Tiere

Tiger werden seltener – Wilderer jagen vermehrt Löwen

Immer öfter werden Afrikas Löwen für ihre Zähne und Klauen getötet, die in asiatischen Ländern oft als Schmuck enden.Montag, 4. Juni 2018

Von Alexandra Fisher
In Mosambik und anderen Teilen Afrikas, in denen es Löwen gibt, stehen die Raubtiere einer wachsenden Bedrohung gegenüber.

NATIONALPARK LIMPOPO, MOSAMBIK. Die vier jungen Löwen starben, als sie ihre letzte Mahlzeit fraßen. Man fand sie auf dem sandigen Boden in der Nähe des vergifteten Kadavers eines Kalbs. Keiner hatte den stillen Mord beobachtet – oder das grausige Nachspiel. Als Parkangestellte die Stelle untersuchten, entdeckten sie, dass die Köpfe und Pfoten der vier Großkatzen abgehackt worden waren.

“So was ist kein schöner Anblick”, sagt Marius Steyl, der Einsatzleiter für die Ordnungskräfte des Nationalparks Limpopo in Mosambik. Er war Teil des Teams, das die Tötungen Ende Januar untersuchte. „Er ist der König des Dschungels, und plötzlich wird er einfach von Menschen ausgelöscht.“

Steyl zufolge werden zwei Männer des Verbrechens verdächtigt. Sie sollen die Großkatzen wohl aus Rache getötet haben, weil sie Vieh gerissen haben. Einer der Männer wurde angeklagt, der zweite wurde noch nicht gefasst.

In Mosambik und anderen Teilen Afrikas, in denen es Löwen gibt, stehen die Raubtiere einer wachsenden Bedrohung gegenüber. Durch den Rückgang der Tiger in Asien (Schätzungen zufolge verbleiben weniger als 4.000) werden zunehmend anderen Großkatzen für ihre Körperteile gejagt: Leoparden, Jaguare – und nun auch Löwen.

Tierschutzgruppen im Osten und Süden Afrikas geben an, dass während der vergangenen drei Jahre immer mehr Löwen getötet und verstümmelt wurden. Ihre Zähne und Klauen sollen wahrscheinlich die Nachfrage aus China und Südostasien bedienen, wo die Körperteile anscheinend hauptsächlich zu Anhängern und Amuletten verarbeitet werden.

“Es gibt einfach ein wachsendes Bewusstsein für die Verfügbarkeit von Löwenkörperteilen in Afrika und für ihr Potenzial als Ersatz für Körperteile von Tigern“, sagt Kristin Nowell, die Leiterin der Cat Action Treasury. Die Organisation mit Sitz in den USA widmet sich dem Schutz von Großkatzen in ihren natürlichen Lebensräumen auf der ganzen Welt. Nowell ist auch die Koordinatorin der Roten Liste für Großkatzen von der Weltnaturschutzunion.

“Wir machen uns große Sorgen um den Löwen”, sagt Nowell, die zur letzten Einschätzung der Weltnaturschutzunion über afrikanische Löwen beigetragen hat. Die Tiere werden als „gefährdet“ eingestuft.

Von 1993 bis 2014 schrumpfte der wilde Bestand afrikanischer Löwen im 43 Prozent auf weniger als 20.000 Tiere, wie die Weltnaturschutzunion berichtet. Der Verlust von Lebensraum und der Rückgang von Beutetieren durch den Handel mit Wildfleisch nötigen sie zu dem gefährlichen Kontakt mit Menschen und ihrem Vieh. Jene Großkatzen, die Vieh reißen, werden aus Rache oft getötet. Der Umstand, dass die Tiere nun auch zunehmend für ihre Körperteile gejagt werden, verschlimmert das Problem noch.

Die Klauen, die auf einem Kunsthandwerkermarkt in Peking verkauft werden, werden als Tigerklauen angepreist. Viele Verkäufer verkaufen Körperteile von Löwen als Tigerteile, die für den ungeübten Betrachter sehr ähnlich aussehen.

Laut dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA oder CITES) ist der kommerzielle Handel mit Körperteilen wilder Löwen verboten. In Südafrika, wo es Tausende Löwen in Gefangenschaft gibt, können solche Körperteile allerdings legal exportiert werden – bis zu 800 Skelette finden so jedes Jahr ihren Weg außer Landes. Laut CITEs gehen die meisten davon nach Laos und Vietnam, wo ihre Knochen als Ersatz bei der Herstellung von Tigerknochenwein dienen. Dieser gilt als Statussymbol und wird bei der Behandlung diverser Leiden eingesetzt. Er soll dem Trinkenden die „Stärke eines Tigers“ verleihen.

CITES vermerkt auch, dass während der letzten fünf Jahre etwa 150 Löwenklauen und -zähne von Südafrika nach China und Vietnam exportiert wurden. Diese Zahl ist aber nur die Spitze des Eisbergs beim Handel zwischen Afrika und Asien. Die Anzahl der illegalen Zähne und Klauen, die in diesem Zeitraum aus dem Besitz asiatischer Staatsangehöriger beschlagnahmt wurden, übersteigt die der legal gehandelten bei Weitem.

Nowell zufolge schürt der legale Handel Südafrikas die asiatische Nachfrage nach Löwenkörperteilen als Ersatz für Tigerkörperteile. Dadurch wird auch der illegale Handel mit Zähnen und Klauen wilder Löwen befeuert, was deren Zahl weiter reduziert.

Ein angeblicher Tigerzahn (Mitte) wird neben anderen Produkten auf einem Markt in Peking zum Verkauf angeboten.

