Würden eure Haustiere euch nach eurem Tod fressen?

Der ein oder andere wird seinen pelzigen Gefährten nach dem Lesen dieses Artikels vielleicht mit anderen Augen sehen.Donnerstag, 9. November 2017

1997 berichtete ein Gerichtsmediziner in der Fachzeitschrift „Forensic Science International“ über einen seiner ungewöhnlicheren Fälle. Ein 31 Jahre alter Mann hatte sich an einem Abend in die umgebaute Gartenhütte hinter dem Haus seiner Mutter zurückgezogen, in der er mit seinem Deutschen Schäferhund lebte. Gegen 20:15 hörten die Nachbarn einen Schuss aus Richtung der Hütte.

45 Minuten später fanden seine Mutter und Nachbarn ihn tot auf. Sein Mund wies eine Schusswunde auf, unter seinen Händen lag eine Walther und auf dem Tisch ein Abschiedsbrief. Ein Großteil seines Gesichts und seines Halses waren verschwunden – und an den Rändern seiner Wunden waren Bissspuren zu erkennen. Auf dem Boden stand ein halbvoller Napf mit Hundefutter.

Der Deutsche Schäferhund war ruhig und hörte auf Befehle. Auf dem Weg ins Tierheim erbrach er einen Teil des Gewebes seines Besitzers, darunter Haut mit noch erkennbaren Barthaaren.

Es gibt keine Statistiken dazu, wie viele Haustiere sich an ihren verstorbenen Besitzern zu schaffen machen. In den letzten 20 Jahren gab es in forensischen Wissenschaftszeitschriften jedoch Dutzende Berichte über dieses Verhalten. Sie liefern uns den besten verfügbaren Einblick in eine Situation, vor der sich viele Tierhalter fürchten: allein zu sterben und dann gefressen zu werden.

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Ich habe ungefähr 20 dieser veröffentlichten Berichte geprüft und mir auch eine Studie aus dem Jahr 2015 angesehen, die 63 Fälle von Leichenfraß im Haus- oder Wohnungsinneren zusammenfasste. Einige der Muster sind überraschend und werfen faszinierende Fragen darüber auf, was Haustiere dazu motiviert, Tote zu fressen.

Im Folgenden finden sich einige der verbreitetsten Irrtümer über postmortales Haustierverhalten und darüber, was die forensische Beweislage offenbart. (Mehr zu Hunden in der Forensik)

ES MUSS DIE KATZE GEWESEN SEIN

Katzen haben den schlechten Ruf, von allen Haustieren am ehesten ihre Besitzer zu fressen. Einige Ersthelfer berichten zumindest davon, dass es ein verbreitetes Verhalten ist. Wenn das passiert, machen sich Katzen zuerst über das Gesicht her, besonders über die weichen Teile wie Nasen und Lippen, so die forensische Anthropologin Carolyn Rando des University College London.

„Das überrascht mich als Katzenbesitzerin nicht“, sagt sie. „Wenn man schläft, neigen sie dazu, einem mit der Tatze ins Gesicht zu stupsen, damit man aufwacht.“

In einem Fall, der 2010 im „Journal of Forensic and Legal Medicine“ erschien, starb eine Frau an einem Aneurysma und wurde am nächsten Morgen auf ihrem Badezimmerfußboden gefunden. Forensische Tests ergaben, dass ihr Hund einen Großteil ihres Gesichts verzehrt hatte, während ihre beide Katzen sie nicht angerührt hatten.

Von den Fällen des Leichenfraßes, die in forensischen Fachzeitschriften zu finden sind, gehen die meisten auf Hunde zurück. Das könnte aber auch daran liegen, dass Forensiker von dem Verhalten eher überrascht sind, wenn sie es bei Hunden sehen.

DIE HUNGER-HYPOTHESE

„Hunde stammen von Wölfen ab“, sagt Stanley Coren. Der Psychologe hat zum Thema Hunde Bücher geschrieben und TV-Sendungen moderiert. „Wenn es eine Situation gibt, in der der Besitzer stirbt und es keine Nahrungsquelle gibt, was werden [die Hunde] dann machen? Sie werden das Fleisch fressen, das sie finden können.“

In manchen Fällen ist eindeutig, dass Tiere ihre Besitzer fraßen, um zu überleben. Ein Bericht von 2007 beschreibt, wie ein Chow-Chow und ein Labradormischling einen Monat lang überlebten, indem sie den Leichnam ihres toten Besitzers fraßen. Sie ließen nur die Schädeldecke und einige Knochensplitter übrig.

In dem Fall von 1997 begann der Schäferhund aber schon kurz nach dem Versterben seines Halters damit, ihn teilweise zu verzehren.

