigen Ausbrüche in den letzten 2,1 Millionen Jahren. Umrandet wird all das von älteren und höheren Bergketten wie den Tetons.

Vor Tausenden Jahren kamen die ersten Menschen, entfernte Vorfahren der Tukudeka, Bannock, Crow und anderer indianischer Völker. Durch ihr Brauchtum und ihre Traditionen sind sie bis heute in diesem Landstrich verwurzelt. Als Nomaden zogen sie über das Plateau, um sich mit Nahrung und Tierfellen zu versorgen. Später drangen Europäer und Amerikaner in mehreren Wellen in das Gebiet vor. Anders als andere Regionen des amerikanischen Westens wurde Yellowstone zu jener Zeit nicht umkämpft oder besiedelt; das lag wohl auch daran, dass die Winter in dieser Höhenlage äußerst streng waren und die wenigen Trapper und Einsiedler, die hierher vorgedrungen waren, entsprechende Schauergeschichten über das Wetter erzählten. Erst zwischen 1869 und 1871 erreichten drei verschiedene, aus weißen Städtern und Soldaten bestehende Expeditionen die Region. Die Teilnehmer waren beeindruckt, besonders von den Geysiren, dem tiefen Flusscanyon und den beiden riesigen Wasserfällen.

An der Expedition von 1870 nahm auch Walter Trumbull teil. Das Yellowstone-Plateau, so schrieb er in einem Zeitschriftenartikel, sei als Schafweide geeignet; außerdem erkannte er dessen touristisches Potenzial: „Wenn (...) durch die Northern Pacific Railroad die Yellowstone-Wasserfälle und das Geysirbecken leicht zu erreichen sind, wird es wahrscheinlich keinen beliebteren Bade- oder Sommerferienort in Amerika geben.“ Reisende und Übernachtungsgäste würden Geld in den Kassen der Bahngesellschaft und anderer Investoren spülen. Ein Jahr später organisierte Ferdinand V. Hayden, der das geographische Erkundungsprogramm des Innenministeriums leitete, eine weitere Expedition in das Gebiet. Zu seiner Reisegruppe gehörten der Fotograf William Henry Jackson und der Maler Thomas Moran. Dank ihrer Werke konnten sich die Bürger im Osten der USA und nicht zuletzt die Mitglieder des Kongresses ein Bild vom Yellowstone machen. Ein Beauftragter der Northern Pacific schlug den Abgeordneten schließlich vor, das „Große Geysirbecken“ als öffentlichen Park unter Schutz zu stellen. Gemeinsam mit weiteren Eisenbahnlobbyisten setzte sich Hayden für einen Gesetzentwurf ein, der nicht nur die Geysire, sondern auch den Grand Canyon of the Yellowstone, die Mammoth Hot Springs, den Yellowstone Lake, das Lamar Valley und andere Gebiete umfassen sollte – insgesamt eine Fläche von fast einer Million Hektar.

Obwohl er selbst kein überzeugter Naturschützer war, unterzeichnete Präsident Ulysses S. Grant am 1. März 1872 das Gesetz zur Gründung des ersten Nationalparks der Welt. Der Text sah „einen öffentlichen Park oder ein Erholungsgebiet zum Nutzen und zum Vergnügen des Volkes“ vor. Indianer waren damit nicht gemeint. Das Gesetz ignorierte die älteren Rechte der Ureinwohner, die in diesem Gebiet lebten. Im Park war die „mutwillige Vernichtung von Fisch und Wild“ (was immer das auch heißen sollte) sowie die gewerbliche Nutzung von Tieren untersagt. Seine Grenzen bildeten ein Rechteck, auch wenn natürliche Lebensräume niemals so aussehen. Es war ein Paradox in Gesetzform.

