Giftig und aufblasbar: Ein Hintern zum Hingucken

Aber Achtung: Das Hinterteil dieses südamerikanischen Frosches guckt zurück.Montag, 28. Mai 2018

Beinahe schon obsessiv scheint die Menschheit seit geraumer Zeit von der Optimierung bestimmter Körperteile besessen zu sein. Dabei steht der Hintern alles andere als hinten an: Mal soll er größer und runder sein, mal kleiner. Aber vermutlich wird nichts, was wir tun können, unser Gesäß je so auffällig und charmant machen wie das der Lidblasenfroschart Physalaemus nattereri.

Allerdings ist das pompöse Hinterteil des Frosches nicht dazu gedacht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – ganz im Gegenteil.

SCHAU MIR IN DIE … AUGEN?!

Etwa 123 bekannte Froscharten der Welt haben eine Warnfärbung –auch Aposematismus genannt – auf ihrem Rücken oder ihrer Unterseite, erklärt João Tonini. Der Wissenschaftler von der Harvard University arbeitet am Projeto Bromeligenous mit, einem Projekt, das die Beziehung zwischen brasilianischen Fröschen und Bromeliengewächsen untersucht.

Bei manchen Arten wie den tödlichen Pfeilgiftfröschen sollen die Farben potenziellen Fressfeinden vermitteln: ‚Ich bin gefährlich, spiel nicht mit mir‘, wie Arturo Muñoz Saravia erklärt. Der Doktorand an der belgischen Universität Gent ist der Koordinator der Bolivian Amphibian Initiative.

In anderen Fällen versucht ein eigentlich harmloses Tier, einem Raubtier vorzugaukeln, es wäre gefährlich.

In jedem Fall besteht eine Möglichkeit, um einschüchternder auszusehen, in großen Flecken, die wie Augen wirken. Eben diese Taktik verfolgen auch P. nattereri – der in Bolivien, Brasilien, Argentinien und Paraguay heimisch ist – und sein „vieräugiger“ Verwandter Pleurodema thaul, sagt Tonini.

Die Augenflecken sollen vom Kopf der Frösche ablenken und ihren Körper größer erscheinen lassen, um Raubtieren zu vermitteln: ‘Ich bin größer, als du denkst, also friss mich nicht!‘, erklärt Muñoz Saravia.

Wenn er aufgebläht ist, kann der kleine Frosch wie eine ziemlich große Schlange auf seine Fressfeinde wirken, zu denen Vögel, Schlangen, Nasenbären und Fransenlippenfledermäuse zählen.

Wenn das Raubtier dennoch zuschlägt, wird es Zeit für Plan B: Gift. Diese Frösche bluffen mit ihrer Warnung nämlich nicht nur.

„Unterhalb der Augenflecken befinden sich giftige Drüsen“, sagt Tonini. Das milchig weiße Sekret aus den Drüsen hinterlässt manchmal kleine Spuren auf der schwarzen Haut direkt unter den Augenflecken. Ein Frosch hat genug Gift, um 150 Mäuse zu töten.

Hunderte Frösche ziehen los, um ihre Art zu retten
Die kleinen bunten Frösche haben eine Mission: Die Rettung ihrer Art.

Die Frösche sind jedoch nur für kleinere Räuber tödlich, nicht für Menschen. Wenn man allerdings eines der Tiere hochhebt und sich im Anschluss die Augen reibt, wäre das Stechen wohl trotzdem kein Spaß, sagt Muñoz Saravia. Der eigentliche Vorteil des Gifts liegt für den Frosch darin, dass er lebend entkommen kann.

Sein unschöner Geschmack sorgt dafür, dass das Raubtier vom Frosch ablässt. Wenn es genügend Gift aufnimmt, kann es im Anschluss sogar Benommenheit und Übelkeit verspüren, was bedeutet, dass der Frosch Zeit hat, um zu fliehen, wie Muñoz Saravia erklärt.

EIN BISSCHEN GLÜCK

Seine geringe Größe nutzt P. nattereri auch bei der Flucht – und womöglich in anderer Hinsicht.

Zu einer Zeit, in der viele Froscharten als gefährdet gelten, geht es ihrer eigenen Population trotz eines gewissen Rückgangs relativ gut, wie man auf der Website der Weltnaturschutzunion erkennen kann.

Galerie: Giftfrösche

P. nattereri vermehrt sich schnell (hier kann man sich seinen Paarungsruf anhören) und durch ihre geringe Größe sind die Tiere schwer zu finden. Muñoz  Saravia glaubt, dass ihre Zahl auch davon profitiert, dass sie für den Haustierhandel nicht relevant sind.

“Sie sind klein und braun“, sagt er – und damit nicht so interessant für Amphibienfreunde wie ihre Cousins, die bunten Pfeilgiftfrösche.

Manchmal zahlt es sich also aus, seine Talente zu verbergen, bis man sie braucht. Auch, wenn es sich dabei um ein aufblasbares, giftiges Hinterteil mit Augen handelt.

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