Die Rückkehr des Florida-Pumas

Die bedrohten Raubkatzen schienen schon gerettet. Nicht nur die Länderschließung gefährdet nun ihr Überleben.

Bilder Von Carlton Ward Jr.
Veröffentlicht am 7. Apr. 2021, 09:29 MESZ
Puma läuft durch einen Bach

Ein Pumamännchen setzt über einen Bach im Florida Panther Wildlife Refuge im Südwesten des Bundesstaats. Man bekommt die Katzen selten zu Gesicht. Nur ungefähr 200 Exemplare siedeln in einem Gebiet nördlich der Everglades. Ihr Lebensraum ist durch den schleichenden Siedlungsausbau gefährdet.

Bild Carlton Ward Jr.

„Willkommen im Land der Pumas“, begrüßt mich Brian Kelly, als wir uns an einer belebten Straßenkreuzung in East Naples in Florida treffen. Kelly ist Biologe und staatlich angestellter Pumaexperte. Er deutet ostwärts zur weitläufigen Wohnsiedlung, in der er lebt. Nur einen halben Kilometer entfernt habe eine Kamera einen Puma erfasst, erzählt er. Ein anderer habe es über die sechsspurige Schnellstraße geschafft, an der wir gerade stehen. (…)

Ihre Spuren erinnern daran, dass es in Florida noch Wildnis und Großkatzen gibt. Manche von ihnen leben sogar an den Rändern der wuchernden Vorstädte, wobei die meisten Bewohner nie auch nur die geringste Spur der Räuber zu Gesicht bekommen.

Die ausgewachsenen Tiere wiegen je nach Geschlecht zwischen 30 und 75 Kilo. Mit einem einzigen Satz können sie fast zehn Meter weit springen. Die Pumas sind auf Millionen Hektar von Sümpfen, Wäldern und Feldern im Südwesten und in der Mitte Floridas angewiesen. Viele dieser Gebiete sind durch Erschließungsarbeiten unmittelbar gefährdet.

Florida-Puma mit Jungtier gefilmt
Diese Aufnahmen stammen aus den Kamerafallen des Fotografen Carlton Ward Jr. und zeigen einen weiblichen Florida-Puma samt Nachwuchs.

Der Florida-Puma (Puma concolor coryi, in den USA „Panther“ genannt) war früher über den größten Teil der südöstlichen Vereinigten Staaten verbreitet. Doch die Tiere wurden aggressiv bejagt und kamen in den Siebzigerjahren nur noch in Florida vor. Es gab damals weniger als 30 Exemplare, sodass sie stark durch Inzucht gefährdet waren und beinahe ausgestorben wären. Wissenschaftler erdachten damals einen beispiellosen Rettungsplan: Mitte der Neunzigerjahre stellten sie den Texaner Roy McBride ein, der in dem Ruf stand, der weltbeste Puma-Fährtenleser zu sein. Er sollte in Texas acht der Großkatzen – ausschließlich Weibchen – einfangen und im Süden Floridas wieder freilassen. Fünf der Tiere pflanzten sich fort. Die neu hinzugekommene genetische Vielfalt kehrte den Niedergang der Pumas um.

Die meisten der heute rund 200 Exemplare leben in einem weitläufigen zusammenhängenden Landstreifen südlich des Caloosahatchee River, der von Fort Myers aus ostwärts verläuft. „Es ist eine der spektakulärsten Erfolgsgeschichten für den Naturschutz in der Geschichte der Vereinigten Staaten“, sagt der Naturschützer und Fotograf Carlton Ward Jr., dessen Arbeit von der National Geographic Society unterstützt wird.

Doch die Zukunft des Pumas ist nicht gesichert. Zu den Haupttodesursachen zählen neben Revierstreitigkeiten vor allem Zusammenstöße der Tiere mit Autos, durch die jedes Jahr ungefähr 25 Großkatzen umkommen. Landerschließung und Straßenbau gefährden die Spezies zusätzlich – und pro Tag ziehen rund 900 weitere Menschen nach Florida. (…)

Ein Weibchen und drei Jungtiere erkunden das Corkscrew Swamp Sanctuary. Das Schutzgebiet mit altem Zypressenbestand ist auf drei Seiten von wachsenden Siedlungen umgeben. Viele dieser Aufnahmen per Kamerafalle gelangen erst nach Jahren: Die Katzen sind selten, ihre Wanderungsbewegungen unberechenbar. Es ist schwierig, die richtigen Lichtverhältnisse zu erwischen. Das Wetter stellt in Florida oft eine Herausforderung dar: Eine Kamera ging während eines Hurrikans verloren, wurde aber später wiedergefunden. 

Bild Carlton Ward Jr.

Viele Raubkatzen leben in Florida auf staatlichem Grund. Dazu zählen die Wald- und Naturschutzgebiete Big Cypress National Preserve, Florida Panther National Wildlife Refuge, Fakahatchee Strand Preserve State Park und Picayune Strand State Forest. Zusammen sind das ungefähr 3680 Quadratkilometer.