Yellowstone entstand als Kopfgeburt, ohne eindeutigen Zweck, ohne Mitarbeiter und ohne Etat. Bald herrschte Chaos, und kommerzielle Jäger feierten ein großes Schlachtfest: Sie erlegten Wapitis, Bisons, Dickhornschafe und andere Paarhufer in rauen Mengen. Besonders berüchtigt: die Bottler-Brüder. Anfang 1875 sollen sie in der Nähe der Mammoth Hot Springs rund 2000 Wapitis getötet haben. Sie nahmen nur die Zungen und die Felle mit; die Kadaver ließen sie verwesen. Überall auf den Hängen lagen Geweihe. Für ein Wapitifell wurden sechs bis acht Dollar gezahlt. Das war viel Geld, und ein Jäger konnte an einem Tag 25 bis 50 Tiere erlegen. Die ersten Touristen reisten in Kutschen an und bewegten sich unbeaufsichtigt auf dem Parkgelände. Es kamen nicht viele, aber sie hinterließen umso mehr Spuren. Manche beschädigten die Geysirkegel, kratzten ihre Namen in Felsen und Bäume und töteten Trompetenschwäne einfach aus Jux und Tollerei. Der Paarhuferbestand ging zurück. Im Jahr 1866 sah die Regierung keinen anderen Ausweg mehr, als die Armee zu schicken. Das Militär blieb drei Jahrzehnte, bis 1916 die Nationalparkbehörde eingerichtet wurde.

Unter Naturschutz verstand man vor 100 Jahren noch etwas anderes als heute. Neben den Geysiren und Canyons genossen nur „harmlose“ Lebewesen Schutz, also zum Beispiel das Wild, das bei Jägern begehrt war, oder die Fische, die Angler anzogen. Auch die gutartigen Grasfresser, die Touristen bequem bewundern konnten – Wapitis und Weißwedelhirsche, Gabelböcke und Elche, Bisons und Dickhornschafe – blieben verschont. Raubtiere und andere „schädliche“ Lebewesen dagegen wurden im Yellowstone bis weit in unsere Zeit gnadenlos abgeschossen, in Fallen gefangen oder vergiftet. Ein Parkleiter ermunterte gewerbliche Trapper sogar, mehrere Hundert Biber zu erlegen, da die Tiere sonst Dämme bauen und seinen Park überfluten könnten. Otter wurden mit dem Etikett „Raubtier“ belegt – ein Todesurteil. Zeitweise gab es auch eine Fatwa gegen Stinktiere. Die Wolfsjagd endete erst, als keine Wölfe mehr existierten, und zwar nicht nur im Yellowstone- Park (etwa ab 1930), sondern überall im Westen der Vereinigten Staaten.

Solche Sünden und Exzesse gehören der Vergangenheit an. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wird der Nationalpark als ganzheitliches Projekt verstanden. 1995 und 1996 – gut 70 Jahre nachdem der letzte Wolf im Park zum letzten Mal geheult hatte – wurden insgesamt 31 Wölfe aus Westkanada importiert und im Yellowstone freigelassen. Sie nahmen ihr neues Zuhause in Besitz und fühlten sich darin so wohl, dass sie sich in der gesamten Region ausbreiteten. Ungefähr zur selben Zeit wurden in Idaho 35 weitere Exemplare ausgewildert. Heute, 20 Jahre später, leben im Größeren Yellowstone-Ökosystem etwa 500 Wölfe. Zehn Rudel mit insgesamt 100 Wölfen jagen hauptsächlich im Nationalpark. Hier leitet der Biologe Doug Smith das Yellowstone Wolf Project, das ihrer Beobachtung, ihrer Pflege und ihrem Schutz dient.

An einem kalten Dezembermorgen schnalle ich mich auf einem Flugplatz in der Nähe von Gardiner im Bundesstaat Montana auf dem Rücksitz eines Hubschraubers an. Doug Smith sitzt neben mir. Wir wollen uns ansehen, wie das Projekt läuft. Smith arbeitet seit insgesamt 37 Jahren mit Wölfen, die Tiere im Yellowstone Park betreut er seit ihrer Auswilderung. Sekunden nachdem wir sicher an Bord sind, hebt der Hubschrauber ab und geht kurz darauf in Sinkflug Richtung Yellowstone River. Eiskalter Wind fegt durchs Cockpit. Baumspitzen schießen 70 Meter unter uns vorbei. Nach einigen Manövern, die mich eher an einen Kunstflug erinnern, landen wir sanft auf einem einsamen Schneefeld hinter dem Sepulcher Mountain.

