Tiere

Lektionen fürs Herz: Mit Tieren zu Fuß um die Welt

Auf den Spuren unserer Vorfahren sinniert der Autor Paul Salopek darüber, welche Bedeutung unsere tierischen Begleiter für uns haben. Mittwoch, 9 Januar

Von Paul Salopek

 „Kommen Sie, Sir.“

Das sagt der Mann, der mir dabei hilft, Raju zu beerdigen.

Raju war mein Packesel. Das zähe kleine Tier hat mich über tausende Kilometer hinweg durch Nordindien begleitet, bis es einem Fieber erlag. Der Mann, der mir dabei hilft, Steine über Rajus Leichnam aufzutürmen, ist ein Arbeiter, der Indiens niedrigster Kaste der Unberührbaren angehört. Viele Hindus glauben, dass es unvernünftig ist, an einem Schauplatz des Todes zu starke Emotionen zu zeigen. Deutliche Anzeichen von Trauer oder Sehnsucht könnten den Geist des Verstorbenen auf unserer irdischen Welt festhalten und verhindern, dass er seinen Weg aus Samsara heraus findet, dem schmerzlichen Zyklus von Tod und Wiedergeburt.

„Aaie!“, sagt mein Helfer – ein Versuch, mich von dem Grab wegzubewegen. Kommen Sie! Irgendwann gibt er auf und geht schließlich. Ich starre weiter auf den jämmerlichen Steinhaufen.

 

Sechs Jahre lang bin ich von Afrika aus zu Fuß durch die Welt gereist. Ich folge den Wegen der frühen Homo sapiens, die in eine unbekannte Welt aufbrachen. Auf dieser langen Wanderung begleiten mich oft Tiere: Kamele und Maultiere, manchmal ein Esel, gelegentlich auch ein geschundenes Pferd. Diese vierbeinigen Gefährten helfen mir, indem sie meine Campingausrüstung und meine Vorräte tragen. Die steinzeitlichen Pioniere, die diesen Weg vor mir beschritten, hatten so einen Luxus nicht. (Damals gab es noch keine domestizierten Tiere.)

Aber natürlich sind Tiere auch Lehrer.

In Kasachstan verschafften mir zwei Lastenponys ein tieferes Verständnis für ihre lichtdurchflutete Steppenwelt. Da ich bei der Wahl meiner Lagerplätze auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen musste, war ich gezwungen, diese minimale Landschaft wie ein Buch ganz genau zu lesen. Ich lernte die Grassorten, die dort wuchsen. (Einige Nahrungspflanzen enthalten mehr Proteine als andere.) Ich wurde gut darin, die subtilen Unebenheiten im Grasland zu finden, in denen sich geheime Wasserlöcher versteckten und in der Sonne schimmerten. So zeichneten die Pferde meine Karte von Zentralasien auf ihre Weise neu.

Andere Dinge, die ich von Tieren lernte, waren eher eine Lektion fürs Herz.

Im saudi-arabischen Jeddah rettete ich zwei Kamele, die mit gelber Farbe markiert waren – gezeichnet für das Schlachthaus. Gemeinsam durchquerten wir auf hunderten Kilometern die wüstenartige Hedschas-Landschaft. Der große Bulle, Fares, hätte mit seinem kräftigen Kiefer leicht meine Knochen brechen können. Oft lief er hinter mir und drückte mit seinen riesigen Zähnen sanft meine Schulter. Es war seine Art, mir zu sagen, dass der steinige Boden seinen Füßen unangenehm war. Kamele bevorzugen Sand.

Eine betagte Eseldame namens Kirkatir trottete mit mir durch die Türkei. Das 360 Kilogramm schwere Tier war äußerst verschroben. Eine ihrer Macken war es, die ganze Nacht lang vorwärts und wieder rückwärts zu laufen, hin und her. Das Klappern ihrer Hufe bescherte mir und meinem türkischen Reisegefährten schlaflose Nächte und trieb uns fast zur Verzweiflung. In der Hoffnung auf ein Heilmittel stellten wir ihre „Tanzschritte“ für einen verblüfften Tierarzt in einer kleinen Stadt nach. Bald hatte sich eine Menge um die Tür der Klinik geschart, um unsere Performance zu beobachten. Begeistert beklatschten sie unsere Blödelei. Auch so können uns unsere tierischen Begleiter als Bindeglied dienen. Sie schlagen uns Brücken zu unseren Mitmenschen.

Raju, mein indischer Esel – und der siebte Esel, der mich während meiner Weltreise schon begleitete – war darin unfassbar gut.

