Tiere

Ausgestorben: Lonely George, Sinnbild des Schneckensterbens

Das Artensterben der hawaiianischen Baumschnecken schreitet ungebremst voran. Die Folgen für das Ökosystem Wald zeigen sich bereits. Donnerstag, 10 Januar

Von Christie Wilcox

Die einsamste Schnecke der Welt hat es hinter sich.

George, eine hawaiianische Schnecke der Gattung Achatinella, war das letzte bekannte Exemplar seiner Art, Achatinella apexfulva. Am 1. Januar 2019 verstarb das Weichtier. Es wurde 14 Jahre alt, was für solche Schnecken eine beachtliche Leistung ist.

George wurde Anfang der 2000er in einer Zuchtstation der University of Hawaii in Mānoa geboren. Wenig später starben seine letzten lebenden Verwandten. So erhielt er seinen Namen – er wurde nach Lonesome George benannt, jener Galápagos-Riesenschildkröte (Chelonoidis nigra abingdonii), die ebenfalls das letzte Exemplar ihrer Art war.

Zehn Jahre lang suchten Forscher nach einem Artgenossen für George, mit dem er sich fortpflanzen könnte – vergebens. (Obwohl Schnecken Hermaphroditen sind, sprechen die Forscher in der männlichen Form von George.)

„Ich bin traurig, aber eigentlich bin ich noch viel wütender, weil das so eine besondere Art war, aber kaum jemand von ihr wusste“, sagt Rebecca Rundell, eine Evolutionsbiologin der State University of New York, die früher bei der Pflege von George und seinen Verwandten geholfen hat.

Zeit seines Lebens war George das Gesicht der hawaiianischen Schnecken, die in ihrer Heimat bedroht sind. Sein Tod wirft ein Licht auf die schiere Artenvielfalt der in Hawaii heimischen Schnecken – aber auch auf ihren verzweifelten Überlebenskampf.

„Ich weiß ja, dass es nur eine Schnecke ist. Aber sie symbolisiert etwas viel Größeres“, sagt David Sischo, ein Wildtierbiologe der hawaiianischen Behörde für Landnutzung und Ressourcen und der Koordinator des Programms zur Bekämpfung des Schneckensterbens.

Stille im Wald

Einst waren Schnecken auf den Inseln allgegenwärtig. Schon der Verlust einer Art ist ein Schlag für das Ökosystem. Berichten aus dem 19. Jahrhundert zufolge konnte man an einem einzigen Tag 10.000 oder noch mehr Schneckenhäuser sammeln. „Alles, was im Wald so zahlreich vorhanden ist, ist ein integraler Bestandteil desselben“, erklärt Michael Hadfield. Der Biologe ist auf wirbellose Tiere spezialisiert und betrieb bis in die späten 2000er ein Zuchtprogramm für seltene hawaiianische Schnecken.

Und davon gibt es eine Menge: Einst lebten mehr als 750 Arten von Landschnecken in Hawaii und erfüllten dort eine Vielzahl ökologischer Rollen.

Einige Arten übernahmen die Rolle von Destruenten – ähnlich Regenwürmern, die auf den Inseln nicht heimisch sind – und zersetzten organische Materie.

Die Mitglieder der Achatinella spezialisierten sich dabei auf die schleimigen Ablagerungen, die sich auf Blättern bilden. Durch den Verzehr reduzieren sie die Menge an Pilzen auf den Blättern, während sie gleichzeitig zu einer vielfältigeren Zusammensetzung der Pilzgemeinschaft beitragen. Womöglich waren die betreffenden Bäume dadurch auch besser vor Krankheiten geschützt. Einige Biologen zumindest glauben, dass eine gesunde Schneckenpopulation das derzeitige Sterben der heimischen ʻŌhiʻa-Bäume (Metrosideros polymorpha) hätte verhindern können, die von einem pathogenen Pilz heimgesucht werden.

Auf gewisse Weise ähneln sie Vögeln oder Säugetieren sogar mehr als andere wirbellose Tiere: Für gewöhnlich erreichen die meisten von ihnen die Adoleszenz, brauchen dann noch weitere fünf oder mehr Jahre, um die Geschlechtsreife zu erlangen, und produzieren weniger als zehn Nachkommen pro Jahr. In hawaiianischen Legenden werden sie als kunstvolle Sänger verehrt und gelten als „Stimme des Waldes“. (Der Grund dafür ist nicht bekannt, da die Schnecken keine hörbaren Geräusche von sich geben.)

