Kälteeinbruch in Texas: Tausende erstarrte Schildkröten gerettet

Die plötzliche Kältewelle schickte tausende bedrohte Meeresschildkröten rund um South Padre Island in die Kältestarre. Trotz Strom- und Wasserausfällen fanden sich zahllose Freiwillige, die die hilflosen Tiere retteten.

Veröffentlicht am 25. Feb. 2021, 11:03 MEZ
Meeresschildkröte Texas

Die freiwilligen Helfer Irving A. Hernandez, David Daniel Barrera und Robert Lerma holen eine gelähmte, fast 30 Kilogramm schwere Grüne Meeresschildkröte aus einer Bucht in der Nähe von South Padre Island, Texas. In der dritten Februarwoche haben die Bewohner von South Padre mehr als 4.900 Meeresschildkröten aus den eiskalten Gewässern gerettet.

Bild Sandesh Kadur

Als die bitterkalten Temperaturen den Strom ausfallen ließen und die häuslichen Wasserleitungen auf dem texanischen South Padre Island im Golf von Mexiko einfroren, gingen die Einwohner hinaus in die Kälte. Ihr Ziel: die Rettung gelähmter Meeresschildkröten.

Und von denen gab es mindestens 4.900.

Eine von der Kälte geschwächte Meeresschildkröte wird an die felsige Küste von South Padre Island gespült. Meeresschildkröten sind auf die Umgebungswärme angewiesen, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. Wenn das Wasser unter 10 °C fällt – was in der Laguna Madre, dem Mündungsgebiet um die Insel, selten vorkommt –, verlangsamt sich der Herzschlag der Schildkröten. Sie sind dann gelähmt, aber bei Bewusstsein.

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Es ist das größte Kälteschock-Ereignis, das in den Vereinigten Staaten dokumentiert wurde, seit das Sea Turtle Stranding and Salvage Network 1980 mit der Aufzeichnung begann, sagt Donna Shaver, die Koordinatorin der Agentur. In ganz Texas wurden mehr als 7.000 Schildkröten in Kältestarre dokumentiert, sagt sie.

Eine seltene Kaltfront aus der Arktis ließ die Temperaturen in Texas in der dritten Februarwoche in den Minusbereich sinken. Kaltblütige Tiere wie Meeresschildkröten sind auf die Umgebungswärme angewiesen, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. Wenn das Wasser unter 10 °C fällt – und das ist in der Gegend um South Padre Island selten –, verlangsamt sich der Herzschlag der Schildkröten. Sie sind dann gelähmt, aber noch bei Bewusstsein.

Ein freiwilliger Helfer der Naturschutzorganisation Sea Turtle, Inc. trägt eine Grüne Meeresschildkröte in das Kongresszentrum von South Padre Island. Das Zentrum, das aufgrund der COVID-19-Beschränkungen geschlossen ist, wurde zur vorübergehenden Kommandozentrale für die Schildkrötenrettungen und bietet 4.200 der Tiere ein warmes Dach über dem Kopf.

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DeeOnda Ahadi kennzeichnet gerettete Grüne Meeresschildkröten im Kongresszentrum. Die Mitarbeitenden von Sea Turtle, Inc. kennzeichnen die Schildkröten mit dem Datum ihrer Ankunft, um zu überwachen, wie lange sie in Behandlung waren.

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Grüne Meeresschildkröten in Kältestarre ruhen auf Planen im Kongresszentrum. Der Kälteeinbruch hat den Mitarbeitenden von Sea Turtle, Inc. einen Einblick in die Größe der lokalen Schildkrötenpopulation gegeben, sagt Amy Bonka, Chief Conservation Officer der Organisation. „Normalerweise sehen wir Grüne Meeresschildkröten nicht in solcher Zahl auf einem Haufen“, sagt sie.

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„Sie wissen, dass sie mit den Flossen schlagen und den Kopf zum Atmen heben sollten. All diese Instinkte sind da, aber ihr Körper reagiert nicht mehr“, sagt Wendy Knight, Geschäftsführerin von Sea Turtle, Inc. Die gemeinnützige Bildungs-, Rehabilitations- und Naturschutzorganisation auf der Insel leitete die Rettungsmaßnahmen für Meeresschildkröten.

