Tiere

Rekordverdächtig: Orang-Utans säugen ihre Jungen ungewöhnlich lange

Die Affen aus Südostasien werden laut einer Studie länger gesäugt als jeder andere Primat auf der Erde. Donnerstag, 9 November

Von Austa Somvichian-Clausen

Die größten Baumkletterer der Welt können sich jetzt noch mit einem weiteren Superlativ brüsten: Orang-Utans säugen ihre Jungen laut einer Studie länger als alle anderen Affen der Welt.

Die überraschenden Forschungsergebnisse offenbaren, dass die farbenfrohen Menschenaffen bis zu acht Jahre lang Muttermilch trinken – in manchen Fällen sogar noch länger.

Es ist nur wenig darüber bekannt, wie die zotteligen Affen ihre Jungen in der Wildnis säugen. Das liegt teils auch daran, dass sie schwierig zu beobachten sind: Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit oben in den Bäumen, außer Sichtweite menschlicher Augen. Für Naturschützer, die für die Rettung dieser Art arbeiten, ist es aber wichtig zu wissen, wann die Jungtiere allein losziehen.

Für ihre neue Untersuchung haben Tanya Smith und ihre Kollegen eine kreative Methode entwickelt, um nachzuverfolgen, wie lange Orang-Utans gesäugt werden: Sie analysieren die Bariumkonzentration – ein Spurenelement – in den Zähnen der jungen Orang-Utans. Da Barium aus der Muttermilch vom Skelett der Jungtiere absorbiert wird, kann man daraus erkennen, wie lange ein Orang-Utan gesäugt wurde.

 „Diese Studie zeigt eine spannende neue Methode, um das Stillalter wilder Primaten an ihren Zähnen zu erkennen“, sagt die Anthropologin Cheryl Knott, Leiterin des Gunung Palung Orangutan Project vom Gunung-Palung-Nationalpark in Indonesien.

VERRÄTERISCHE ZÄHNE

Zwei Arten der Orang-Utans – deren Name vom malaiischen Wort für „Mensch des Waldes“ stammt – schwingen sich auf Sumatra und Borneo von Baum zu Baum: der Sumatra-Orang-Utan, Pongo abelii, und der Borneo-Orang-Utan, Pongo pygmaeus.

Smith, eine Anthropologin der Griffith Universität, und ihr Team untersuchten die Zähne von vier jungen Orang-Utans, zwei davon von Borneo und zwei von Sumatra. Die Tiere waren vor vielen Jahren während einer Sammelexpedition erschossen wurden. Ihre Gebeine wurden in Museen aufbewahrt.

Indem es die Wachstumsmuster und die Bariumkonzentration in den Backenzähnen der Exemplare untersuchte, konnte das Team feststellen, dass die Bariumwerte nach dem ersten Lebensjahr abnahmen. Das Element war laut der Studie, die in „Science Advances“ veröffentlicht wurde, aber fast ein Jahrzehnt später noch immer vorhanden.

Einer der Borneo-Orang-Utans zum Beispiel wurde noch mit 8,1 Jahren gesäugt, und einer der Sumatra-Orang-Utans sogar noch im erstaunlichen Alter von 8,8 Jahren. Die Tiere bekommen mit etwa 15 Jahren zum ersten Mal Nachwuchs und werden in der Wildnis vermutlich bis zu 50 Jahre alt.

HARTE ZEITEN

Aus den Zähnen ließen sich auch Perioden hoher und niedriger Bariumkonzentration ablesen, die mit der Fülle an verfügbaren Früchten korreliert. Wenn es reichlich Früchte gab, waren die Bariumkonzentrationen niedriger.

Das würde darauf hindeuten, dass junge Orang-Utans in Zeiten des Mangels wieder auf Muttermilch zurückgreifen, um zu überleben, so Smith.

„In der Wildnis ist es schwer herauszufinden, wie viel Milch die Jungtiere tatsächlich trinken. Die neue Studie deutet darauf hin, dass sie während dieser Zeit noch im wesentlich Maß Milch zu sich nehmen“, fügt Knott hinzu.

Ihre unvorhersehbare Umgebung ist vermutlich auch der Grund für ihr langsames Heranreifen. Es gibt nur selten einen Nahrungsüberschuss, der ein schnelles Wachstum fördern könnte. Tatsächlich würden die Orang-Utans wohl nicht so lange säugen, wenn das Angebot an Früchten verlässlicher wäre.

Primaten in Gefangenschaft reifen oft schneller heran als ihre Artgenossen in der Wildnis, was vermutlich daran liegt, dass sie regelmäßig und nahrhaft essen, so Smith.

STETER RÜCKGANG

Da sie sich so langsam vermehren, sind Orang-Utans besonders gefährdet. Die Entwaldung zugunsten von Palmölplantagen hat ihre Zahl schrumpfen lassen. Mittlerweile gelten sie als vom Aussterben bedroht.

Borneo hat in den letzten 60 Jahren mehr als die Hälfte seiner Orang-Utan-Population verloren, und in den letzten 20 Jahren ist der Lebensraum der Art um etwa 55 Prozent geschrumpft. Auf Sumatra gibt es laut dem WWF nicht einmal mehr 15.000 der Tiere. Vor einem Jahrhundert gab es Schätzungen zufolge noch an die 230.000 Exemplare.

Die Studie von Smith und ihre Kollegen legt nahe, dass man Orang-Utan-Mütter und ihre Babys noch besser erforschen sollte, sagt Knott.

„Um sie bestmöglich zu schützen, müssen wir das Verhältnis zwischen ihrer Umgebung und ihrer langsam Wachstums- und Reproduktionsrate verstehen.“

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