„Es ist interessant, über die Gründe eines sonst gut erzogenen Haustiers ohne Hunger nachzudenken, das den Leichnam seines Besitzers so schnell verstümmelt“, schrieb der Gerichtsmediziner Markus Rothschild.

In 24 Prozent der Fälle aus der 2015er Studie, in die ausnahmslos Hunde verwickelt waren, war weniger als ein Tag vergangen, bevor der teilweise verzehrte Leichnam gefunden wurde. Zudem hatten einige der Hunde auch Zugang zu normalem Futter, das sie nicht angerührt hatten.

Außerdem entsprach das Verzehrmuster auch nicht den Fressgewohnheiten von Caniden in der Wildnis. Wenn Hunde ihre toten Besitzer fraßen, gab es in 73 Prozent der Fälle Bisse ins Gesicht. Nur bei 15 Prozent waren Bisse im Bauchraum vorhanden.

Im Gegensatz dazu folgen Caniden beim Fressen in der Wildnis einem gut dokumentierten Muster: Sie öffnen zuerst den Brustkasten und Bauchraum, um die nährstoffreichen Organe zu fressen, gefolgt von den Gliedmaßen. Nur in zehn Prozent solcher Fälle gibt es Kopfwunden.

BÖSER HUND?

Auf Anhieb ist es vielleicht verlockend zu denken, dass man im Todesfall fein raus ist, wenn man eine gute Beziehung zu seinem Hund hatte und ihn gut behandelt hat.

Tatsächlich ist das Hundeverhalten aber gar nicht so eindeutig. Keine der Fallstudien, die ich gesehen habe, gab an, dass der Besitzer sein Tier misshandelt hatte. Im Gegenteil: Mehrere Berichte wiesen darauf hin, dass die Besitzer laut Freunden und Nachbarn eine sehr gute Beziehung zu ihren Hunden hatten.

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Stattdessen sollte man sich ansehen, was in der Psyche des Haustiers vorgeht. „Eine mögliche Erklärung für solch ein Verhalten ist, dass ein Haustier zuerst durch Ablecken und Anstupsen versuchen wird, einem bewusstlosen Besitzer zu helfen“, schreibt Rothschild in seinem Bericht. „Wenn das zu keinem Ergebnis führt, kann das Verhalten des Tieres hektischer werden. Bricht Panik aus, kann das zu Bissen führen.“

Und vom Beißen ist es nur ein kleiner Schritt zum Fressen, so Rando: „Es ist also nicht zwingend so, dass der Hund [seinen Besitzer] fressen will. Aber das Fressverhalten wird stimuliert, wenn der Hund Blut schmeckt.“

EINE FRAGE DER RASSE

Unterschiedliche Rassen haben unterschiedliches Temperament, fügt Rando hinzu. Auch das könnte sich darauf auswirken, wie sie auf den Tod ihres Besitzers reagieren. Es tauchen aber viele Arten von Hunden in den entsprechenden forensischen Berichten auf, darunter auch liebenswerte Labradore und Golden Retriever.

In den Fällen, die ich mir angesehen hatte, waren diverse Mischlinge sowie eine Reihe Jagd- und Arbeitshunde involviert. Die meisten Hunde waren mittelgroß oder groß. Ein Beagle war der kleinste Hund in diesen Berichten, der sich am Leichenfraß beteiligt hatte. Allerdings können größere und kräftigere Hunde auch mehr Schaden anrichten, weshalb solche Fälle auch mit größerer Wahrscheinlichkeit Aufmerksamkeit erregen.

In drei Fällen wurden Besitzer so weit verzehrt, dass ihr Kopf vom restlichen Körper abgetrennt wurde. An allen drei Fällen waren Deutsche Schäferhunde beteiligt. Nach allem, was wir wissen, würde aber auch ein Chihuahua oder ein Zwergspitz einen Kopf abreißen, wenn er könnte.

Rando vermutet, dass das individuelle Temperament eines Hundes eine größere Rolle spielen könnte. Ein unsicherer, ängstlicher Hund, der regelmäßig Anzeichen von Trennungsangst zeigt, könnte viel wahrscheinlicher von hektischem Verhalten zu Beiß- und Fressverhalten übergehen.

WAS TUN?

Es gibt keine Möglichkeit zu verhindern, dass einen das eigene Haustier frisst, wenn man stirbt. Selbst Hamster und Vögel haben gelegentlich schon ihre toten Besitzer angefressen.

Die beste Möglichkeit für Besitzer, diese Wahrscheinlichkeit so gering wie möglich zu halten, ist sicherzugehen, dass jemand nach einem sieht, wenn man sich nicht bei ihm meldet. Und wenn man Nachbarn hat, die alt oder krank sind, sollte man ebenfalls regelmäßig nach ihnen sehen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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