Kultur bei Tieren: Buckelwale können komplexe Lieder voneinander lernen

Soziales Lernen ist eine nicht nur dem Menschen vorbehaltene Praxis – auch Wale können einander Wissen weitergeben. Einzelne Buckelwal-Populationen können sogar ganze Lieder von einer separaten Population lernen.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 14. Juli 2022, 10:00 MESZ
Buckelwal mitten im Sprung oberhalb der Wasseroberfläche.

Auch Buckelwale haben Kulturgüter – und geben ihre Lieder gerne an andere Populationen weiter.

Foto von Opération Cétacés

Wenn wir an Kultur denken, denken wir meist sofort an uns Menschen. An Gemälde, Musik, Tänze, Bräuche und Verhaltensweisen – immaterielle und materielle Kulturgüter, die gemeinschaftsstiftend sind. Die Erschaffung dieser Kulturgüter ist allerdings nicht nur Menschen vorbehalten. Auch Tiere haben Kultur – und können diese durch kulturelle Übertragung einander weitergeben.

Wie bei uns Menschen erfolgt die Übertragung von Kulturgütern mithilfe des sozialen Lernens, das die Weitergabe bestimmter Verhaltensweisen zwischen einzelnen Individuen, sozialen Gruppen oder Populationen meint. In der Tierwelt wurde dieser Vorgang zwischen einzelnen Individuen beispielsweise bereits bei Großen Tümmlern oder Japanmakaken sowie Buckelwalen beobachtet. Bei letzteren beobachtete ein Forschungsteam um Jenny Allen, Veterinärmedizinerin der University of Queensland, Australien, nun eine ganz besondere Form der kulturellen Übertragung: die Nachahmung komplexer Lieder – und zwar zwischen ganzen Populationen.

Für ihre Studie, die in der Fachzeitschrift Nature erschien, untersuchte das Forschungsteam die Gesänge verschiedener Buckelwal-Populationen und beobachtete, wie diese untereinander ihre Lieder weitergaben – darunter auch extrem komplexe Gesänge. „Das deutet auf eine kulturelle Übertragung hin, wie sie bei keiner anderen tierischen Spezies bisher beobachtet wurde“, sagt Allen.

Jenny Allen wertet die Aufnahmen der Walgesänge auf dem Forschungsboot aus.

Foto von Opération Cétacé

Die Lieder der Buckelwale

Buckelwale weisen in gleich mehreren Lebensbereichen kulturelle Merkmale auf. Beispielsweise geben sie einander Strategien für die Nahrungssuche weiter und entwickeln komplexe Gesänge, die über ein ledigliches Ausstoßen von Lauten hinausgehen. 

So bestehen die Lieder der Wale – die nur von den Männchen erzeugt werden – aus einzelnen Einheiten, die in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet werden und damit eine sogenannte Phrase bilden. „Diese Phrasen werden dann mehrfach wiederholt, um sogenannte Themen zu bilden, die wiederum in einer einheitlichen Reihenfolge gesungen werden – so entsteht ein Lied“, sagen die Forschenden. Diese Lieder werden dann wiederum nicht nur von einzelnen Individuen gesungen, sondern auch von anderen übernommen – die Wale lernen also voneinander.

In ihrem Projekt wollten die Forschenden jedoch wissen, wie weit diese Gesangs-Weitergabe geht – vor allem zwischen verschiedenen Populationen. Dazu analysierten sie sechs verschiedene Gesangsarten, die jeweils zuerst bei ostaustralischen und dann bei neukaledonischen Buckelwal-Populationen auftraten – also von Population zu Population weitergegeben wurden. 

Kulturelle Übertragung und soziales Lernen

Gerade vor dem Hintergrund der Komplexität der Gesänge war die führende Frage der Studie, ob beim Erlernen der Lieder deren Vielschichtigkeit verloren ging. Dazu ordneten die Forschenden den einzelnen Gesängen Komplexitätswerte zu, die mithilfe einzelner Gesangsmerkmale errechnet wurden. „Dazu gehörte beispielsweise die Gesamtzahl einzelner Einheiten und die Dauer der Phrasen und der Tonmuster“, so das Team.

Anschließend verglichen sie die sechs Lieder, die sowohl bei den ostaustralischen als auch bei den neukaledonischen Buckelwalen beobachtetet werden konnten. „So konnten wir feststellen, ob sich die Lieder in irgendeiner Weise veränderten, wenn sie von den neukaledonischen Walen gesungen wurden", so Allen. Das Ergebnis war beeindruckend: „Die Wale lernten tatsächlich die genauen Töne, ohne etwas zu vereinfachen oder wegzulassen.“

Die Forschenden vermuten nun, dass die Übertragung der Gesänge auf gemeinsamen Futterplätzen der Populationen oder auf ihren Migrationsreisen durch den Ozean stattfindet. „Jedes Jahr, in dem wir die Wale beobachteten, sangen sie ein anderes Lied“, sagt Allen. Das zeige auch, wie schnell diese komplexe Art des sozialen Lernens bei den Buckelwalen funktioniere.  

Laut Studie ist dies der erste beobachtete Fall von horizontaler kultureller Übertragung bei Tieren – also der Weitergabe zwischen verschiedenen Populationen. „Das ist bisher an keinem anderen Ort der Welt und bei keiner anderen Art außer dem Menschen dokumentiert worden“, so Allen.

Sie hofft nun, dass die Ergebnisse helfen, Buckelwale und ihren Lebensraum zu schützen. „Durch solche Erkenntnisse sind wir besser gerüstet, um Wale vor den vielen Bedrohungen zu schützen, denen sie ausgesetzt sind, während sich unser Klima und unser Planet weiter verändern."

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