Tiere

Evolution: Mehr Elefanten ohne Stoßzähne durch Wilderei

Noch ist nicht klar, wie das Merkmal vererbt wird und wie sich das Verhalten der Elefanten dadurch verändert. Mittwoch, 14 November

Von Dina Fine Maron

Die ältesten Elefanten, die durch den Gorongosa-Nationalpark in Mosambik streifen, tragen die unauslöschlichen Spuren des Bürgerkriegs an sich, der das Land 15 Jahre lang fest im Griff hatte. Viele von ihnen haben keine Stoßzähne. Sie sind die einsamen Überlebenden eines Konflikts, der etwa 90 Prozent der Elefanten im Land das Leben gekostet hat. Viele wurden für ihr Elfenbein getötet, mit dessen Verkauf Waffen finanziert wurden, und für ihr Fleisch, von dem sich die hungrigen Kämpfer ernährten.

Durch die Jagd hatten Elefanten ohne Stoßzähne in Gorongosa einen Vorteil. Aktuelle Zahlen deuten darauf hin, dass ein Drittel der jüngeren Weibchen – die Generation, die nach dem Ende des Krieges 1992 geboren wurde – niemals Stoßzähne ausbildete. Für gewöhnlich kommt dieses Merkmal nur in etwa 2 bis 4 Prozent der weiblichen Afrikanischen Elefanten vor.

Noch vor einigen Jahrzehnten lebten um die 4.000 Elefanten in Gorongosa, sagt Joyce Poole. Die Expertin für Elefantenverhalten und National Geographic Explorer erforscht die Dickhäuter des Parks. Nach dem Bürgerkrieg verringerte sich der Bestand jedoch auf eine dreistellige Zahl. Aktuelle Forschungsdaten von Poole, die sie bisher noch nicht veröffentlicht hat, zeigen, dass von den 200 bekannten ausgewachsenen Weibchen 51 Prozent der Tiere, die den Krieg überlebt haben – also mindestens 25 Jahre sind –, keine Stoßzähne haben. Außerdem haben 32 Prozent der Weibchen, die nach dem Krieg geboren wurden, ebenfalls keine Stoßzähne.

Die Zähne der männlichen Elefanten sind schwerer und größer als die gleichaltriger Weibchen, sagt Poole. Wenn eine Population durch Wilderei jedoch bereits ausgedünnt wurde, „fangen die Wilderer an, auch auf die älteren Weibchen abzuzielen“, erklärt sie. „Mit der Zeit steigt in der älteren Population der Anteil der Weibchen ohne Stoßzähne.“

Dieser Trend beschränkt sich jedoch nicht nur auf Mosambik. Auch andere Länder, in denen im großen Umfang gewildert wurde, verzeichnen einen ähnlichen Wandel unter den weiblichen Überlebenden und ihren Töchtern. In Südafrika zeigt sich dieser Effekt besonders deutlich: Anfang der 2000er hatten ganze 98 Prozent der 174 Weibchen im Addo-Elephant-Nationalpark keine Stoßzähne.

„Die Häufigkeit des Stoßzahnmangels in Addo ist wirklich bemerkenswert und unterstreicht die Tatsache, dass starke Wilderei mehr anrichtet, als einfach nur Individuen aus dem Bestand zu entfernen“, sagt Ryan Long, ein Verhaltensökologe der University of Idaho und National Geographic Explorer. Die „Erforschung der Konsequenzen dieser dramatischen Veränderungen in den Elefantenpopulationen beginnt gerade erst“.

Josephine Smit erforscht das Verhalten von Elefanten im Rahmen des Southern Tanzania Elephant Program. Ihr zufolge haben im Ruaha-Nationalpark – ein Gebiet, das in den Siebzigern und Achtzigern stark von Wilderern bejagt wurde – 21 Prozent der Weibchen, die älter als fünf Jahre sind, keine Stoßzähne. Genau wie in Gorongosa steigt der Anteil dieser Weibchen, je älter die Population ist. Von den über 25-jährigen weiblichen Tieren haben 35 Prozent keine Stoßzähne, wie sie erzählt. (Smit, eine Doktorandin der schottischen University of Sterling, hat ihre Ergebnisse im vergangenen Dezember auf einer Konferenz vorgestellt, aber noch nicht veröffentlicht.)

