Gefährliches Paradies: Wale und Delfine in der Straße von Gibraltar

In der Straße von Gibraltar wimmelt es von Walen und Delfinen – und großen Frachtschiffen. Seit 20 Jahren engagiert sich die Schweizerin Katharina Heyer für den Artenschutz in der Meeresenge.

Veröffentlicht am 7. Okt. 2021, 15:49 MESZ
Gestreifte Delfine vor einem Frachtschiff in der Straße von Gibraltar

Die Straße von Gibraltar ist voll von Walen, Delfinen und großen Frachtschiffen.

Bild firmm

Wer an Walbeobachtungen denkt, dem kommen vermutlich zuerst Orte wie Kanada, Island oder Australien in den Sinn. Doch auch im Süden von Europa gibt es einen Ort, von dem aus sich die Meeresriesen beobachten lassen: Tarifa. Die kleine Hafenstadt liegt in der spanischen Provinz Cádiz und bildet den südlichsten Punkt des europäischen Festlands. Jährlich zieht es aufgrund des starken Winds unzählige Wind- und Kitesurfer nach Tarifa. An den weiten Stränden vergnügen sich Badeurlauber, in der charmanten Altstadt lassen sich Kultur, Geschichte und Kulinarik auf einmal erfahren.

Nur 14 Kilometer trennen die Stadt von Marokko und dem afrikanischen Kontinent. An keinem anderen Punkt auf der Erde sind sich Europa und Afrika so nah. Zwischen den Kontinenten liegt die Straße von Gibraltar, eine etwa 60 Kilometer lange Meeresenge, in der sich das Mittelmeer und der Atlantische Ozean treffen und in der es von Walen und Delfinen nur so wimmelt.

Sieben verschiedene Wal- und Delfinarten in der Straße von Gibraltar

Sieben verschiedene Wal- und Delfinarten kommen in der Straße von Gibraltar vor. Vier von ihnen – Grindwale, Große Tümmler, Gewöhnliche Delfine und Gestreifte Delfine – leben das ganze Jahr über hier. Drei weitere Arten – Orcas, Pottwale und Finnwale – besuchen die Meeresenge saisonal. Heute gehört Tarifa deshalb zu den besten Ausgangspunkten für Whalewatching in Europa. Doch vor gut 20 Jahren sah das noch ganz anders aus. Bis zum Ende der 90er Jahre war nur wenig darüber bekannt, wie artenreich die Straße von Gibraltar wirklich ist. Das änderte sich erst, als die Schweizerin Katharina Heyer nach Tarifa kam.

Katharina Heyer war 55 Jahre alt, als sie Ende Dezember 1997 nach Südspanien reiste, um eine Freundin zu besuchen. Ein Freund habe ihr damals beiläufig erzählt, dass es dort wohl Orcas und Delfine gebe, sagt Heyer im Gespräch mit NATIONAL GEOGRAPHIC. Doch als sie sich in der Touristeninformation von Tarifa nach den Tieren erkundigte, erhielt sie nur ein Lachen als Antwort. Delfine gebe es hier nicht, sagte die Frau am Schalter. Und auch sonst schien kaum jemand davon gehört zu haben, dass es in der Meeresenge Delfine gebe, von Orcas ganz zu schweigen. „Tarifa war damals noch ein verlassener und verträumter Fischerort“, erzählt Heyer. „Nur ein Taucherboot fuhr hin und wieder aufs Meer.“ Doch sie hatte Glück, denn eben dieses Taucherboot nahm sie mit aufs Wasser. Schon nach kurzer Zeit tauchten die ersten Grindwale und Großen Tümmler auf. Heyer, die damals als Modedesignerin in ihrer eigenen Firma arbeitete und um die ganze Welt reiste, suchte nach einer Tätigkeit, die sie mit Sinn erfüllt. Als ihr klar wurde, dass die Straße von Gibraltar viel artenreicher ist als gedacht, zögerte sie nicht lange, verkaufte ihre Firmenanteile und gründete 1998 die Stiftung firmm. Mit der „foundation for information and research on marine mammals“ wollte sie mehr über die Wale in der Straße von Gibraltar herausfinden und die Menschen durch Vorträge und Whalewatching für die Meeressäuger sensibilisieren. Sie holte Professor Dr. David Senn, damaliger Leiter der Universität Basel, mit ins Boot. Seitdem arbeitet firmm eng mit der Universität zusammen. Jährlich kommen Meeresbiologiestudenten nach Tarifa, um Informationen über Wale oder Plankton zu sammeln.

