Tiere

Dieser gewitzte Rabe überlistet einen verschlossenen Müllcontainer

Raben gehören zu den intelligentesten Vögeln der Welt und sind für ihr analytisches Denken bei der Futtersuche bekannt. Donnerstag, 9 November

Von Sarah Gibbens

Von allen Vögeln der Welt gilt der Rabe als der klügste.

Dieses Video, das in Haines im US-Bundesstaat Alaska aufgenommen wurde, zeigt einen cleveren Raben, der eine Mülltonne aufsperrt, deren Deckel mit einem Stein beschwert ist. Man sieht, wie der Vogel seinen Schnabel unter dem Verschluss positioniert, um den Deckel zu öffnen und auf den Boden zu werfen. Dann wühlt er sich durch den Müll und holt mit dem Schnabel Papp- und Plastikteile heraus, vermutlich auf der Suche nach Essensresten.

Der Rabe wurde von Randa Szymanski und ihrem Mann gefilmt, die zuerst vermuteten, dass Bären ihre Mülltonne umstießen. Trotz der Verschlussklammern und dem schweren Stein auf dem Deckel waren die Raben wiederholt in der Lage, ihren Abfall zu durchwühlen.

Laut Szymanski sind die Raben in ihrer Heimat im südöstlichen Alaska berüchtigt dafür, „klug und furchtlos“ zu sein. Unter den einheimischen Tlingit gelten sie als Schlitzohren.

Neben ihren Mülltauch-Mätzchen wurden die Raben von Szymanski auch dabei beobachtet, wie sie Weißkopf-Seeadler piesacken und Essen von der Ladefläche offener Pick-ups stibitzen. In einer besonders gewitzten Aktion stahlen sie ein Dutzend Eier von der Ladefläche eines Autos – eines nach dem anderen.

„Sie haben den Karton geöffnet und dann die Eier der Reihe nach in ihr nahegelegenes Nest gebracht. Bis der Eigentümer zu seinem Fahrzeug zurückkam, hatten sie sie alle“, erzählt Szymanski.

Raben sind berüchtigt für ihre Intelligenz. Zusammen mit Krähen und Elstern gehören sie zu den Rabenvögeln oder auch Corviden. Einige Studien haben gezeigt, dass Corviden trotz ihrer beträchtlich kleineren Gehirne intellektuell mit Schimpansen vergleichbar sind.

„Das sind keine Tiere, die sich an das Leben mit Menschen angepasst haben, sondern Tiere, die herausgefunden haben, wie man Menschen ausnutzen kann“, sagt Kaeli Swift. Sie ist eine Doktorandin an der Schule für Umwelt- und Waldwissenschaften an der Universität von Washington.

Swift bemerkt außerdem, dass die Stelle, auf welcher der Rabe im Video auf der Mülltonne steht, eine Art natürliche Sitzstange für ihn bildet. Daher sei es schwer auszumachen, ob das Öffnen der Tonne und das Herunterstoßen des Deckels Absicht oder ein Unfall waren.

Swift erklärt außerdem, dass das aggressive Verhalten gegenüber Weißkopf-Seeadlern, das Szymanski beschrieben hat, ein Verhalten ist, das als „Hassen“ bezeichnet wird. Das soll Raubtiere wie diese Adler aus einem Gebiet vertreiben.

„Wenn ein Individuum ein Raubtier entdeckt, stößt es einen Alarmruf aus, der andere Vögel in der Gegend anzieht“, sagt Swift. Diese rotten sich dann zusammen, um auf das Raubtier zu „hassen“ und es so abzuwehren.

LOGISCHES DENKEN

Ein kognitiver Test, der von dem Ornithologen Bernd Heinrich entworfen wurde, deutet darauf hin, dass Raben in hohem Maße zu logischem Denken im Stande sind.

Heinrich band ein Stück Fleisch an eine Schnur und befestigte diese an einem Baum. Er beobachtete dann, wie die Raben das Fleisch hochzogen. Während sie auf dem Ast saßen, nutzten sie ihren Schnabel, um die Schnur näher an ihre Krallen zu ziehen. Mit den Krallen wickelten sie die Schnur dann um ihre Fänge, verkürzten sie so und erreichten auf diese Weise ihre Belohnung.

In dem Video des Experiments sagt Heinrich, dass die Vögel nicht trainiert waren und nicht aus evolutionärem Instinkt heraus gehandelt haben können, weil der Test eine Situation erzeugte, die so in der Wildnis nicht natürlich auftreten würde. Er glaubt, dass das darauf hinweist, dass die Vögel bewusst und logisch gehandelt haben.

Die biologische Ursache für die Intelligenz der Corviden wurde erstmals 1960 von einem Neurologen namens Stanley Cobb entdeckt. Vögel haben keine Großhirnrinde – jener Teil des Gehirns, der bei Säugetieren für viele kognitive Funktionen wie Gedanken, Sprache, Gedächtnis und Bewusstsein verantwortlich ist.

Stattdessen liegt der biologische Schlüssel zu ihrem Erfolg in einem Teil ihres Vorderhirns namens Hyperstriatum, der ihnen das Ausführen ähnlicher Aufgaben ermöglicht.

2016 bot eine Studie in „Proceedings of the National Academy of Sciences“ weitere Einblicke darin, wie es Rabenvögeln möglich ist, ähnliche Aufgaben wie Affen und Schimpansen auszuführen, obwohl sie nur ein walnussgroßes Gehirn haben. Forscher der Charles Universität in Prag haben entdeckt, dass diese Vogelarten eine außergewöhnlich hohe Neuronendichte in ihrem Vorderhirn aufweisen und daher die gleiche Anzahl von Neuronen haben wie Affen, mitunter sogar eine höhere.

Ein an Hitchcock erinnernder Satz aus der Studie offenbart, dass aufgrund der Neuronendichte „Vogelgehirne daher das Potenzial haben, deutlich mehr ‚kognitive Kraft‘ pro Masseeinheit zur Verfügung zu stellen als Säugetiergehirne.“

Sarah Gibbens auf Twitter und Instagram folgen.

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