Verhaltensforschung: Papageien sind selbstlose Helfer

Selbstlosigkeit ist keine rein menschliche Eigenschaft: Fledermäuse, Ratten und auch Papageien helfen Artgenossen in Not.

Thursday, January 16, 2020,
Von Jake Buehler
Graupapageien
Graupapageien weisen eine Reihe sozial komplexer Verhaltensweisen auf und sind beliebte Haustiere, weil sie menschliche Stimmen imitieren können.
Bild Joel Sartore, National Geographic Photo Ark

Graupapageien helfen Artgenossen in Not. Zum ersten Mal konnte eine Studie uneigennütziges Verhalten bei Vögeln nachweisen.

Dass die afrikanischen Papageien ziemlich clever sind, wissen Forscher schon länger: Die Tiere gelten als exzellente Problemlöser. Aber verfügen diese Vögel – die durch etwa 300 Millionen Jahre der Evolution von Primaten getrennt sind – auch über komplexe soziale Fähigkeiten wie gegenseitige Hilfeleistung? Corviden – eine weitere Gruppe intelligenter Vögel, zu denen auch Krähen und Raben zählen – haben diese Fähigkeit bislang nicht gezeigt, sagt Désirée Brucks, eine Biologin der ETH Zürich.

„Papageien wurden noch nicht getestet“, so Brucks. „Daher war es eine offene Frage, ob sich die Fähigkeit zur proaktiven gegenseitigen Hilfe bei Vögeln evolutionär herausgebildet hat oder nicht.“

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Brucks und ihre Kollegin Auguste von Bayern vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Bayern setzten dafür acht Graupapageien zu jeweils einem Zweierpaar in Glasbehälter. Eine Glaswand in der Mitte trennte die beiden Vögel voneinander, wobei sie durch ein kleines Loch in der Wand interagieren konnten. Die Wissenschaftler trainierten die Papageien einzeln darauf, kleine Metalltoken über ein anderes Loch an eine Person zu reichen und im Austausch eine Nuss zu erhalten.

Wenn ein Papagei nun alle Token hatte, reichte er seinem tokenlosen Artgenossen ein paar seiner eigenen durch das Loch in der Trennwand. Tendenziell schenkten die Tiere ihren Freunden und Familienmitgliedern mehr Token, aber sie gaben auch welche an fremde Papageien ab, denen sie vorher nie begegnet waren. Bemerkenswert war auch, dass sie keine Token verschenkten, wenn der andere Papagei keinen Zugang zu dem Menschen hatte, der das Experiment durchführte. Das lässt vermuten, dass die Papageien erkennen können, ob ihre Hilfe gebraucht wird oder nützt.

Die Forscher beschrieben das Verhalten in einer Studie, die in „Current Biology“ erschien. Womöglich entwickelte es sich, um das Leben in riesigen Schwärmen zu vereinfachen, wo ein altruistischer Ruf einem einzelnen Tier nutzen kann, so die Vermutung der Autoren.

Die Zoologin Katherine Cronin von Lincoln Park Zoo in Chicago lobt den Studienaufbau, der ein simples Spielverhalten als Erklärung für den Tokentausch ausschloss. „Wir können ziemlich sicher sein, dass die Graupapageien sich über den Nutzen für ihre Partner Gedanken machten“, sagt Cronin.

Die Graupapageien Nikki und Jack tauschen bei einem Experiment Token miteinander.
Bild Anastasia Krasheninnikova

Die Studienergebnisse untermauern ihr zufolge die bisherigen Belege dafür, dass Tiere selbstlos handeln – und dass diese Eigenschaft keine rein menschliche Eigenart ist.

Schimpansen und Bonobos

Einige der eindeutigsten Beispiele für unaufgefordertes hilfreiches Verhalten stammt von unseren nächsten Verwandten: Schimpansen und Bonobos.

Es gibt Belege dafür, dass Schimpansen die Bedürfnisse von Artgenossen in einer Notlage einschätzen können und darauf reagieren, indem sie einen Gegenstand mit ihnen teilen, der ihr Problem lösen würde. Beispielsweise wurden Schimpansen in Gefangenschaft dabei beobachtet, wie sie einem Partner ein passendes Werkzeug überließen, mit dem er an einen Leckerbissen kommen konnte.

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„Die Studie ist insofern ähnlich [wie die Papageienstudie], als dass die Schimpansen ihre Hilfe ebenfalls aufgrund der Bedürfnisse ihres Partners anboten, und zwar ohne persönlichen Nutzen“, sagt Cronin.

Bonobos, eine hauptsächlich im Kongo heimische und gefährdete Schimpansenart, teilen ihre Nahrung freiwillig mit Fremden.

Vampirfledermäuse

Von den rasiermesserscharfen Zähnen sollte man sich nicht täuschen lassen: Vampirfledermäuse haben ein weiches Herz.

Die kleinen Säugetiere sind bei ihren blutigen Mahlzeiten bemerkenswert großzügig. Sie würgen Blut für besonders hungrige Artgenossen hoch – und zwar unabhängig davon, ob es sich um Familienmitglieder handelt.

Tatsächlich war es viel ausschlaggebender, ob eine Fledermaus früher schon einmal eine „Blutspende“ erhalten hatte. Dieser Faktor war wichtiger als der Verwandtschaftsgrad, um vorherzusagen, ob eine Fledermaus ihre Mahlzeit teilen würde.

Wanderratten

Die Wanderratte ist eines der wenigen Tiere, das nicht nur Artgenossen hilft, sondern sich auch daran erinnert, wer ihm geholfen hat – und den Gefallen erwidert. Für ein Experiment, dessen Ergebnisse 2015 veröffentlicht wurden, trainierten Forscher Ratten darauf, einer anderen Ratte entweder ein hochwertiges Häppchen (eine Banane) oder ein minderwertiges (eine Karotte) zu geben.

Dann gaben Forscher den Ratten, die das Häppchen bekommen hatten, die Möglichkeit, den Gefallen zu erwidern: Sie konnten dafür sorgen, dass die andere Ratte Getreideflocken erhielt. Im Ergebnis bekamen die Ratten, die vorher eine Bananenscheibe verschenkt hatten, ihre Getreideflocken schneller als die anderen.

Buckelwale

Diese Wale haben die mysteriöse Eigenart, Orcas bei der Jagd zu behindern, indem sie sich zwischen die Raubtiere und ihre Beute stellen. Wenn die Orcas zu nahe kommen, schlagen sie mit ihren imposanten Schwanzflossen. Buckelwale wurden schon dabei beobachtet, wie sie Robben, Seelöwen und andere Wale vor hungrigen Orcas beschützten.

Wollte dieser Wal einer Taucherin das Leben retten?
Die Biologin Nan Hauser erlebte eine ungewöhnliche Begegnung mit einem Buckelwal.

Es ist unklar, ob dieses Verhalten den Buckelwalen auf irgendeine Art nützt. Womöglich resultiert ihr defensives Verhalten aus dem Umstand, dass Orcas regelmäßig Jagd auf Buckelwalkälber machen.

Vielleicht tun die Wale – ähnlich wie Menschen, andere Primaten und Graupapageien – anderen aber auch einfach ganz selbstlos gerne etwas Gutes.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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