Straße von Gibraltar: ein außergewöhnliches Ökosystem

„Eigentlich hat es mich entsetzt, dass es hier Wale und Delfine gibt“, sagt Heyer. Denn schon bei ihrer ersten Ausfahrt fielen ihr die großen Containerschiffe auf, die die Meeresenge passierten. Damals waren es etwa 250, heute fahren rund 300 der riesigen Frachtschiffe täglich durch die Wasserstraße, erklärt Heyer. Das entspricht etwa einem Schiff alle fünf Minuten. Für Wale ist das eine enorme Schmutz- und Lärmbelastung. Doch warum kommen trotz dieser Störfaktoren so viele Meeressäuger in die Straße von Gibraltar?

Durch das Aufeinandertreffen von Atlantik und Mittelmeer ist in der Meeresenge ein außergewöhnliches Ökosystem entstanden: Aus dem Atlantik strömen pro Sekunde etwa eine Million Kubikmeter Wasser in das etwas tiefer liegende Mittelmeer. Das Wasser des Mittelmeers ist salzhaltiger als das des Atlantiks und deshalb schwerer – es sinkt nach unten. So drückt es Tiefenwasser zurück Richtung Atlantik in die Straße von Gibraltar. Doch unter Wasser befindet sich in der Meeresenge ein Gebirge. An der sogenannten Gibraltarschwelle, eine starke Erhöhung im Meeresboden, wird das Wasser daher wieder nach oben gedrückt. Dabei wirbelt es Nährstoffe auf, die sich eigentlich am Meeresgrund ablagern. Diese Nährstoffe werden mit dem Wasser an die Oberfläche transportiert, wo Phytoplankton gedeihen kann. Phytoplankton ist ein Sauerstoffproduzent und das unterste Glied der Nahrungskette, es bildet den Ursprung von Leben im Meer. Daher ist die Straße von Gibraltar ein besonders nährstoff- und nahrungsreiches Gebiet: Abgesehen vom starken Schiffsverkehr ist die Meeresenge ein Paradies für die Meeressäuger.

Orcas auf origineller Thunfisch-Jagd

Die Orcas kommen aus einem anderen Grund in die Straße von Gibraltar: Thunfische. Diese wandern jedes Jahr im Frühjahr vom Atlantik ins Mittelmeer, um dort zu laichen. Im Sommer schwimmen sie wieder zurück in den Atlantik. Dabei müssen sie die Gibraltarschwelle überwinden und weiter oben schwimmen als gewöhnlich. An der Wasseroberfläche warten spanische und marokkanische Fischer in kleinen Booten, um den Thun zu angeln. Schwertwale sind sehr intelligente Tiere und haben schnell durchschaut, dass das für sie von Vorteil ist: Sie wandern im Sommer in die Straße von Gibraltar und warten, bis die Fischer den Thunfisch am Haken haben. Dann fressen sie ihn von der Angel herunter – alles bis auf den Kopf, denn dort befindet sich schließlich der spitze Angelhaken.

Die Orcas warten, bis die Fischer Thunfische am Haken haben, um sie ihnen zu klauen.

