Tiere

Bizarrer Tiefsee-“Wurm“ ist so lang wie ein Arm

Wissenschaftler können zum ersten Mal die Riesen-Wurmmuschel untersuchen und haben etwas ziemlich Seltsames entdeckt.Donnerstag, 9. November 2017

Von Carrie Arnold
Ein Wissenschaftler entfernt das obere Ende des Gehäuses einer Riesen-Wurmmuschel, sodass das darin lebende Tier zum Vorschein kommt.

Zum ersten Mal haben Wissenschaftler eine lange, schwarze und im Schlamm lebende Kreatur namens Riesen-Wurmmuschel untersucht. Obwohl die wurmartigen Meerestiere verbreitete Schädlinge sind, die das Holz von Schiffen fressen, ist über die größte und seltenste Art der Schiffsbohrmuscheln, Kuphus polythalamia, nur sehr wenig bekannt.

Ein internationales Team hat durch eine Dokumentation Hinweise auf den Standort einiger Riesen-Wurmmuscheln in einer feuchten Schwefellagune vor den Philippinen erhalten. Die Mollusken steckten mit dem Kopf voran im Sand und nur ihre hohlen, stockartigen Gehäuse ragten heraus.

Daniel Distel, der Leiter des Teams und Meeresbiologe an der Northeastern University in Boston, hat ein Exemplar aus dem stinkenden Schlamm gezogen und es in ein Stück eines weißen Plastikrohrs gesteckt. Dann wurde es lebend mehrere Tausend Kilometer zur Arzneimittelchemikerin Margo Haygood in das Labor der Universität von Utah transportiert.

Kuphus zum ersten Mal zu sehen, war ein Highlight meiner Karriere. Dieses Tier hat einen mythischen Status – es ist wie ein Einhorn“, sagte Haygood.

Die Riesen-Wurmmuschel ohne ihr Gehäuse. Diese Art ist die größte zweischalige Muschel der Welt.

Als Distel die glitzernde, pulsierende Kuphus aus ihrem etwa 90 cm langen Gehäuse zog, „kam da immer mehr und mehr“, erinnerte sich Haygood. Am Ende lag eine Schiffsbohrmuschel von der Länge eines Baseballschlägers auf dem Tisch.

Haygood sah sofort, dass der Mund der Muschel verschlossen war. Das bedeutete, sie konnte sich darüber nicht ernähren. Sie wusste auch, dass Kuphus – die größte bekannte, zweischalige Muschel – kein Holz fressen konnte, wenn sie immer kopfüber im Sand steckte.

„Wenn sie nicht frisst, was zum Geier macht sie dann?“

BAKTERIENKÖCHE

Mit ihrer Fachkenntnis in Meeresmikrobiologie erahnte Haywood sofort, dass Bakterien auf der Riesen-Wurmmuschel lebten, die Schwefelwasserstoff in Kohlenstoff umwandelten. Dadurch würden sie die Riesenmuschel im Grunde konstant mit Nahrung versorgen.

Das war keine allzu gewagte Annahme – alle Schiffsborhmuscheln, zu denen auch Kuphus gehört, sind auf symbiotische Bakterien angewiesen. Diese leben in einem besonderen Organ in den Kiemen und spalten die Zellulose im Holz auf.

Außerdem enthalten die tiefsten Bereiche des Ozeans wenig Sauerstoff, daher atmen viele Mikroben stattdessen Schwefel. Der ist in der Nähe der Tiefseespalten, wo Kuphus gefunden wurde, besonders reichlich vorhanden.

Und tatsächlich, als Haygood und ihre Kollegen das Kuphus-Exemplar einschläferten und sezierten, fanden sie eine Mikrobenart, die Schwefel atmet. Es handelte sich um Teredinibacter turnerae, die laut der Studie im „Proceedings of the National Academy of Sciences“ vom 17. April in den Zellen von Kuphus‘ Kiemen lebt. Das Team entdeckte auch, dass die internen Verdauungsorgane von Kuphus verkleinert waren, da sie nicht mehr zur Verdauung von Nahrung gebraucht wurden.

Noch ist das Team nicht ganz sicher, ob sich Kuphus ernährt, indem sie komplette Bakterien verdaut oder nur deren Stoffwechselabfallprodukte. Sie wissen auch nicht, wo auf der Welt die Riesen-Wurmmuschel sonst noch vorkommt.

Aber eines steht fest: Die neue Studie ist ein Beispiel für die unglaublichen Problemlösungsfähigkeiten der Natur, so Nancy Trenemann. Die Meeresbiologin am Oregon Institute of Marine Biology war an der Studie nicht beteiligt

„Sie muss nicht mal essen“, sagte sie. „Wie cool ist das denn?“

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