Delfinmutter adoptierte artfremdes Kalb

Es war der erste dokumentierte Fall dieser Art: Eine Delfinmutter kümmerte sich jahrelang um den Nachwuchs einer völlig anderen Gattung.

Veröffentlicht am 5. Mai 2021, 12:55 MESZ
Delfinmutter adoptiert Kalb einer fremden Tierart
2014 entdeckten Forscher vor Französisch-Polynesien ein Tümmlerweibchen, das sich um ein ungewöhnliches Kalb kümmerte …

Große Tümmler sind liebevolle Mütter, die ihre Jungen bis zu sechs Jahre lang säugen, beschützen und mit ihnen spielen.

In dem einzigen bekannten Fall dieser Art ging die Mutterliebe sogar so weit, dass ein weiblicher Delfin ein Kalb einer anderen Art adoptiert hat.

Im Jahr 2014 entdeckten Forscher das ungewöhnliche Gespann in den Küstengewässern vor Französisch-Polynesien: Es war ein weiblicher Großer Tümmler, der sich um ein seltsam aussehendes männliches Kalb kümmerte – zusätzlich zu einem anderen Kalb, das wohl ihr biologisches war.

Während Große Tümmler schlanke Schnauzen haben, war die Schnauze des rätselhaften, etwa einen Monat alten Kalbs kurz und stumpf. Schließlich identifizierten die Wissenschaftler das Waisenkind als einen Breitschnabeldelfin – eine Art, die zu einer völlig anderen Gattung gehört.

Delfine "halten Händchen"
Das ist das Delfinäquivalent von "Kumpeln", die "Händchen halten".

„Wir waren wirklich aufgeregt, ein so seltenes Phänomen beobachten zu können“, sagt die Hauptautorin der Studie, Pamela Carzon, wissenschaftliche Leiterin der Groupe d'Étude des Mammifères Marins (GEMM) de Polynésie mit Sitz in Tiputa, Französisch-Polynesien.

Adoptionen sind bei wildlebenden Säugetieren ungewöhnlich und kommen meist zwischen verwandten Mitgliedern der gleichen Art vor. Der einzige andere wissenschaftlich dokumentierte Fall, bei dem ein Waisenkind einer anderen Art und Gattung adoptiert wurde, ereignete sich 2006. Damals beobachtete die Primatologin Patrícia Izar von der Universität São Paulo eine Gruppe von Kapuzineraffen, die sich um ein Seidenaffenbaby kümmerten. „Damals waren wir sehr, sehr erstaunt“, sagt sie.

Wissenschaftler sind von der Adoption in der Tierwelt auch deshalb so fasziniert, weil sie einst als ein ausschließlich menschliches Verhalten galt, fügt Izar hinzu, die nicht an der Studie beteiligt war.

Rivalität zwischen Geschwistern

Carzon und ihr Team filmten und fotografierten die Delfinfamilie von Land und vom Boot aus sowie unter Wasser. Die Beobachtungen fanden im Rahmen einer Langzeitstudie über diese Gemeinschaft von etwa 30 Großen Tümmlern statt, die 2009 begann.

Obwohl die Mutter bereits ein Baby hatte, wich das einsame Breitschnabeldelfinkalb nur selten von der Seite seiner neuen Mutter. Das Trio wurde häufig zusammen beobachtet – ein ungewöhnlicher Anblick, da Delfinmütter sich normalerweise jeweils um einen einzelnen Nachkommen kümmern.

Galerie: Diese Tiere sind auf dem Sprung

Die Konstellation war jedoch nicht immer harmonisch: Der Breitschnabeldelfin schubste seine Adoptivschwester immer wieder von ihrem Platz unter dem Bauch der Mutter weg.

Das aufdringliche Waisenkind war nicht nur darauf bedacht, sich in die Familieneinheit zu integrieren. Es fand auch heraus, wie es sich insgesamt in die Delfinschule eingliedern konnte.

„Der Breitschnabeldelfin verhielt sich genauso wie Große Tümmler“, sagt Carzon, die die Beobachtungen in der Fachzeitschrift „Ethology“ veröffentlichte.

Zum Beispiel verbrachte er regelmäßig Zeit mit anderen Jungtieren und machte sogar bei deren Lieblingsbeschäftigung mit: dem Surfen und Springen in die Wellen.

Aufopferungsvolle Mutter

Weibliche Große Tümmler stehlen während Konflikten durchaus gelegentlich für kurze Zeit die Nachkommen anderer Arten. Aber der Enthusiasmus des Adoptivkindes und die Hingabe der Mutter zeigen, dass dies keine Entführung war.

In diesem Fall widmete die Mutter dem Waisenkind viel Zeit. Die beiden wurden fast drei Jahre lang zusammen beobachtet und verschwanden dann im April 2018. Zu etwa diesem Zeitpunkt wäre der Nachwuchs auch entwöhnt worden. Ihre Verbindung hielt noch lange an, nachdem ihr biologisches Kalb im Alter von eineinhalb Jahren aus unbekannten Gründen verschwand.

Das Tümmlerweibchen wurde zweimal beim Stillen ihres Adoptivkalbs gesehen, was darauf hindeutet, dass sie sehr investiert war, sagt Kirsty MacLeod. Die Verhaltensökologin an der Universität Lund in Schweden war nicht an der Studie beteiligt. „Bei Säugetieren ist die Produktion von Milch sehr kostspielig – es ist eine sehr wertvolle Ressource.“

Warum kam es zur Adoption?

Aber eine große Frage bleibt: Warum sollte sich ein Großer Tümmler die Mühe machen, so viel in ein Kalb zu investieren, zu dem er keine genetische Verbindung hat?

Eine Möglichkeit ist, dass die kurz zuvor erfolgte Geburt ihres Kalbes ihre mütterlichen Instinkte angesprochen hat. „Höchstwahrscheinlich war es einfach ein perfekter Moment für dieses Kalb, als [die Mutter] gerade in einer sehr empfänglichen Phase war, um diese Bindungen zu ihrem eigenen Nachwuchs aufzubauen“, sagt MacLeod. „Und das führte zu dieser etwas verrückten Situation.“

Die Persönlichkeit könnte ein weiterer Faktor gewesen sein, da dieser spezielle Delfin bereits für seine Toleranz gegenüber Tauchern in der Gegend bekannt war. Seine unbekümmerte Haltung könnte das Weibchen davon abgehalten haben, die für Große Tümmler typische Aggression gegenüber fremden Jungtieren zu zeigen.

Dann war da noch der Breitschnabeldelfin selbst. Die Forscher glauben, dass die Entschlossenheit des Waisenkindes, sich der Tümmlerfamilie anzuschließen und an ihr Verhalten anzupassen, eine Schlüsselrolle bei der erfolgreichen Adoption spielte.

„Das zeigt, dass junge Delfine in ihrem Verhalten erstaunlich flexibel sind“, sagt Carzon.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen

Nat Geo Entdecken

  • Tiere
  • Umwelt
  • Geschichte und Kultur
  • Wissenschaft
  • Reise und Abenteuer
  • Fotografie
  • Video

Über uns

Abonnement

  • Magazin-Abo
  • TV-Abo
  • Bücher
  • Newsletter
  • Disney+

Folgen Sie uns

Copyright © 1996-2015 National Geographic Society. Copyright © 2015-2017 National Geographic Partners, LLC. All rights reserved