Bild firmm

Finnwale halten sich hingegen gar nicht lange in der Straße von Gibraltar auf, sie durchqueren sie lediglich – in nur einer Stunde. Einen Finnwal zu sehen ist deshalb „echte Glückssache“, wie Heyer erklärt. Durchschnittlich passieren rund 90 Finnwale jährlich die Meeresenge, firmm verzeichnet pro Jahr im Schnitt 30 Sichtungen. Pottwale besuchen die Straße von Gibraltar vermehrt im Frühjahr, doch auch im Herbst werden oft noch Tiere beobachtet. Die Bewegungen dieser großen Zahnwale sind etwas unvorhersehbar, wie Heyer berichtet. Das zeigt sich auch bei den Sichtungen: Zwischen 2010 und 2020 schwankten diese zwischen neun und 342 Sichtungen pro Saison.

Gefahren für die Wale in der Meeresenge

Im Oktober 2020 erschien im Fachjournal Aquatic Mammals eine Studie von Heyer, dem firmm-Meeresbiologen Jörn Selling und Forschern verschiedener Universitäten, in der sie Verletzungen von Meeressäugern in der Straße von Gibraltar untersuchten. Die Basis dafür waren Fotos von firmm, die bei Ausfahrten zwischen 2001 und 2015 aufgenommen wurden. Auf 788 von 35.000 Fotos konnten die Forscher Auffälligkeiten feststellen, darunter zum Beispiel Abmagerungen oder Tumore. Am häufigsten waren Verletzungen – natürliche und menschenverursachte. „Unter den vom Menschen verursachten äußeren Verletzungen bilden Schifffahrt und Fischerei die größten Gefahren für die Meeressäuger. In der stark befahrenen Straße von Gibraltar ist die Kollision mit Schiffen keine Seltenheit. Die Folge sind oft schlimme Verletzungen im Rücken- oder Schädelbereich“, heißt es auf der Homepage von firmm. Exakte Zahlen, wie viele Tiere jährlich durch Schiffe verletzt werden, gibt es aufgrund der Dunkelziffer aber nicht. Es könnte auch sein, dass die Tiere, die in der Straße von Gibraltar aufwachsen, sich zum Teil an den Umgang mit den Schiffen gewöhnen, so Heyer.

Um die Meeressäuger vor den schnellen und großen Frachtschiffen zu schützen, setzte Heyer sich für ein Tempolimit in der Meeresenge ein, das 2007 auch tatsächlich erteilt wurde. „Leider gibt es aber keine Behörde, die die Geschwindigkeiten der Schiffe kontrolliert“, so die Wal-Liebhaberin. Doch die Verletzungen der Wale gehen nicht nur von den großen Frachtern aus, auch Sportfischer können Heyer zufolge gefährlich für die Wale werden. Wie sie erklärt, existiere unter ihnen der Irrglaube, dass es an Stellen, an denen sich Grindwale aufhalten, viele Thunfische gibt. „Sie fahren dann quer durch die Grindwal-Familien und da kommt es immer wieder zu Schürfungen oder Schnitten“, erzählt Heyer. Weitere Bedrohungen für die Wale sind demnach außerdem der Nahrungsschwund durch Überfischung, Verschmutzung und der Morbillivirus, ein ansteckendes und tödliches Virus, dem Meeressäuger weltweit immer wieder in großen Gruppen zum Opfer fallen.

Grindwal "Curro" wurde in drei Jahren zweimal von einem Schiff oder einer Fischerleine verletzt. 2012 sah Heyer ihn zum letzten Mal.

Bild firmm

Heyers Erfolge für die Wale und Delfine in der Straße von Gibraltar

Mittlerweile sind mehr als 20 Jahre vergangen, seit Katharina Heyer firmm gründete und ihr Leben der Forschung und dem Schutz der Wale in der Straße von Gibraltar widmete. Wie die Schweizerin erzählt, war der Start für sie nicht einfach: Es habe lange gedauert, bis die Einheimischen akzeptierten, dass sie, die aus einem Land ohne Meeresküste kommt, ihnen etwas über Wale und Delfine erzählen will. Statt Anerkennung habe sie anfangs Missgunst, Skepsis und sogar Anklagen erfahren. Um die Einheimischen für die Tiere zu sensibilisieren, konnten diese kostenlos mit firmm aufs Meer fahren und die Wale mit eigenen Augen sehen. Außerdem hielten firmm-Mitarbeiter Vorträge in Schulen. „Wir wollten ja, dass die Leute wissen, was sie da vor ihren Haustüren haben“, so Heyer. Das hat sie heute geschafft.