„ Sehen Sie sich diesen Blick an“, sagt Smith, als ich dem Wolf in die Augen schaue. „Er ist wild. Genau diesen Blick versucht unsere Welt auszumerzen. Wir im Yellowstone-Park wollen das verhindern.“

Jim Pope, unser Pilot, ist auf das Einfangen von wilden Tieren spezialisiert. Er hat deshalb als Crew auch zwei „Mugger“ an Bord, deren Aufgabe darin besteht, ein Fangnetz abzufeuern, aus dem Hubschrauber zu springen und die Tiere zu betäuben. Die beiden Männer machen sich sofort an die Arbeit. Kurz darauf behandelt Smiths Kollege Dan Stahler mit zwei anderen Biologen die betäubten Tiere, einen stattlichen schwarzen Rüden, etwa drei Jahre alt, und eine hellgraue junge Wölfin mit rötlich-braunem Kopf. Er kniet im Schnee und legt dem Rüden ein Halsband mit Peilsender um, danach entnimmt er ihm Blut am rechten Bein sowie eine Gewebeprobe am rechten Ohr, die für DNA-Untersuchungen gebraucht wird. Smith, der unterdessen der Wölfin ein Peilsenderhalsband angepasst hat, misst das Männchen: rechte Vorderpfote, Körperlänge, oberer Eckzahn. Der Zahn ist fast drei Zentimeter lang. Damit fletschen Wölfe ihre Feinde an, um sie abzuschrecken. Smith weist mich auch auf die Backenzähne hin, die zum Durchbeißen von Knochen dienen. „Da willst du nicht deine Finger reinstecken, selbst wenn der Wolf betäubt ist“, sagt er, und dann macht er genau das.

Smith und seine Mitarbeiter gehen zügig zu Werk. Sie heben den Rüden zum Wiegen in eine Schlinge. Das Tier ist 55 Kilo schwer. Dann entnehmen sie eine Stuhlprobe und injizieren einen Mikrochip zwischen die Schulterblätter. Sie wiegen und vermessen auch das Weibchen. Als sie mit der Datenerfassung fertig sind, hat Smith noch einen Vorschlag: Ich soll mich für ein Foto neben den großen Rüden in den Schnee knien und seinen Kopf hochhalten. Vorsichtig nehme ich den Wolf in die Arme „Sehen Sie sich diesen Blick an. Das ist das Wilde“, sagt Smith. Ich schaue in die weit aufgerissenen, kupferbraun glühenden Augen des Wolfs. „Genau diesen Blick versucht unsere Welt auszumerzen. Wir im Yellowstone-Parkwollen das verhindern.“

Wild, das sollen auch die Grizzlybären im Yellowstone bleiben – obwohl der Mensch lange Zeit genau das Gegenteil erreichen wollte. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bekamen die Grizzlys Futter von den Touristen. Sie durften auch Abfälle von Müllhalden in der Nähe der Parkhotels fressen. Man ging davon aus, dass sie auf diese Weise „zahm“ werden und sich leichter beobachten lassen würden. Aber die Bären haben nicht mitgespielt, sie sind wild geblieben. Sie sind kräftig, gut bewaffnet und lassen sich ihre Einsamkeit nicht nehmen. Mütter beschützen ihre Jungen mit Zähnen und Klauen. Wir müssen nur an Lance Crosbys Tod im August 2015 denken. Außerdem sind Bären unersättlich, besonders im Herbst, wenn sie Fett für den Winterschlaf ansetzen. 266 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten stehen im Yellowstone-Park auf dem Speiseplan der Grizzlys. Weil der Mensch ins Ökosystem eingreift, werden die wichtigsten Nahrungsmittel wie Cutthroat Forellen und die Samen der Weißstämmigen Kiefer zwar immer knapper, aber unter Experten gilt der Grizzly als äußerst anpassungsfähiges Tier.