In einigen illegal bejagten Gebieten wie dem Süden Kenias hat die Wilderei auch dafür gesorgt, dass die Größe der Stoßzähne zurückging. Eine Studie aus dem Jahr 2015, die von der Duke University und dem Kenya Wildlife Service durchgeführt wurde, verglich die Stoßzähne von Elefanten, die dort zwischen 2005 und 2013 erfasst wurden, mit denen von Elefanten, die zwischen 1966 und 1968 (also vor den umfassenden Wildereiaktivitäten, die in den späten Siebzigern begannen) getötet wurden. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede. Die Überlebenden jener Periode, in der die Tiere intensiv gejagt wurden, hatten deutlich kleinere Stoßzähne – bei Männchen waren sie ungefähr ein Fünftel kleiner und bei Weibchen mehr als ein Drittel.

Diese Tendenz spiegelt sich auch bei ihrem Nachwuchs wieder. Im Schnitt waren die Stoßzähne männlicher Elefanten, die nach 1995 geboren wurden, 21 Prozent kleiner als bei Männchen aus den Sechzigern. Die Autoren der Studie merken zwar an, dass es bisher nur indirekte Beweise für eine genetische Komponente der Stoßzahngröße gibt, aber Studien an Mäusen, Pavianen und Menschen haben gezeigt, dass die Größe von Schneidezähnen (bei Elefanten entspricht das den Stoßzähnen) erblich ist und „wesentlich von den Genen beeinflusst wird“.

Ein Leben ohne Stoßzähne

Trotz dieser von Menschen herbeigeführten Welle der Stoßzahnlosigkeit scheinen die betroffenen Elefanten zu überleben und wirken gesund, wie Poole sagt. Die Wissenschaftler vermuten sogar, dass ein entsprechend großer Anteil von Tieren mit diesem Nachteil das Verhalten von Individuen und Gruppen verändern könnte. Sie wollen herausfinden, ob solche Tiere beispielsweise ein größeres Streifgebiet als andere Elefanten haben, weil sie womöglich mehr Fläche absuchen müssen, um Nahrung zu finden.

Stoßzähne sind im Grunde nichts anderes als übermäßig große Zähne. Im täglichen Leben der Elefanten kommen sie bei vielen Aufgaben zum Einsatz: beim Graben nach Wasser oder Mineralien im Boden, beim Entrinden von Bäumen und beim Kampf um Weibchen.

Die Arbeit, die Elefanten mit ihren Stoßzähnen verrichten, kommt auch anderen Tieren zugute. Die Rolle der Elefanten „als Schlüsselart, die Bäume umwirft und Wasserlöcher gräbt, ist für eine Vielzahl kleinerer Tiere wichtig, die auf diese Leistungen angewiesen sind“, so Long. Mit ihren Stoßzähnen schaffen die Dickhäuter neue Lebensräume. Manche Eidechsen leben beispielsweise am liebsten in Bäumen, die von Elefanten umgeworfen oder zerstört wurden.

Wenn sich das Leben der Elefanten verändert (beispielsweise ihr Streifgebiet oder die Geschwindigkeit, in der sie weiterziehen), könnte das Folgen für das gesamte Ökosystem haben. „Jede dieser Verhaltensänderungen könnte sich auf die Verteilung der Elefanten innerhalb ihres Lebensraums auswirken. Gerade diese weitreichenden Veränderungen werden wahrscheinlich Folgen für das restliche Ökosystem haben“, sagt Long.

Er und ein Team aus Ökologen und Genforschern untersuchen nun, wie Elefanten ohne Stoßzähne ihren Alltag bewältigen. Im Juni begann das Team, sechs ausgewachsene Weibchen aus drei unterschiedlichen Herden in Gorongosa zu beobachten – drei von ihnen haben Stoßzähne und drei nicht. Sie versahen sie mit GPS-Halsbändern, nahmen Blut- und Stuhlproben und wollen sie für die nächsten paar Jahre im Auge behalten – oder bis die Batterien in den Halsbändern ihren Dienst versagen. In diesem Zeitraum wollen sie regelmäßig weitere Stuhlproben nehmen, um Rückschlüsse auf die Ernährungsweise der Elefanten zu ziehen.