Nach und nach fand Katharina Heyer heraus, welche Wale die Meeresenge zu welcher Zeit besuchen und entdeckte gemeinsam mit David Senn sowie Meeresbiologiestudenten den Zusammenhang zwischen der Gibraltarschwelle und dem Wal-Vorkommen in der Straße von Gibraltar. Gemeinsam mit ihrem Team legte sie eine Datenbank an, in der sie Fotos und Daten zu den Tieren sammelte und sie so wiedererkennen konnte. Sie setzte sich für verbindliche Regeln für respektvolles Whalewatching ein und verhinderte die Einführung einer Schnellfähre von Tarifa nach Marokko. „Diese Schiffslinie wäre eine Katastrophe gewesen, denn sie wäre quer durch die Wale und Delfine gefahren“, erklärt Heyer. Durch die gesammelten Daten konnte firmm beweisen, wie viele Tiere in der Straße von Gibraltar leben und in welche Richtungen sie ziehen – nämlich von Ost nach West und nicht von Süd nach Nord, wie es die Schnellfähre getan hätte. 2017 wurde Katharina Heyer für ihren Einsatz und die Erkenntnisse der Stiftung firmm von der Universität Basel ein Ehrendoktor-Titel verliehen.

Ein wichtiges Anliegen ist für die Schweizerin zudem die Schließung von Delfinarien. Fünfzehn Jahre lang kämpfte sie dafür, ein Resort für ehemalige Delfine aus Delfinarien auf der marokkanischen Seite der Straße von Gibraltar zu errichten. Doch das Projekt scheiterte schließlich aufgrund der marokkanischen Behörden.

Katharina Heyer gründete 1998 die Stiftung firmm und setzt sich seitdem für die Wale und Delfine in der Straße von Gibraltar ein.

Bild firmm

Man kann nur schützen, was man kennt

In den vergangenen Jahren ist firmm stark gewachsen. Angefangen hat Heyer mit einem kleinen Boot für etwa zwölf Passagiere, heute kann das Boot „Firmm Vision“ 100 Menschen auf einmal aufs Meer hinausfahren. Das ist von Vorteil, wie Heyer erklärt, denn bei der hohen Nachfrage nach Whalewatching müsste sie mit einem kleineren Boot viel öfter aufs Meer hinaus, was die Wale stören könnte.

Rund 30.000 Menschen fahren jährlich mit firmm auf die Straße von Gibraltar, um dort Wale und Delfine in Freiheit zu beobachten. Heyer, heute 79 Jahre alt, ist jede Saison selbst mit an Bord. Sie hat in Tarifa, bei den Walen und Delfinen, den Sinn gefunden, nach dem sie vor knapp 25 Jahren suchte. Jeder Tourist, der die Wale in freier Wildbahn beobachtet und etwas über ihr Verhalten lernt, anstatt in ein Delfinarium zu gehen, ist für Heyer ein Erfolg. Sie lebt nach dem Motto, das ihr Prof. Dr. David Senn näherbrachte: „Nur was der Mensch sieht und kennt, ist er bereit zu lieben und zu schützen.“

Buchtipp: In ihrem Buch „Herzenssache“ erzählt Katharina Heyer mehr über ihr Leben in Tarifa, wie alles begann, welche einzigartigen Begegnungen sie in den vergangenen Jahren mit den Walen hatte, was sie über die Tiere herausfand und wie sie für die Auffangstation für Delfine aus Delfinarien in Marokko kämpfte.

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