Eines Nachmittags sitze ich mit dem Biologen Kerry Gunther in einem abgelegenen Bereich des Nationalparks und beobachte eine ungewöhnlich kleine, aber tiefe Quelle, die von den Grizzlys als eine Art Badewanne benutzt wird. Auf den Touristenkarten sucht man diesen Ort vergebens. Den ganzen Vormittag haben wir uns durch die unwegsame Landschaft gekämpft und anschließend auf einem kleinen Hügel eine Mittagsrast eingelegt. Gunther arbeitet seit 1983 im Yellowstone. Er ist für die Grizzlybären das, was Doug Smith für die Wölfe ist. In den Achtzigern, erzählt Gunther, sei jede ausgewachsene Bärin extrem wichtig für den damals noch geringen Bestand gewesen. Die Zahlen waren eingebrochen, nachdem in den Siebzigerjahren ökologische Zusammenhänge stärker ins Blickfeld rückten und man wilde Tiere nicht mehr als „zahme“ Attraktionen präsentieren wollte. Bereits der einflussreiche Leopold-Bericht aus dem Jahr 1963 hatte dafür plädiert, dass Nationalparks wieder „ein Bild des ursprünglichen Amerika“ vermitteln sollten. Aber auch die Ereignisse einer Augustnacht im Jahr 1967 trugen zum Sinneswandel bei: Im Glacier-Nationalpark in Montana kamen zwei Menschen unabhängig voneinander durch Grizzlys zu Tode. In der Folge wurden alle Müllplätze in Yellowstone geschlossen.

Zurück blieben hungrige Bären, die sich nun nicht mehr an den Müllbuffets bedienen konnten. Sie suchten in der Nähe von Menschen nach Futter, wurden eingefangen oder erlegt, da die Jagd noch erlaubt war. Der Bestand schrumpfte dramatisch, bis man die Zahl der Grizzlys im gesamten Ökosystem nur noch auf rund 140 Exemplare schätzte. Weitere zehn Jahre, und die Yellowstone-Grizzlys wären wahrscheinlich ausgestorben. Doch das Jahr 1975 brachte die Wende: Alle 48 Kontinentalbundesstaaten der USA stuften die Bären als bedrohte Art ein. Die Bärenjagd hatte ein Ende, zumindest als gesetzlich erlaubter Sport im größerenYellowstone-Ökosystem. Der Nationalpark erließ darüber hinaus neue Vorschriften zum Schutz der Menschen vor den Bären und umgekehrt.

Alles ist hier miteinander verbunden. Die Wölfe mit den Grizzlys, die Bergkiefernkäfer mit den Weißstämmigen Kiefern und die Yellowstone-Bisons mit der amerikanischen Viehhaltungspolitik.

„Wir kümmerten uns viel um die einzelnen Bären, besonders um die Weibchen“, erzählt Gunther. Es galt dabei auch, Zusammenstöße zwischen Bären und Menschen zu verhindern. Mülltonnen und -container wurden bärensicher gemacht. Auf den Campingplätzen führte man Wachrundgänge ein und instruierte Parkbesucher, Grizzlys nicht zu füttern und Lebensmittelvorräte unzugänglich aufzubewahren. Die Tiere sollten sich weiter an ihre natürliche Nahrung gewöhnen, die sie nach der Schließung der Müllplätze wiederentdeckt hatten. Es funktionierte. „Der Bestand hat sich tatsächlich erholt“, sagt Gunther. Es streifen wieder mehr Bären durch den Nationalpark, sie lassen sich sogar in Randzonen des Ökosystems beobachten, aus denen sie jahrzehntelang verschwunden waren. Im Gesamtbereich leben laut Gunther wahrscheinlich bis zu tausend Exemplare. Für viele Experten das Maximum dessen, was das Gebiet aufnehmen kann; sie empfehlen daher sogar, die Yellowstone Grizzlys wieder von der Liste der gefährdeten Arten zu streichen. Der Vorschlag bleibt allerdings umstritten.