Zeitweise waren gerettete Meeresschildkröten in jedem Alter und jeder Größe überall zu sehen. „Ü-ber-all“, sagt Knight. „Wir haben Schildkröten von der Größe eines Salattellers, eines Esstellers und einige Schildkröten von der Größe eines Kinderplanschbeckens.“

Gegen Ende der dritten Februarwoche sitzen noch etwa 500 von ihnen unbeweglich auf Planen im Rettungszentrum. Sie bedecken jeden Quadratmeter Boden, selbst im Souvenirladen. Weitere 4.400 – vor allem Grüne Meeresschildkröten, Atlantik-Bastardschildkröten und Unechte Karettschildkröten – befinden sich im Kongresszentrum der Insel, das vom Besucherbüro zur Verfügung gestellt wurde. „Wir haben mindestens anderthalb Football-Felder voller Schildkröten in dem Gebäude“, sagt Knight.

Galerie: 13 Aufnahmen seltener Meeresschildkröten

Ohne die Rettungsaktion wäre die Schildkrötenpopulation auf der Insel durch die Kälte dezimiert worden, sagt Knight. Damit wären vier Jahrzehnte Naturschutzarbeit zum Erhalt der bedrohten Schildkröten in der Region zunichtegemacht worden. Die Tiere sind dort unter anderem durch Zusammenstöße mit Booten gefährdet oder verheddern sich in Fischereiausrüstung.

So viele Tiere spontan zu versorgen, ist an und für sich schon eine Herausforderung. Komplizierter wurde das Ganze noch, weil das Rettungszentrum und das Kongresszentrum – ebenso wie weite Teile von Texas – tagelang ohne Strom waren. Glücklicherweise ist es laut Knight wichtig, die von der Kälte geschwächten Schildkröten langsam aufzuwärmen. Obwohl die Gebäude nicht beheizt waren, war es drinnen auf einer Plane deutlich wärmer als im Wasser.

Freiwillige Helfer laden betäubte Schildkröten von LKWs auf einen Transportwagen, um sie ins Kongresszentrum zu bringen. Fast drei Viertel der Haushalte auf South Padre Island waren während des Wintersturms ohne Strom. Trotz dieser Herausforderungen kamen die Einwohner in Scharen, um den Meeresschildkröten zu helfen.

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Großeinsatz für die Schildkröten

Die Rettung begann im Meer. Über das Wochenende patrouillierten Bootsfahrer in kommerziellen Schiffen und Beibooten in den eisigen Gewässern und sammelten Hunderte von gelähmten Schildkröten ein, die an der Oberfläche trieben.

Am Dienstag, den 16. Februar, wurden bereits Schildkröten an den Strand gespült. Für Naturschützer kann es oft schwierig sein, zu entscheiden, wann man eingreifen muss, um den Tieren zu helfen. Das war hier aber nicht der Fall, sagt Knight. Wenn eine Schildkröte reglos am Strand liegt, ist das ein klares Zeichen dafür, dass sie in Not ist.

Gina McLellan ist eine langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin von Sea Turtle, Inc. Sie ging hinunter zum Strand und lud Dutzende von Schildkröten in ihren Subaru-Kombi, um sie zur Station zu bringen. Dutzende von anderen Einwohnern taten dasselbe. Mindestens zehn Männer waren nötig, um eine Schildkröte auf einen Wagen zu hieven, die mehr als 180 Kilogramm wog und mindestens 150 Jahre alt war. Am Dienstagnachmittag bildete sich laut McLellan eine 400 Meter lange Schlange von Autos vor dem Kongresszentrum. Jedes davon war voll mit Schildkröten beladen.

 

„Die Schlange riss bis 18 Uhr nicht ab. Egal, ob [die Autos] eine Schildkröte oder 200 geladen hatten, sie warteten einfach“, sagt McLellan. Ein fünfjähriges Mädchen und ihre Familie gaben ebenfalls Schildkröten ab und kehrten am nächsten Tag zurück, um Planen und andere Hilfsmittel zu bringen.