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So wollen sie mehr darüber erfahren, was die Elefanten fressen, wie ihr Genom aufgebaut ist und wie sie sich durch die Landschaft bewegen. Long erhofft sich vor allem Details darüber, wie Elefanten ohne Stoßzähne ihr Verhalten anpassen, um an Nährstoffe zu gelangen. Rob Pringle von der Princeton University wird die Stuhlproben analysieren, um mehr über die Ernährungsweise und das Mikrobiom im Darm der Elefanten zu erfahren. Sein Kollege und Evolutionsbiologe Shane Campbell-Staton wird sich mit dem Blut der Elefanten beschäftigen, um herauszufinden, wie genetische Faktoren das Ausbleiben von Stoßzähnen beeinflussen.

Die genaue Vererbung dieses Merkmals sei „rätselhaft“, so Campbell-Staton. Bei Weibchen scheint es unverhältnismäßig oft aufzutreten. Männchen ohne Stoßzähne könnten nicht wirklich um Weibchen kämpfen. Wenn das Merkmal für die Stoßzähne aber mit dem X-Chromosomen zusammenhängen würde, sollte man meinen, dass es eine Menge stoßzahnloser Männchen geben würde, da sie ihr X-Chromosom stets von ihrer Mutter erhalten. „Aber dem ist nicht so“, sagt Campbell-Staton. „Männchen ohne Stoßzähne sind bei Afrikanischen Elefanten enorm selten.“

Das bestätigt auch Joyce Poole. In ihrer gesamten Karriere hat sie nur drei oder vier Männchen ohne Stoßzähne gesehen, und keines davon in Gorongosa.

Problemlösung

Bisher wurden das Verhalten und die Ernährungsweise der stoßzahnlosen Elefanten noch nicht formal mit denen anderer Elefanten verglichen, die Stoßzähne haben. Smit hat allerdings schon beobachtet, dass die betroffenen Tiere sich auch anders zu helfen wissen.

„Ich habe auch stoßzahnlose Elefanten schon Rinde fressen sehen. Sie können die Rinde mit ihrem Rüssel entfernen und benutzen manchmal auch ihre Zähne.“ Mitunter profitieren sie womöglich auch von dem Verhalten ihrer Artgenossen, wie sie sagt. Vielleicht nehmen sie sich andere Bäume vor, die einfacher zu entrinden sind, oder Bäume, die bereits von anderen Elefanten bearbeitet wurden, sodass sie einen Ansatzpunkt haben, um die Rinde abzuziehen.

Wie lange genau es dauern könnte, bis sich eine Population mit vielen stoßzahnlosen Elefanten wieder erholen würde, ist nicht bekannt und hängt wohl auch von verschiedenen Faktoren ab. Asiatische Elefanten haben beispielsweise eine lange Geschichte der intensiven Bejagung hinter sich. Viele wurden für ihre Stoßzähne gejagt und getötet oder für die Arbeit eingefangen. Das begünstigte wahrscheinlich die große Zahl stoßzahnloser Elefanten.

„Bei Asiatischen Elefanten haben die Weibchen überhaupt keine Stoßzähne. Je nach Population und Land haben auch die meisten Männchen keine Stoßzähne“, erklärt Poole. Warum genau bei diesem Merkmal ein so großer Unterschied zwischen Asiatischen und Afrikanischen Elefanten besteht, wurde bisher nicht geklärt.

Poole und andere Forscher verweisen jedoch darauf, dass sowohl in Afrika als auch in Asien jene Gebiete, in denen Elefanten für ihr Elfenbein stark gejagt wurden, einen besonders hohen Anteil an Tieren ohne Stoßzähne aufweisen. Das bekräftigt die Vermutung, dass Menschen das größte Landsäugetier der Erde nachhaltig verändert haben.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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