"Kolibris sind überhaupt nicht scheu"

Der Ornithologe Karl-Ludwig Schuchmann forscht seit 40 Jahren über die amerikanischen Vögel und weiß, wie man sich ihnen nähert. Wednesday, November 8, 2017

Von Kathrin Fromm
Bilder Von Colourbox
Ein Kolibri im Flug.

Was fasziniert Sie an Kolibris?
Sie sind extrem klein, die meisten wiegen gerade mal zwischen eineinhalb und acht, neun Gramm. Und dann der Schwirrflug! Sie können sich auf dem Kopf fliegend vorwärtsbewegen, auch seitlich, in der Luft stehen bleiben – wie ein Helikopter. Außerdem kommen Kolibris in fast allen Klimazonen vor. Sie sind über den ganzen nord- und südamerikanischen Kontinent verbreitet. Egal, wo man hinfährt, man findet in der Regel vor Ort Kolibris. Das macht für mich auch ein Stück der Faszination aus.

Was unterscheidet Kolibris von anderen Vögeln?
Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Ernährung. Kolibris leben zu 90 Prozent von Nektar aus Blüten. Es gibt nur ganz wenige Tiere, die in ihrer Nahrungswahl so hochspezifisch sind. Weil sie dabei so winzig sind und richtige Energiebündel, müssen sie alle paar Minuten Nektar zu sich nehmen. Nur nachts nicht, dann fahren sie ihre Körpertemperatur runter und verfallen in eine Starre, um weniger Energie zu verbrauchen. Es gibt übrigens in Afrika, Asien und Australien auch verwandte Arten, die etwas größeren Nektarvögel, aber die sind eben nicht so stark an eine spezielle Nahrung gebunden.

Sie haben 1979 über Kolibris promoviert. Was hat sich in den 40 Jahren, die Sie sich mit den Vögeln beschäftigen, verändert?
Durch die immer bessere Technik können wir viel präziser messen. Wir können hormonell Blutuntersuchungen machen, die uns helfen, das komplexe System Kolibri zu verstehen. Wir können den Energieaufwand der Tiere unter fast natürlichen Bedingungen im Labor nachvollziehen. Durch mehrere Freilanduntersuchungen wissen wir inzwischen einiges über die Interaktion zwischen den Kolibris als Bestäuber und den Blütenpflanzen als ihre Nahrungsgeber. Im Vergleich zu anderen tropischen Vogelarten sind wir bei Kolibris relativ weit, was unseren Erkenntnisstand angeht. Aber es gibt immer noch Bereiche, in denen wir zu wenig wissen. Das fängt schon mit der Basisarbeit an. Der Wissenschaft sind ungefähr 340 Arten bekannt, doch immer noch werden neue Arten aus entlegenen Gebieten Südamerikas beschrieben.

Der Ornithologe Karl-Ludwig Schuchmann forscht seit 40 Jahren über Kolibris und ist ehemaliger Kurator am Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn.

In welchen Bereichen gibt es noch Nachholbedarf?
Beim Zugverhalten zum Beispiel. Wir wissen, dass ein Großteil der nordamerikanischen Arten, wenn der Winter einbricht, wie alle Zugvögel nach Süd- und Mittelamerika fliegt. Eine Kolibriart sammelt sich etwa in Texas und überquert nonstop den Golf von Mexiko auf dem Weg zur Yucatán-Halbinsel und weiter bis nach Costa Rica. Das sind rund 850 Kilometer am Stück über das offene Meer, eine gigantische Leistung für so kleine Tiere. Wir wissen allerdings noch nicht, wie häufig sie durch Wind weggeweht werden und beispielsweise ungewollt auf den Antillen landen. In Südamerika wissen wir noch weniger, nur dass ein Zugverhalten existiert, weil wir bestimmte Arten, in bestimmten Gebieten für bestimmte Zeiten nicht mehr finden und sie dann irgendwann wieder da sind. Wie hier das Zugsystem genau aussieht, ist noch ein Riesenfragezeichen.

Warum ist das noch nicht erforscht?
Es gibt dort schlichtweg zu wenig Forschungsstationen. Auch Vogelwarten wie hier in Deutschland gibt es nicht. Da sind Leute, die mal in einem bestimmten Gebiet Vögel beringen und das eine Zeitlang beobachten. Aber wir brauchen Langzeituntersuchungen. Wir wissen, dass Habitatwechsel stattfinden, dass Tiere, die in tropischen Wäldern vorkommen oder in den Hochgebirgen für kurze Zeit auswandern. Allerdings liegen da zum Teil 1000 oder sogar 2000 Kilometer Entfernung dazwischen. Was löst dieses Verhalten aus? Wo finden die Kolibris Nahrung unterwegs? Welche Routen gibt es? Ist alles nicht klar.

Wenn man Kolibris sehen will, welche Möglichkeiten gibt es da?
Im September, Oktober zur Abflugzeit sind in Texas Veranstaltungen speziell für Kolibrifreunde, in Corpus Christi zum Beispiel. Die Menschen stellen sich dabei in Parks und Gärten, auf dem Kopf tragen sie Helme mit Trinkröhrchen dran, in denen Zuckerwasser ist. Da wird man sofort umringt von Kolibris, weil die Tiere diese Form von Energie brauchen, um den langen Flug zu schaffen. Ansonsten kann man in Südamerika an fast jeden Ort gehen. Kolibris sind leicht zu beobachten und eigentlich überall, wo gerade etwas blüht. Wenn man rote Kleidung anhat, kann es sogar sein, dass sie direkt auf einen zukommen. Weil viele Blüten rot sind, ist das ein Indikator für »Hier gibt es Proviant«. Kolibris sind überhaupt nicht scheu, sondern gelegentlich sogar fast zahm.

Ein Artikel über die aktuelle Kolibriforschung mit Hochfrequenzkameras ist in
der Ausgabe 7/2017 von National Geographic erschienen (ein Auszug steht hier).
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