Knight war überwältigt von der großen Unterstützung der Einwohner von South Padre. „Wir haben hier Leute, die seit drei bis vier Tagen weder Strom noch Wasser in ihren eigenen Häusern haben, und sie arbeiten 15 bis 18 Stunden am Tag, um Schildkröten zu retten. Die Tankstellen haben kein Benzin mehr, die Lebensmittelgeschäfte haben kein Wasser mehr – und die Leute kommen trotzdem. Das sagt etwas über das Kaliber einer Gemeinde aus.“

SpaceX hilft mit Generator

Vor der Massenrettungsaktion beherbergte Sea Turtle, Inc. in seinen Wassertanks 38 Meeresschildkröten, die dort temporär zur Pflege waren, sowie fünf ansässige Schildkröten. Zu ihnen gehörten Allison, eine Grüne Meeresschildkröte, und Fred, eine Unechte Karettschildkröte, die jeweils nur eine Flosse haben. Als der Strom des Zentrums am Montag um 2 Uhr morgens ausfiel, sank die Wassertemperatur in den Tanks. Die Mitarbeiter mussten die Tiere aus dem Wasser nehmen und sie in Behälter oder auf Planen legen – eine stressige Tortur für die Tiere, sagt Knight.

Die Ingenieure im nahegelegenen SpaceX-Zentrum in Boca Chita eilten zur Rettung. Sie erreichten das Rettungszentrum am Mittwoch nach Mitternacht „mit dem größten Generator, den ich je in meinem Leben gesehen habe“, sagt Knight. „Und um 1:30 Uhr nachts saß ich auf dem Parkplatz und sah zu, wie sie das Licht einschalteten.“

Danach war das Team wieder optimistisch, dass seine Patienten überleben werden, und arbeitete weiter daran, das Wasser in den Tanks wieder auf die richtige Temperatur zu bringen. Zehn Heizelemente, die zur Regulierung der Wassertemperatur verwendet werden, wurden bei dem Ausfall zerstört. Die Organisation sammelt nun Spenden, um sie zu ersetzen.

Tausende von gelähmten Schildkröten ruhen auf Planen und in Wannen auf dem Boden des Kongresszentrums. Mitarbeitende und Freiwillige von Sea Turtle Inc. überwachen jede Schildkröte, halten sie sauber und verabreichen Augentropfen, damit ihre Augen nicht austrocknen.

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Während Mitarbeitende und Freiwillige die Tausenden von Neuzugängen überwachten, machten sie sich weiterhin Sorgen um die Temperaturen. „Der größte Fehler, den wir machen könnten, ist, sie wieder auszusetzen, bevor das Wasser warm genug ist“, sagt Knight. Die Wissenschaftler überwachten deshalb die Wassertemperaturen rund um die Insel und warteten darauf, dass sie auf etwa 13 bis 18 Grad ansteigen.

Anfang der letzten Februarwoche war es dann endlich soweit und die ersten Schildkröten konnten ins Meer zurückkehren.

Zuerst wachten einige der kleinsten kältebetäubten Schildkröten wieder auf. Sie verfallen oft am schnellsten in den Kälteschock, erholen sich aber auch wieder genauso schnell. „Das ist die Phase, in der einem das Herz aufgeht“, sagte Knight über den Moment, als die Kleinen sich wieder zu regen begannen.

„Im Moment ist das noch sehr niedlich, aber das bleibt nicht lange so.“ Während der Kältestarre stellen die Schildkröten auch ihre Körperfunktionen ein – fressen, bewegen, defäkieren. Aber sobald sich die Tiere erholt haben, setzt alles wieder ein.  

Glücklicherweise spielte das Wetter mit und die Freilassung der Tiere konnte beginnen. Ansonsten hätte Knight 4.700 Schildkröten im Rettungszentrum und Kongresszentrum gehabt, die sich nach ihrem kurzen Winterschlaf alle dringend erleichtern müssen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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