Begegnung zwischen Schwertwalen und Rochen endet tödlich

Warum genau die Wale ihre Beute nicht fraßen, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Donnerstag, 28. Juni 2018

Schwertwale: Schmerzhaftes Spielverhalten
Schwertwale: Schmerzhaftes Spielverhalten
Eine Herde Orcas – oder Schwertwale – umkreist einen Stachelrochen im Golf von Kalifornien, Mexiko. Der Taucher und Filmemacher Jorge Cervera Hauser und dieser Stachelrochen erleben jedoch gleich eine Überraschung.

Als Jorge Cervera Hauser zusammen mit Freunden auf Tauchgang im Golf von Kalifornien ging, war die Mission klar: Sie wollten Orcas finden. Hauser zufolge hat man nur selten die Gelegenheit, zusammen mit Schwertwalen zu schwimmen. Was er und seine Begleiter an diesem Tag erleben sollten, ist aber eine besondere Rarität.

„Ich bin jetzt schon seit mehr als sieben Jahren von Orcas besessen“, erzählt Hauser, der Firmenchef von Pelagic Fleet, „und ich scheine sie immer zu verpassen.“

Nach etwa einer Stunde im Wasser entdeckte das Team eine Schule der schwarz-weißen Wale. 

Galerie: 9 faszinierende Aufnahmen von Walen

„Insgesamt waren es etwa sechs Orcas, die sich in Gruppen von zwei oder drei Tieren aufgeteilt hatten. Immer, wenn wir ins Wasser sprangen, schwammen sie kurz an uns vorbei und warfen einen Blick auf uns“, erinnert sich Hauser. „Aber ungefähr beim zehnten Sprung änderte sich dann etwas.“

Die Schwertwale bemerkten einen Stachelrochen, der an die Oberfläche geschwommen war – womöglich, um Junge zu gebären, wie Hauser sagt. Anstatt an den Tauchern vorbeizuschwimmen, begannen die Orcas, mit dem Rochen zu spielen: Sie umkreisten das Tier, schlugen es und schnappten es, um es tiefer ins Wasser zu ziehen. 

Hauser zufolge wurde das Tier sofort durch den ersten Schlag von einer Schwanzflosse betäubt und war dann zu schwach und desorientiert, um den Walen zu entkommen. Das ging etwa anderthalb Stunden so, bis die Wale den Rochen töteten.

Die Taucher nahmen an, dass sie ihr Opfer fressen würden, aber stattdessen ließen sie es zum Grund des Meeres sinken.

„Ich habe unter Wasser schon Weiße Haie, Leistenkrokodile und sogar Große Anakondas fotografiert“, erzählt Hauser. „Aber die Interaktionen und das Verhalten, das ich da erleben konnte, war zweifelsfrei das unglaublichste Erlebnis, das ich unter Wasser je hatte.“

Der Münchener Fotograf York Hovest war im Rahmen seines Kickstarter-Projekts „100 Tage Ozeane“ bei dieser National Geographic Expedition ebenfalls hautnah dabei und konnte das seltene Unterwasserspektakel ebenfalls mit seiner Kamera festhalten. Das Klicken, das im Hintergrund zu hören ist, stammt von eben jener Kamera. Für sein bildgewaltiges Filmprojekt begleitet er Vordenker, Aktivisten und Wissenschaftler, die sich für den Erhalt unserer Ozeane einsetzen. Hovest möchte den Menschen damit auf eindrucksvolle Weise zeigen, wie die Verschmutzung der Weltmeere bekämpft werden kann.

TÖDLICHES SPIEL

Stachelrochen sind im Golf von Kalifornien weit verbreitet und stehen auch auf dem Speiseplan einiger Orcapopulationen. Die Wale sind bekannt dafür, mit ihrer Beute manchmal zu spielen, bevor sie sie fressen.

„In diesem speziellen Fall haben sie [den Rochen] nur schikaniert“, sagt Hauser.

Experten zufolge sei auch dieses Verhalten nicht ungewöhnlich. „Orcas und viele andere Raubtiere töten manchmal Tiere, die sie nicht fressen, vielleicht im Spiel oder weil sie ihre Fähigkeiten auf einem hohen Niveau halten wollen“, erklärte Robert Pitman in einer E-Mail. Er gehört zur Antarctic Ecosystem Research Division der National Marine Fisheries Service der USA. „Ich habe schon gesehen, wie Orcas in der Antarktis eine halbe Stunde lang einen Pinguin jagten, ihn dann töteten und an der Oberfläche treiben ließen. In anderen Fällen fressen sie die Pinguine.“

Allerdings können Stachelrochen den Orcas auch gefährlich werden, sagt David Bain, der Vizepräsident der Orca Conservancy mit Sitz in Seattle. Ihre Schwanzstacheln können einem jungen Orca, der im Erlegen solcher Beute unerfahren ist, durchaus Verletzungen zufügen. 

Hauser hatte den Eindruck, dass die Orcas vor ihm angeben wollten, als sie den Rochen schlugen.

„Erst haben sie uns nicht groß beachtet und kamen nur kurz vorbei, um einen Blick auf uns zu werfen und wieder wegzuschwimmen. Aber als sie den Rochen entdeckten, sah das plötzlich ganz anders aus“, erläuterte Hauser in einer E-Mail. „Es wirkte, als würden sie uns zeigen wollen, was sie da machen, und immer abwechselnd mit uns und dem Rochen interagieren. Das war über eine Stunde voller Momente à la ‚Guck mal, Mama!‘“

Gemeinsamer Infantizid bei Orcas dokumentiert
Gemeinsamer Infantizid bei Orcas dokumentiert
Das ist der erste dokumentierte Fall, bei dem ein männlicher Orca und seine Mutter das Kalb eines nicht verwandten Weibchens töteten.

Bain zufolge sei es zwar möglich, dass die Wale angeben wollten, es sei aber wahrscheinlicher, dass sie den Tauchern gegenüber ein Drohverhalten zeigten. Sie könnten auch zu Übungszwecken mit dem Rochen gespielt haben oder wollten vielleicht einfach nicht in Gegenwart der Menschen fressen.

Eventuell gab es innerhalb der Schule auch ein Missverständnis, wie Bain erklärt. Die jüngeren Wale könnten den Rochen getötet haben, weil sie fälschlicherweise davon ausgingen, dass ein älterer Wal ihn fressen würde.

„Es lässt sich unmöglich sagen, warum die Wale ihre Beute nicht gefressen haben“, sagt er.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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