Gefährdete Vielfalt

Vor etwa einem Jahrzehnt nahm man gemeinhin an, dass mehr als 90 Prozent der hawaiianischen Schneckenarten ausgestorben waren. Dutzende der vermeintlich verlorenen Arten wurden jedoch wiederentdeckt – zusammen mit ein paar bis dahin unbekannten Verwandten.

Jene Schnecken, die noch auf Hawaii verblieben sind, kämpfen um ihr Überleben. Die meisten leben nur noch in einem einzigen Tal oder auf einem einzigen Bergkamm. In den letzten Jahren beschleunigte sich ihr Rückgang, da invasive Raubtiere in ihre letzten Zufluchtsorte vorgedrungen sind.

„Einige Populationen haben wir mehr als zehn Jahre lang beobachtet und sie schienen stabil. [...] Binnen der letzten zwei Jahre sind sie dann komplett verschwunden“, sagt Sischo. „Das hat uns alle niedergeschmettert und wir haben geweint.“

Wahrscheinlich werde diese Schnecken binnen weniger Monate oder Jahre aussterben, sagt Sischo – sofern sie in der Wildnis nicht besser geschützt oder aber ins Labor geholt werden.

Auf der ganzen Welt spielt sich Ähnliches ab. Landschnecken machen 40 Prozent der bekannten Arten aus, die seit dem Jahr 1500 ausgestorben sind. Viele weitere sind vermutlich verschwunden, bevor sie wissenschaftlich überhaupt erfasst wurden. Auf etliche kommt dieses Schicksal aktuell zu. Wenn es an Georges Tod überhaupt etwas Positives gibt, dann vielleicht, dass er ein Licht auf dieses Artensterben wirft, das sich still und leise im Verborgenen abspielt.

Dramatischer Bestandseinbruch

An dem Rückgang der Schneckenpopulationen sind vor allem invasive Arten schuld. Vor allem die Rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea) frisst sich durch ganze Bestände. Ursprünglich wurde sie von Menschen auf die Inseln gebracht, um ein anderes eingeschlepptes Weichtier zu vertilgen: die Große Achatschnecke. An den einheimischen Arten fand sie jedoch eher Geschmack und frisst sich seit 1955 mit alarmierender Geschwindigkeit durch das Ökosystem.

Forscher vermuten, dass die steigende Regenmenge und die höheren Temperaturen es der Wolfsschnecke ermöglicht haben, in die letzten Zufluchtsgebiete der hawaiianischen Baumschnecken vorzudringen, die in größeren Höhen liegen. Auch die lange Lebenserwartung der Schnecken mag das Schrumpfen ihres Bestandes zunächst überspielt haben, da einige Populationen noch lange existierten, obwohl sie gar keinen Nachwuchs mehr hervorbrachten.

Aber als ein gewisser Punkt erst einmal überschritten war, ging es rapide bergab. Die Ökologin Melissa Price von der University of Hawaii in Mānoa findet mit Hilfe der Molekulargenetik mehr über die Ökologie und Evolution der Tiere heraus. Vergangenen April starb ihre Lieblingsart A. lila in der Wildnis aus. Vor drei Jahren half sie dabei, die letzte wilde Population zu zählen. An einem Bergkamm am Punaluʻu-Tal und der Kāneʻohe-Bucht lebten noch etwa 300 Exemplare.

„Das war einfach der zauberhafteste Ort auf Erden und dann hingen da diese wunderschönen, regenbogenfarbenen Schnecken von den Bäumen“, erinnert sie sich. Aber als die Wissenschaftler letztes Jahr dorthin zurückkehrten, hatten sie nach 20 Stunden der Suche nur ein einziges Exemplar gefunden.

Das Gleiche war mit anderen Schnecken auf den anderen Inseln geschehen. „Sie verschwinden plötzlich einfach“, beklagt sie den Verlust. „Die ganze taxonomische Gruppe steht kurz vor der Ausrottung.“

In den Achtzigern galt die gesamte Gattung hawaiianischer Baumschnecken als stark gefährdet. Hadfield etablierte daher ein Zuchtprogramm und hoffte, die seltensten Arten so retten zu können. „Uns war klar, dass wir die letzten dieser Schnecken sahen“, sagt er.