Doch selbst einschließlich benachbarter Flächen im Süden Floridas können diese Gebiete keiner wesentlich größeren Population der territorialen Tiere eine Lebensgrundlage bieten, sagt Dave Oronaro, staatlich angestellter Biologe und Pumaexperte. Jeder Puma braucht ein Revier von rund 500 Quadratkilometern, in dem er auf die Jagd gehen kann. Im Bereich des Nationalparks Big Cypress National Preserve sind die Bestände der Weißwedelhirsche, eine der wichtigsten Nahrungsquellen der Pumas, zurückgegangen. Zum Teil könnte das an invasiven burmesischen Pythons liegen, die Hirsche und andere Beutetiere der Pumas fressen.

Das Land nördlich des Caloosahatchee River ist von großen Landwirtschaftsbetrieben geprägt. Durch viele Gebiete verlaufen Straßen; es gibt zahlreiche kleine, oft wachsende Ortschaften. Ein bekannter Rinderzuchtbetrieb ist die 4200 Hektar große Buck Island Ranch. Das Anwesen gehört der Archbold Biological Station, einer nahe gelegenen ökologischen Forschungs- und Bildungseinrichtung. Ihr Betreiber Gene Lollis lebt in sechster Generation in Florida. (…)

Rancher und Pumas stehen derselben Bedrohung gegenüber: der Landerschließung, insbesondere für neue Wohngebiete. Jeder Rancher habe schon Angebote von Immobilienentwicklern bekommen, sagt Lollis. Doch wo Pumas leben, ist die Landerschließung zum Wohnungsbau erschwert. (…)

Im Süden, wo es mehr Pumas gibt, sind manche Rancher skeptischer, erklärt der Rinderzüchter Alex Johns. Pumas fressen dort hin und wieder Kälber. Eine Studie zeigte, dass die Raubkatzen weniger als ein Prozent aller jungen Rinder töteten; laut einer anderen Studie sind es fünf Prozent.

Manchmal mache man Pumas für tote Tiere verantwortlich, die von Kojoten, Bären oder sogar Bussarden gerissen wurden, sagt Deborah Jansen, Biologin und Pumaexpertin im Big Cypress National Preserve. Sie arbeitet seit den frühen Achtzigerjahren mit den Katzen.

Ein Puma kriecht im Corkscrew Swamp Sanctuary durch einen Zaun. Das Schutzgebiet ist zu klein, um auch nur einem Pumamännchen eine Lebensgrundlage zu bieten. Die Tiere brauchen ein Revier von rund 500 Quadratkilometern. Benachbarte Reviere von Männchen können sich etwas überschneiden, Katzen sind aber Einzelgänger und meiden einander.

Bild Carlton Ward Jr.

Der Verlust von Kälbern kann laut Rinderzüchter Johns Ressentiments schüren und zu Vergeltungsaktionen führen, zumal das staatliche Programm zur Entschädigung von Ranchern, die Nutztiere durch Pumas verlieren, Mängel aufweist. Der Papierkrieg ist kompliziert und zeitaufwendig. Dass man am Ende eine Zahlung erhält, ist nicht gesagt. (…)

Obendrein haben Wissenschaftler eine neurologische Erkrankung entdeckt, die sie Feline Leukomyelopathie nennen. Sie befällt in Florida Pumas und Rotluchse. Die betroffenen Tiere stolpern häufig oder haben Schwierigkeiten beim Gehen; in schweren Fällen können Lähmungen auftreten. Die Opfer verhungern.

Im Dezember 2020 waren laut Angaben staatlicher Biologen 26 Rotluchse und 18 Pumas erkrankt. Allein im Big-Cypress-Schutzgebiet sind drei Panther verendet, vermutlich an der Krankheit. Die Ursache ist unbekannt; infrage kommen giftige Chemikalien oder ein Erreger, beispielsweise ein Virus. (…)

Mitarbeiterinnen des White Oak Conservation Center tragen zwei ruhiggestellte Jungtiere. FP224, die Mutter der beiden, wurde von einem Auto angefahren und hat sich ein Bein gebrochen. Sie wurde gesund gepflegt, und die Familie konnte in die Wildnis zurückkehren. Kurz nach ihrer Freilassung wurden die Jungtiere im Südwesten Floridas von Autos überfahren und dabei getötet. 

Bild Carlton Ward Jr.

An einem Herbstnachmittag wandere ich mit Brian Kelly in der Babcock Ranch Reserve durch Matsch und Gebüsch zu einem Bachufer. Hier war er vor einem Monat einem Puma begegnet. (...)

Kelly hält an und überprüft eine Kamera, die er kürzlich an einer Eiche befestigt hat. Er blättert die Fotos durch. Zwischen den üblichen Verdächtigen – Kojoten, Wildschweine, Waschbären, Hirsche – findet er auch das Foto eines Pumas, der ein paar Wochen zuvor vorübergekommen ist.

Es war nicht irgendein Puma: Das schlanke Weibchen hatten die Biologen nie zuvor gesehen. Es strich an der Nordseite des Zauns entlang, der den Bach von der benachbarten Ranch trennt – und war vielleicht auf dem Weg in ein neues Leben weiter im Norden.

Aus dem Englischen von Dr. Sebastian Vogel

Der Autor Douglas Main berichtete in der Ausgabe vom März 2019 über Buckelzirpen. Carlton Ward Jr. ist schon mehr als 3200 Kilometer durch Florida gewandert, um auf den Wildtierkorridor des Bundesstaates aufmerksam zu machen.

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der April 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen! 

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