Flamingos: Je pinker, desto aggressiver

Vögel mit intensiverer Rosafärbung sind tendenziell gesünder und beliebter bei Paarungspartnern. Doch sie fangen auch öfter Streit an.

Wednesday, August 19, 2020,
Von Virginia Morell
Zwergflamingos, Phoeniconaias minor

Männliche Zwergflamingos (Phoeniconaias minor) auf dem See Nakuru in Kenia. Diese Tiere streiten sich manchmal um Futter, ein Verhalten, dass Flamingos mit intensiverer Rosafärbung häufiger zeigen. 

Bild Denis Huot, Nature Picture Library

Konflikte gibt es im Tierreich überall, auch unter Flamingos. Besser bekannt sind die Vögel allerdings wohl für ihr rosafarbenes Gefieder und ihre komplexen Paarungstänze. Doch wenn es ums Fressen geht,  streiten auch sie sich manchmal – und neue Forschungen zeigen, dass Flamingos mit intensiveren Gefiederfarben tendenziell aggressiver sind. Die Studie fußt auf früheren Forschungsdaten, die belegen, dass Vögel mit höherem Rosaanteil im Gefieder auch gesünder sind und besser Chancen haben, einen Fortpflanzungspartner zu finden.

Der natürliche Lebensraum der kleinsten Unterart, der Zwergflamingos (Phoeniconaias minor), befindet sich in der Sub-Sahara-Region in Afrika, oft an den Ufern von Natronseen. Dort sammeln sie sich in Schwärmen von Hunderten, Tausenden oder sogar über einer Million Tieren. Bei so vielen Nachbarn verwundert es nicht, dass die Interaktion von Zwergflamingos miteinander „komplex“ ist, sagt Paul Rose, der als Verhaltensbiologe an der University of Exeter in Großbritannien forscht. „Farbe spielt eine wichtige Rolle“ in ihren Sozialbeziehungen, erklärt er.

So bevorzugen beispielsweise sowohl männliche als auch weibliche Vögel Paarungspartner mit intensiverer Gefiederfarbe. Doch nur Tiere, deren Nahrung viele Carotinoide enthält – ein für Rot und Orange zuständiges Pigment –, bringen den attraktivsten Farbton hervor. „Es ist ein verlässliches Signal“, meint Rose. „Dieses Rosa sagt anderen Vögeln, dass das Tier gesund und fit ist.“

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Aber diese Vögel sind laut einem Paper, das am 8. Juni im Fachmagazin „Ethology“ veröffentlicht wurde, auch aggressiver. Für die Studie wurden in Gefangenschaft lebende Flamingos in England beobachtet und die Ergebnisse könnten die Haltungsbedingungen der Tiere mit verbessern, sagen Experten. Naturschutzorganisationen stufen Zwergflamingos zwar nicht als gefährdete Art ein, ihre Zahl in freier Wildbahn geht dennoch zurück. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN listet sie als potenziell gefährdet. Je weniger Tiere in freier Natur leben, desto wichtiger werden in Zukunft die Populationen in Zoos und Tierparks. 

Streitbare Flamingos

In ihrer natürlichen Umgebung filtrieren Zwergflamingos kleine Wasserlebewesen – Krebstiere, Algen, Kieselalgen und Cyanobakterien – die die Carotinoide enthalten, die für ihre Gefiederfarbe verantwortlich sind. In menschlicher Obhut bekommen die Vögel spezielle Futterpellets, die das gleiche Pigment enthalten. 

Um die Beziehung von Gefiederfarbe und Futterneid zu untersuchen, nahmen Rose und seine Kollegen 210 einminütige Videos von den 45 Vögeln (24 Männchen und 21 Weibchen) in verschiedenen Fütterungssituationen im WWT Slimbridge Wetland Centre auf. Diese Wildtierauffangstation befindet sich im englischen Gloucestershire. Das Team ordnete die Flamingos in ein Farbschema ein, bei dem eins die blasseste und vier die intensivste Rosafärbung bezeichnete. Dann beurteilten sie ihr Fressverhalten und notierten insbesondere das Auftreten von Aggressivität.

Zeitraffer: Ein Flamingoküken schlüpft
Hier kämpft sich gerade ein kleiner Kubaflamingo aus seinem Ei.

Aggressives Verhalten zeigte sich zumeist, wenn die Flamingos beim Fressen dicht zusammenstehen mussten. 
Eine Möglichkeit ist das ruckartige Bewegen des Kopfes zu einem Nachbarn, ohne diesen zu treffen, was laut Rose eine Warnung darstellt. Wenn das Ganze eskaliert, pickt oder hackt ein Flamingo nach seinem Nachbarn oder schnappt sogar laut kreischend mit dem Schnabel in dessen Federn. Das unterlegene Tier versucht dann, diesem Konflikt auszuweichen, indem es mit eng angelegten Federn beiseitetritt. Der Gewinner jagt ihm jedoch oft nach und versucht, den Schwanz des fliehenden Vogels zu erwischen. „Manchmal ist es schwierig zu beobachten“, sagt Rose.

