Tiere

Seltene Primatenzwillinge haben verschiedene Väter

Wissenschaftler waren von der Entdeckung der Zwillinge überrascht, da für gewöhnlich nur eines der Jungtiere überlebt.Freitag, 12. Oktober 2018

Von National Geographic
Dieses Bärenmakaken-Weibchen TNG-F19 ist die Mutter von Zwillingen. Die beiden sitzen auf ihrem Schoß, als ein anderer Bärenmakak sich ihnen nähert.

Zwillinge sind eine echte Seltenheit unter Primaten wie den Meerkatzenverwandten (Cercopithecidae), da die erfolgreiche Aufzucht eines Jungtiers eine Menge Zeit, Energie und Nahrung verbraucht. Daher waren Wissenschaftler positiv überrascht, als sie den ersten bekannten Fall von Zwillingen in einer wildlebenden Gruppe Bärenmakaken (Macaca arctoides) entdeckten. Die Tiere leben in einem bewaldeten Hügelgebiet in Zentralthailand.

Obwohl sich die Zwillinge einen Mutterleib geteilt haben, haben sie unterschiedliche Väter, wie die Wissenschaftler durch einen Vaterschaftstest feststellten. Der ungewöhnliche Fall wurde in einer Studie beschrieben, die im Fachmagazin „Mammal Study“ erschienen ist.

Auch wenn es sich um wilde Tiere handelt, werden sie manchmal von Menschen gefüttert. Das könnte erklären, wie die Zwillinge überlebt haben, sagt Aru Toyoda. Der Primatologe der Chubu University ist der Hauptautor der besagten Studie.

Wenn Affen Zwillinge gebären, verstößt die Mutter oft eines der Jungtiere, da es zu schwierig wäre, sich um beide zu kümmern, erklärt Lori Sheeran. Die Primatologin und Professorin für Anthropologie an der Central Washington University war an der jüngsten Studie nicht beteiligt.

Die Mutter der Zwillinge. Eines ihrer Jungtiere hängt an ihrem Hals, während das andere auf ihrem Rücken hockt.

„Das ist keine Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion, wo es keinen großen Unterschied macht, ob man eins mehr hat. Primatenkinder sind so energieaufwändig, dass man [mit zweien] vermutlich auch die doppelte Belastung hat“, so Sheeran.

Bärenmakaken leben in gemischtgeschlechtlichen Gruppen. Zwar spielen mitunter auch andere Gruppenmitglieder mit dem Nachwuchs, aber der Großteil der Pflege obliegt der Mutter.

Geburten mit jeweils nur einem Jungtier sind Teil einer evolutionären Strategie, bei der zwar weniger Nachwuchs geboren, in jedes Jungtier dafür aber mehr Energie investiert wird. „Wir interessieren uns sehr für Fälle, bei denen dieses Muster durchbrochen wird“, sagt Sheeran. „Die Weibchen sehen sich nun mit dem Problem konfrontiert, dass sie sich gleichzeitig um mehr als ein Kind kümmern müssen.“

Sheeran hatte zuvor schon Tibetmakaken (Macaca thibetana) mit Zwillingen beobachtet. Die Mutter musste sich an die Doppelbelastung anpassen, indem sie weniger umherlief und stattdessen energiereichere Nahrung für ihre Jungtiere suchte.

Im Gegensatz zu ihren dunkelbraunen Eltern haben die kleinen Bärenmakaken relativ helles Fell und helle Haut. Damit fallen sie zwischen der grünen Vegetation auch mehr auf. Diese thailändische Population umfasst um die 400 Tiere. Toyoda verbrachte etwa 21 Monate damit, sie zu beobachten. In dieser Zeit sah er 114 Geburten – nur in einem Fall handelte es sich um Zwillinge.

In den gemischtgeschlechtlichen Gruppen paaren sich die Weibchen während des Eisprungs mit mehreren Männchen. Wenn der seltene Fall eintritt, dass ein Weibchen zwei fruchtbare Eier hat, könne es leicht passieren, dass die Eier von zwei unterschiedlichen Männchen befruchtet werden, so Toyoda. Der Forscher wurde durch ein Young Science Explorer Grant der National Geographic Society gefördert.

Bei dieser Population von Bärenmakaken treten zudem öfter zusätzliche Zitzen auf. Das sei deshalb interessant, weil in einem anderen Fall von Zwillingen die Mutter ebenfalls zusätzliche Zitzen hatte, erklärt Jim Moore, ein Anthropologe der University of California San Diego.

Weibliche Bärenmakaken und ihr Nachwuchs versammeln sich oft in Gruppen. Die Zwillingsmutter TNG-F19 sitzt in der Mitte und hat beide Zwillinge auf ihrem Schoß.

Moore veröffentlichte eine Studie über eine Population von Formosa-Makaken (Macaca cyclopis) mit zusätzlichen Zitzen, in der es ebenfalls zu einer Zwillingsgeburt kam. „Wenn sie noch eine dritte Population finden, ist das schon ein Muster.“ Bis dahin sei es aber nur ein interessanter Fund, wie er sagt. In der aktuellen Studie scheinen die Zwillinge zudem in keinem Zusammenhang zu den zusätzlichen Zitzen zu stehen.

Toyoda musste seinen Forschungsort verlassen, als die Zwillinge fünf Monate alt waren. Als er im folgenden Jahr zurückkehrte, hatte die Mutter ein neues Jungtier. Er glaubt, dass sich beide Zwillinge unter den halbstarken Tieren der Gruppe befinden, auch wenn er das nicht mit Sicherheit sagen kann.

„Das Interessanteste dabei ist, darüber nachzudenken, wie sich die Mutter an die Bedürfnisse ihres Nachwuchses anpasst“, sagt Sheeran. Um für beide Junge zu kompensieren, ist die Mutter wohl aktiver, was sich vielleicht gar nicht so sehr vom menschlichen Verhalten unterscheidet. „Ich weiß zwar nicht, ob das auch [perfekt] auf Menschen zutrifft, aber ich wette, dass Mütter von Zwillingen es vielleicht genau so beschreiben würden.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht

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