Das schmächtige graue Tier erntete nur Spott von den meisten Bauern, auf die wir trafen. Eseln mangelt es in der indischen Kultur an Respekt. Die großen Hindu-Gottheiten reiten auf heiligen Tiergeistern, den Vahanas: mächtige Löwen, gewaltige Elefanten, prächtige Pfauen. Einzig die indische Pockengöttin Shitala reitet auf einem Esel. Als wäre das noch nicht genug, fehlten Raju auch noch seine Ohren.

Niemand, auch nicht sein vorheriger Besitzer, wollte uns den Grund dafür verraten. Gerüchte deuteten jedoch auf das zeitlose Duo aus menschlicher Gier und Grausamkeit hin. Einige indische Bauern umgehen angeblich die Rückzahlung des Darlehens für Hoftiere, indem sie der Bank über behaupten, die Tiere seien gleich nach dem Kauf gestorben. Eine Möglichkeit, das zu beweisen, sind die abgeschnittenen Ohren der Tiere.

„Raju ist ein wandelnder Insolvenzschwindel“, sagte mein Reisegefährte Arati Kumar-Rao verärgert.

Trotzdem wusste er zu entzücken.

Rajus Geheimwaffen waren seine Unermüdlichkeit, Ausdauer und sein Mut. Er kämpfte sich durch die Weizenfelder von Punjab, über die Schotterebenen der Wüste Thar und durch den Monsunschlamm von Madhya Pradesh. Sein ohrloser Kopf bekam den halben Subkontinent zu sehen. Gaffer, die zunächst skeptisch waren, erkannten in ihm bald den Underdog. Sie feuerten ihn an.

Erst die roten Hügel am Chambal brachten ihn schließlich zu Fall.

In einer abgelegenen Bergbaustadt namens Sirmathura verlor er plötzlich seine Kraft. Er fraß nicht mehr. Sein Kopf hing kraftlos herab. Mein Reisegefährte Priyanka Borpujari und ich legten eine Pause ein, um ihn zu pflegen. Wir konsultierten Tierärzte. Sie verabreichten Raju Antibiotika. Wegen des Verdachts auf eine Kolik verschrieb ein Arzt eine Natronlösung, die wir ihm aus einer alten Plastikflasche durch seine zusammengebissenen Zähne einflößten. Wir gaben ihm Schmerzmittel. Wir hielten Wache. Am Nachmittag des fünften Tages fiel Raju auf seine Seite und stand nie wieder auf. Ich legte meine Hände auf seine zitternden Rippen und spürte, wie er seinen letzten, qualvollen Atemzug nahm.

Domestizierte Tiere begleiten uns nun schon so lange, dass es schwerfällt, sich ein Leben ohne sie vorzustellen. Dennoch bleibt unser Verhältnis zu Tieren paradox.

Wir erfinden „moralische“ Verhaltensrichtlinien, um die „niederen“ Lebensformen unseres Planeten zu schützen. (Beispiel: Die Society for the Prevention of Cruelty to Animals, Ethikrichtlinien für Tierversuche, Hunde-Wellness und so weiter). Aber wir halten es auch für angebracht, 65 Milliarden empfindungsfähige Lebewesen pro Jahr unter erbärmlichen Bedingungen zu züchten, nur um sie zu essen.

Raju ist das erste meiner Lasttiere, das während meiner Reise gestorben ist.

Als ich an seinem Grab in einem verlassenen Steinbruch in Nordindien stehe, spüre ich eine gewisse Leere in mir. Ich werde nicht mehr in Begleitung von Tieren reisen. Zumindest nicht für eine Weile. Aber ich erinnere mich noch daran, wie unterwegs ein mitfühlender saudi-arabischer Schlachter sein Messer vor seinen Schafen versteckte. Später schlage ich eine Passage in Matthew Scullys Buch „Dominion“ nach, an die ich mich nur noch vage erinnern konnte:

„Wie wir unsere Mitlebewesen behandeln, ist nur eine weitere Art und Weise, auf die ein jeder von uns tagtäglich seine eigene Grabinschrift schreibt – und entweder eine Botschaft von Licht und Leben in die Welt hinausträgt oder noch mehr Dunkelheit und Tod bringt, zur Freude oder zur Verzweiflung beiträgt [...] Vielleicht ist auch das die Aufgabe der Tiere, die unter uns leben: uns zu Demut zu bewegen, uns wieder auf die Geheimnisse des Lebens zu besinnen und unsere Herzen der furchtbar unpraktischen Hoffnung zuzuwenden, dass alles Leben mit einer Stimme spricht.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

Wei­ter­le­sen