Aber sicher ist: Der Yellowstone ist wieder zu einem Zufluchtsort für wilde Tiere geworden. Der Wolf ist zurück. Der Grizzly hat sich erholt. Auch der Biber hat eine lange Zeit des Rückgangs überstanden. Der Bison stand kurz vor dem Aussterben; heute vermehrt er sich so stark, dass er in Gebiete außerhalb des Parks drängt. Die wichtigen Migrationskorridore des amerikanischen Gabelbocks werden besser geschützt. Es gibt viele Wapitis, aber nicht mehr eine solche Schwemme wie damals, als es keine Wölfe gab, die sie jagten. Auch den Weißkopfseeadlern geht es gut. Man kann sagen: Dem Park geht es gut.

Alles ist in ihm miteinander verbunden. Die Wölfe mit den Grizzlys, denn beide jagen Wapitis. Die Bergkiefernkäfer, die sich aufgrund des Klimawandels explosionsartig vermehren, mit den Weißstämmigen Kiefern, die durch sie absterben. Und die Yellowstone-Bisons mit der amerikanischen Viehhaltungspolitik, denn auch Bisons können die Viehkrankheit Bruzellose verbreiten und dürfen deshalb in Montana außerhalb des Schutzgebiets erlegt werden.

So ist der Yellowstone wie alle Ökosysteme ein kompliziertes und interaktives Geflecht. Topografische und geologische Gegebenheiten, historische Zufälle und biologische Abläufe, alles steht miteinander in Beziehung, auch über die Grenzen des Parks hinaus. Entsprechend wirken sich Veränderungen in alle Richtungen aus. Sie können unvorhergesehene Nebeneffekte haben, die sich manchmal nicht mehr rückgängig machen lassen: Indem man die Wölfe wiederansiedelt, löst man nicht alle Probleme, die man verursacht hat, als man sie hier ausrottete. Die verschiedenen menschlichen Interessen am Park sind vielfältig und damit auch die Konflikte. Nicht nur über Grizzlys, Bisons und Wölfe wird gestritten, sondern auch über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf den Park. Die Menschen, die hier leben, arbeiten, jagen, fischen und wandern, sind nicht die Einzigen, die ein gerechtfertigtes Interesse an diesem Gebiet haben. Mehr als vier Millionen Besucher kamen 2015 hierher, und wer einmal da war, fühlt sich dem Park verbunden.

Diese Verbundenheit braucht der Park, denn er braucht Unterstützung. Schutzgebiete wie der Yellowstone stehen vor immer neuen Herausforderungen. Wie alle amerikanischen Nationalparks benötigt er zum Beispiel mehr Geld, denn der Kongress finanziert nur einen Bruchteil der notwendigen Mittel für den Betrieb und die Erhaltung. Initiativen wie das Yellowstone Wolf Project werden mit Privatgeldern bezahlt, die von Fördervereinen wie der Yellowstone Park Foundation gesammelt werden. Für schwierige Entscheidungen müssen die Park-Verantwortlichen zudem den Rückhalt der Politiker haben. So könnten in Zukunft Privatfahrzeuge wegen zu hoher Besucherzahlen verboten werden. Shuttlebus statt Pkw? Das dürfte nicht allen gefallen. All diese Fragen verlangen gemeinschaftliche Lösungen statt andauernder Konflikte. Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Aber wenn sich die Grizzlybären im Yellowstone an neue Bedingungen gewöhnen sollen, kann man dasselbe nicht auch vom Menschen erwarten?

(NG, Heft 5 / 2016, Seite(n) 112 bis 133)

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