“Wenn man damit handelt – egal, ob man Elfenbein, Nashorn-Hörner oder Körperteile von Löwen verkauft -, ist das alles derselbe Markt und dieselbe Art, die Ware außer Landes zu schaffen, was die involvierten Leute auf den verschiedenen Ebenen wissen“, sagt Peter Leitner. Er ist der Projektbeauftragte des Nationalparks Limpopo für die Peace Parks Foundation, einer gemeinnützigen Gruppe, die dabei hilft, grenzübergreifende Schutzgebiete zu etablieren. „Es ist eine Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Es ist also ein weiteres Produkt. Es besteht kein Zweifel daran, dass dafür dieselben Leute benutzt werden.“

Was in Limpopo vor sich geht, dient als ernüchternde Fallstudie. In den letzten drei Jahren haben Wilderer die Zähne und Klauen von 20 der Löwen des Parks erbeutet und den bekannten Bestand damit um 15 Prozent reduziert. Das warf auch die Sorge auf, dass die Großkatzen in manchen Gebieten ausgerottet werden könnten.

Nowell vermutet, es könnte praktische Gründe haben, dass die Wilderer die Löwen für ihre Krallen und Zähne anstatt für ihr Fell oder ihre Knochen töten. „Das kann ein ziemlicher Prozess sein, das Tier zu zerteilen und die Knochen zu entfernen. Und ein ganzer Löwenkadaver ist ziemlich schwer zu tragen. Man kann also schnell wieder weg, wenn man nur einen Teil mitnimmt. Zudem sind Zähne und Klauen einfacher zu schmuggeln.“

Derzeit stellen Steyl zufolge organisierte Kriminelle die größte Gefahr für den Park dar. Sie fangen die Beutetiere der Löwen mit Fallen und vergiften ihre Kadaver, um die Großkatzen zu töten. Den Park zu überwachen, sei dabei gar nicht so einfach: „Der Verbrecher hat den Vorteil immer auf seiner Seite, da wir nicht wissen, wo er gerade ist. Wir haben einen großen Park – 1,1 Millionen Hektar. Das ist also eine große Fläche, die es abzudecken gilt.“

Aber Limpopo wehrt sich.

In einem abgelegenen Camp wurden an einem warmen Aprilmorgen 40 neue Rekruten trainiert. Die meisten von ihnen würden später das Außenteam der Parkangestellten verstärken. Im Rahmen einer Übung schlichen die Rekruten mit automatischen Waffen durch die Savanne, bevor sie einen „Wilderer“ überraschten und ihn festnahmen. Ein paar der Rekruten werden Teil einer speziellen Anti-Wilderer-Einheit, die die Löwen schützen soll.

“Wir würden gern vor Ort sein, bevor der Löwe getötet wird“, sagt Leitner. Dafür wird das Team darin ausgebildet, der Spur der Löwen zu folgen, nach Fußabdrücken von Wilderern zu suchen, Fallen zu entfernen und vergiftete Kadaver wegzuschaffen, bevor die Löwen davon fressen.

Außerdem hat sich der Park einen neuen Hubschrauber und neue Fahrzeuge zugelegt und ein System zur Bezahlung von Informanten eingerichtet, das greift, wenn es zu erfolgreichen Verhaftungen kommt. „Wir versuchen also, diesen Kampf mit Informationen zu führen. Das ist die effizienteste Art, das zu tun“, so Leitner.

TIGER ODER LÖWE?

Laut Untersuchungen gemeinnütziger Organisationen und den Aussagen Nowells versuchen einige Verkäufer auch, Zähne und Klauen von Löwen als Körperteile von Tigern zu verkaufen. Sofern man kein Experte für Großkatzen ist, wird man den Unterschied kaum erkennen könnten.

Auf einem großen Kunsthandwerkermarkt südlich von Pekings Stadtzentrum gibt es Anhänger aus Zähnen von Wölfen und Bären, Haarschmuck aus Schuppentier-Schuppen und bei etwa sechs Ständen sogar angebliche Tigerzähne und -klauen.

„Man bohrt einfach ein Loch durch das untere Ende des Zahns und trägt ihn als Halskette“, sagte ein Mann, der anonym bleiben wollte. Er verkaufte zwei vergilbte Zähne für 1.600 Yuan (etwa 250 Dollar), die ihm zufolge von Tigern aus Bangladesch stammen sollen. „Er wird Sie beschützen“, sagte er.

An einem anderen Stand pries eine junge Frau Tigerklauen für bis zu 65 Dollar pro Stück an, je nach Größe. „Nehmen sie eine schwarze Schnur, binden Sie sie zusammen, hängen Sie sie um und tragen Sie ihn wie eine Halskette“, sagte sie. (Auch sie wollte ihren Namen nicht nennen.) Solche Gegenstände würden die Vitalität und Stärke des Tigers repräsentieren, wie sie erklärte. „Wenn Sie sie tragen, werden sie Sie beschützen.“ Da Tiger vom Aussterben bedroht sind, sind solche Produkte illegal. Die Frau sagte aber, dass Käufer aus dem Ausland sie in eine Kiste legen und behaupten können, es würde sich Kunsthandwerk darin befinden.

Heutzutage findet ein großer Teil des Handels mit Wildtierprodukten auch online statt. Auf Taobao – einer chinesischen Seite, die ein Ableger von Alibaba ist – habe ich Anhänger aus Löwenzähnen im Angebot gefunden. Einer kostete 126 Dollar.

Zu keiner anderen Zeit war Afrikas König der Tiere so sehr bedroht. Artenschützer drängen zu strengeren Gesetzen, um den illegalen Handel zu bekämpfen, und fordern sogar ein Verbot. „Die Löwen sind in Not“, sagt Nowell. „Man befürchtet, dass dieses Problem mit dem Handel eskalieren und außer Kontrolle geraten könnte, wie das schon beim Tiger der Fall war.“

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