Der Preis der Farbe

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Flamingos mit intensiverer Färbung öfter Streit und Kämpfe anzettelten. „Ein gesunder Flamingo – was durch seine dunkle Gefiederfärbung angezeigt wird – ist ein guter Futtersucher“, erklärt Rose. Solche Vögel verhielten sich an den von Rose beobachteten Futterstellen dominant und waren besonders aggressiv gegenüber anderen, wenn sie aus einer Schüssel gefüttert wurden. Durch ihre Dominanz stellen diese Tiere sicher, dass ihnen die Gefiederfärbung erhalten bleibt, was ihnen bessere Chancen bei ebenso gesunden und rosafarbenen Paarungspartnern verschafft. 

Solche Konflikte, ob nun in der freien Wildbahn oder in Gefangenschaft, haben jedoch auch ihren Preis. Sie unterbrechen die Futtersuche der Tiere und bringen sie vielleicht auch dazu, sich auf neue Futterstellen zu verteilen. Aggressives Verhalten kann alle Tiere in einer Gruppe negativ beeinflussen und ihre Futterzeiten begrenzen. 
„Die Verbindung von Gefiederfarbe und Aggression ist interessant“, sagt Melissa Rowe, eine Evolutionsökologin am niederländischen Institute of Ecology in Wageningen. „Insbesondere, wenn man bedenkt, dass es noch relativ wenige Studien gibt“, die sich mit dem Effekt von Carotinoiden auf das Verhalten beschäftigen. Wissenschaftler, die sich mit Carotinoiden beschäftigen, erforschen meist, wie sich die Pigmente auf das Balzverhalten und die Partnerwahl auswirken, fügt Tom Pike hinzu, der als Verhaltensökologe an der britischen University of Lincoln tätig ist.

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Dass Tiere mit Stärkerer Färbung, die auf einen höheren Carotinoidgehalt zurückzuführen ist, bessere Futtersucher sind, kann bei einer Vielzahl von Vogel- und Fischarten beobachtet werden. Sie erholen sich schneller von Krankheiten und besitzen einen besseren körperlichen Allgemeinzustand. Experimente mit Hausgimpeln zeigten außerdem, dass die Männchen mit der intensivsten Rotfärbung der Brust auch schneller fliehen und so Räubern entgehen. Außerdem ist bereits bewiesen, dass die männlichen Sexualhormone wie Testosteron bei männlichen Zebrafinken in Verbindung mit Carotinoiden für eine tiefere Rotfärbung der Schnäbel sorgten und die Vögel aggressiver machten. 

Ob sich ähnliche Veränderungen durch eine carotinoid-reiche Ernährung auch bei männlichen Flamingos ergeben würden, ist bislang ungeklärt. Zu diesem Zeitpunkt haben die Forscher nur eine Korrelation zwischen der Rosafärbung und aggressivem Verhalten entdeckt, nicht aber jedoch einen kausalen Zusammenhang. „Sind stärker rosa gefärbte Flamingos aggressiver oder sind aggressivere Flamingos stärker rosa gefärbt? Semantisch ist das nur ein subtiler Unterschied, biologisch dagegen ein massiver“, sagt Rowe.

Flamingo-Gesundheit

Die Studie liefert vor allem wertvolle Informationen über den Umgang mit Flamingos in Gefangenschaft, meint Rowe. Sie deutet die Ergebnisse als Beweis dafür, dass die Vögel in Gefangenschaft ausreichend Platz benötigen, um Streit zu vermeiden. „Es ist schön zu sehen, dass solche Forschungen die Haltungsbedingungen von Tieren in Zoos verbessern können“, sagt sie. 

Rose gibt an, dass seine Studie bereits positive Veränderungen in Slimbridge zur Folge hatten, wo die Tierpfleger ihren Flamingos einen neuen Wasserteil im Innenbereich gebaut haben, um die Konflikte zu reduzieren. 


Jetzt können sich die Vögel zur Fütterungszeit besser verteilen, anstatt an den Trögen Kämpfe ums Futter austragen zu müssen. „Flamingos können nur miteinander kämpfen, um soziale Dispute auszutragen, mehr lässt ihr Repertoire nicht zu“, sagt Rose. Dadurch, dass nun alle Tiere besser fressen können, steigt wahrscheinlich auch die Farbintensität im Gefieder der ganzen Gruppe, was wiederum die Besucher freut, meint er. 
„Zoos müssen nur kleine Veränderungen vornehmen“, führt er aus. Hauptsächlich brauchen die Flamingos zusätzlichen Platz beim Fressen. „Damit wird auch weniger Futter verschwendet und die Gefiederfärbung der Flamingos wird intensiver“, sagt er. Ohne Zweifel sind die Tiere damit auch glücklicher. 

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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