Alles, was bleibt

In jenem Labor an der University of Hawaii in Mānoa wurde Anfang der 2000er George geboren. Seine Eltern wurden 1997 zusammen mit einer Handvoll Artgenossen von Bäumen in der Nähe des Poahomo Trail auf Oahu gesammelt, wo die letzte bekannte Population lebte.

Sie zeugten nur ein paar wenige Nachkommen und überlebten nicht lange. Mitte der 2000er „starben alle Achatinella apexfulva mit Ausnahme eines Jungtiers, und das war George“, sagt Sischo.

Unter den Schneckenforschern wurde es zur Tradition, an dem Ort anzuhalten, an dem die letzten Exemplare von A. apexfulva gefunden wurden, und die Bäume mit Ferngläsern abzusuchen. „Wir haben immer gehofft, dass wir noch mehr finden würde“, sagt Hadfield. Aber niemand bekam je eine weitere zu Gesicht. So kam es, dass George im Jahr 2012 zwar seine Geschlechtsreife erreichte, aber keine Partnerin hatte. Die Schnecke lebte mehr als zehn Jahre lang in ihrem eigenen Terrarium und verstarb am ersten Tag des Jahres 2019.

Georges Überreste wurden in Ethanol konserviert, während sein Haus an die malakologische Sammlung des Bernice Pauahi Bishop Museum ging, die bereits mehr als zwei Millionen Exemplare hawaiianischer Landschnecken umfasst. (Die Malakologie ist das Forschungsgebiet für Weichtiere.)

Bereits im Jahr 2017 wurde ein winziges Stück von Georges Körper vorsichtig abgeschnitten und an Wissenschaftler des „Frozen Zoo“ am San Diego Zoo Institute for Conservation Research geschickt. Die Probe soll DNA liefern, falls die Wissenschaftler George je klonen wollen. Derzeit ist das zwar technisch noch nicht möglich, aber in naher Zukunft wird sich das wahrscheinlich ändern. Jedes Tier, das in dem Zuchtprogramm stirbt, wird konserviert. Hadfield zufolge ist es manchmal sogar möglich, DNA aus alten Schneckenhäusern zu gewinnen, sodass eine ausreichende genetische Vielfalt vorhanden sein sollte, um die Art wiederzubeleben. Sofern aber ihre heimischen Wälder nicht wiederhergestellt und invasive Arten entfernt werden, gibt es für sie keine sichere Heimat.

In der Liebeshütte

George hat die letzten zwei Jahre seines Lebens in einem 3,5 mal 13,5 Meter großen Sattelauflieger in Oahu verbracht, der sich den Spitznamen Love Shack (dt.: Liebeshütte) eingefangen hat. Das Zuchtprogramm, das 2016 offiziell von Sischo und seinem Snail Extinction Prevention Program übernommen wurde, zählt 30 Arten hawaiianischer Schnecken, die in der Wildnis entweder ausgestorben oder enorm selten sind. Von mehreren der 30 Arten gibt es nicht mal mehr 50 Exemplare.

Die Pflege von 2.000 Schnecken ist zudem nicht einfach. Die Tiere leben in sorgsam gebauten und eingerichteten Terrarien in sechs großen, klimatisierten Kammern mit entsprechender Beleuchtung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Etwa jeden zweiten Tag bekommen sie eine Ladung frischer Zweige ihrer Wirtsbäume, um die Algen und Pilze auf den Blättern zu fressen. Außerdem kultiviert das Team heimische Baumpilze, die die Schneckenkost ergänzen.

Die Forscher hoffen, dass ihre Bemühung das Verschwinden weiterer Arten verhindern können – und dass George auch nach seinem Tod noch helfen wird, auf das Problem aufmerksam zu machen.

„Das Aussterben der Landschnecken hat nicht gerade viel Publicity bekommen“, sagt Rundell, „obwohl diese Arten ein wichtiger Teil des Lebens auf Erden sind. Wenn sie anfangen auszusterben, heißt das, dass etwas ganz gewaltig schiefläuft in der Umwelt, die auch uns am Leben hält.“

„Wir trauern alle um George, aber ich hoffe umso mehr, dass es für diese heimischen Schnecken noch Hoffnung gibt“, sagt Norine Young, die die Malakologiesammlung am Bernice Pauahi Bishop Museum betreut. „Bitte vergesst sie nicht.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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