Vogel in Not

Im Schwarzwald steht das Auerhuhn kurz vor dem Aussterben. Ein Verein engagiert sich dafür, die Tiere zu retten.

Veröffentlicht am 13. Aug. 2021, 09:28 MESZ
Balzender Auerhahn

76% Rückgang der Auerhuhn-Bestände verzeichneten Erhebungen im Schwarzwald seit der ersten Zählung 1971. Tendenz: weiter sinkend. 

Bild Marco - stock.adobe.com

Wenn ein Auerhahn zum Flug ansetzt, könnte man zu Tode erschrecken. Es poltert, es rumpelt – ein eleganter Starter ist der größte flugfähige Waldvogel Europas nicht. Doch hat er sich einmal in die Luft erhoben und gleitet majestätisch über Hügel und Täler hinweg, dann ist das ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst.

Das Auerhuhn (Tetrao urogallus) lebt hauptsächlich in den Weiten der Eurasischen Nordhalbkugel, von Skandinavien bis zum Baikalsee. Schätzungen gehen von etwa 760 000 bis einer Million Brutpaaren aus. In Deutschland allerdings kommt es nur noch in den Alpen und kleinen Inselpopulationen in Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald vor. Laut historischer Quellen war der Vogel hier bereits um das Jahr 1500 heimisch, er ist allgegenwärtig in der Region – was man schon daran erkennen kann, dass zahlreiche Gaststätten den Namen „Zum Auerhahn“ tragen. Doch der Bestand schrumpft rapide: Lebten vor 30 Jahren im Schwarzwald noch etwa 300 Auerhähne, waren es bei der letzten Zählung im Jahr 2020 nur noch 136 – und das, obwohl die Jagd bereits seit 1971 verboten ist. Da man annimmt, dass es etwas mehr Hennen als Hähne gibt, ergibt das eine Gesamtpopulation von etwa 300 Tieren. Als gesunde Mindestpopulation gelten 500. „Wenn wir jetzt nichts tun, werden wir diesen Urvogel verlieren“, sagt Eberhard Aldinger. „Und mit ihm ein Stück unserer Tradition.“

Vor 30 Jahren lebten im Schwarzwald noch 300 Auerhähne - im Jahr 2020 waren es noch 136

Der 72-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Auerhuhn im Schwarzwald e. V.“. Früher arbeitete der studierte Forstwissenschaftler als Abteilungsleiter für Waldnaturschutz bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Jetzt, als Pensionär, engagiert er sich ehrenamtlich. Er erinnert sich noch genau, wann er zum ersten Mal einen Auerhahn sah: als Junge auf seinem täglichen Schulweg, der fünf Kilometer durch den Wald ins Gymnasium nach Neustadt führte. In dem Gebiet gibt es heute längst keine Auerhühner mehr.

Es sind verschiedene Faktoren, die den Tieren das Leben im Schwarzwald schwer machen, zum einen die Waldstruktur: „Das Auerhuhn braucht einen lichten Wald, in dem am Boden Preiselbeeren und Brombeeren wachsen können – eine wichtige Nahrungsquelle für die Tiere“, erklärt Aldinger. „Seit den Fünfzigerjahren aber will man bewusst einen naturnäheren Wald haben, dichter und mit deutlich mehr Laubholz als früher.“ Seit die Fallenjagd durch Naturschutzgesetze erschwert wurde, breiten sich außerdem Füchse und Marder aus – neben Greifvögeln die natürlichen Fressfeinde des Auerwilds. Auch die Wildschweinbestände vergrößern sich. „Die Winter sind deutlich milder geworden. Früher wäre ein Wildschwein oben im Schwarzwald verhungert, jetzt wagen sich die Tiere bis auf 1000 Meter Höhe vor.“

Der Schwarzwald ist eine der beliebtesten Tourismusdestinationen Deutschlands. Im Vor-Coronajahr 2019 zählte man fast 23 Millionen Übernachtungen. Die Menschen kommen wegen der ursprünglichen Natur- und Nationalparks, der Seen und Wanderwege. Der Feldberg, höchste Erhebung des Schwarzwalds, ist ein beliebtes Wintersportgebiet. Im Sommer 2020 stürmten die Menschen die Natur, wie überall in Deutschland. „Es sind immer mehr Wanderer und Mountainbiker im Wald unterwegs, auch außerhalb der markierten Wege und in den Ruhezonen des Auerwilds“, berichtet Aldinger. „Auf Störungen reagieren die Tiere äußerst empfindlich.“ Im vergangenen ausgehenden Winter fiel zudem ungewöhnlich viel Schnee. „Die Leute haben den Feldberg geradezu überrannt, sind mit ihren Schneeschuhen mitten durch das Gebiet gelaufen, in dem die Auerhühner auf den Frühling warten.“ Die Folge: Die aufgescheuchten Tiere fliegen davon und verbrauchen dabei ihre letzten Energiereserven. Es ist häufig ihr Todesurteil.

Aufgescheuchte Tiere verbrauchen ihre letzten Energiereserven

Aldinger und die rund 20 weiteren Vereinsmitglieder organisieren Fortbildungen mit Förstern, treffen Waldbesitzer – ob Bürgermeister oder Privatleute –, um zu erklären, wie sie für das Auerhuhn attraktive Strukturen schaffen können. Sie haben ein Flächenkonzept und Monitoring-Pläne erstellt, arbeiten an Strategien für die Besucherlenkung im Wald. Sie planen Aktionen mit Unternehmen und ziehen mit Freiwilligen los, um Habitatpflege zu betreiben. In Zusammenarbeit mit dem Naturpark Südschwarzwald hat der Verein die Initiative „bewusst Wild“ entwickelt – für den überlegten Umgang mit Wildtieren und ihrem Lebensraum. Sie soll Besuchern und Einheimischen Regeln für ein achtsames Verhalten in der Natur an die Hand geben.

Im Moment geht es darum, die Bestände des Auerhuhns zu stabilisieren. Die Vision des Vereins: irgendwann wieder 500 Hähne zu zählen. Bis dahin ist viel zu tun. Manchmal schimpften seine Kinder mit ihm, weil er so wenig Zeit für seine Enkel habe, erzählt Aldinger. „Aber ich habe eine Verpflichtung. Wenn ich meinen Enkeln sagen muss, ich wusste, dass das Auerhuhn verschwindet, ich habe aber nichts getan – da käme ich mir schäbig vor.“

Der Naturpark Südschwarzwald ist eine von vier deutschen Modellregionen, in denen Voluntourismus-Projekte entwickelt und angeboten werden. Die Einsätze, bei denen sich Touristen engagieren können, umfassen etwa praktischen Arten- und Biotopschutz, Biotoppflege, Wegeinstandhaltungen sowie Monitoring-Tätigkeiten. Weitere Infos online unter naturschutz-im-urlaub.de.

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der August 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen! 

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