Weltweit erste Oktopus-Farm löst Tierschutz-Debatte aus

Vom Mysterium zur Delikatesse: Oktopus-Wildfänge schwinden, ihr Verzehr wiederum steigt an. Die Folge ist die Eröffnung der weltweit ersten Kraken-Farm – zur großen Sorge von Tierschützern und Wissenschaftlern.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 12. Juli 2022, 09:29 MESZ
Seitliche Aufnahme eines Gewöhnlichen Kraken auf dem Meeresgrund.

Die Nachfrage nach Oktopus-Fleisch, dem sogenannten Pulpo, steigt ständig – doch ihre Bestände in freier Wildbahn sinken. Nun soll die weltweit erste Oktopus-farm entstehen, die die Massentierhaltung auch unter die Meeresoberfläche bringen soll.

Foto von MWolf Images / Adobe Stock

Wegen ihres beinahe mystischen Aussehens, der drei Herzen oder ihrer Fähigkeit, sich in Sekundenschnelle optisch an ihre Umgebung anzupassen, gelten Oktopusse für viele Menschen als äußerst faszinierende Meeresbewohner. Doch nicht nur das: So schützenswert sie für die einen sind, so schmackhaft sind sie für viele andere. Die Nachfrage nach Pulpo – wie das magere, leicht süßliche Fleisch der Intelligentesten unter den Weichtieren auch genannt wird – steigt stetig. 

Gleichzeitig sinken in den letzten Jahren die Erträge der Krakenfischer. Das spanische Unternehmen Nueva Pescanova – der größte Fischereikonzern des Landes – bietet nun eine umstrittene Lösung zur Erweiterung des Angebots der begehrten Delikatesse an: Im Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria soll die weltweit erste kommerzielle Kraken-Fam entstehen. Noch in diesem Jahr soll mit der Vermarktung der ersten Produkte aus der eigenen Tintenfisch-Zucht begonnen werden.

Oktopus-Nachwuchs
Nur einen Monat nach der Paarung kann ein weiblicher Oktopus bis zu 100.000 Eier legen.

Die Spitze der Aquakultur

Möglich ist ein solches Vorhaben nur durch jahrelange, intensive Forschung. Denn nicht nur die Haltung von Oktopussen ist anspruchsvoll. Auch die Züchtung der achtarmigen Weichtiere stellt Forschungsteams weltweit vor große Herausforderungen. Nueva Pescanova bezeichnet sich selbst als „Pionier bei der Vervollständigung des Lebenszyklus von Oktopussen in der Aquakultur“. Denn in freier Wildbahn vermehren sich Kraken nur einziges Mal in ihrem ein- bis zweijährigen Leben. Nachdem die Muttertiere ihre Eier gewissenhaft behüten haben, bleiben beiden Elternteilen meist nur noch wenige Wochen bis Monate zum Leben. Fortpflanzung bedeutet für die Tiere auch gleichermaßen sterben – meist, weil ihre Immunsysteme abbauen oder sie verhungern. 

Diesen kurzen Lebenskreislauf versuchte die Unternehmensgruppe zu durchbrechen. Mit Erfolg: Ein Weibchen blieb durch ideale Haltungsbedingungen und bedachte Ernährung von seinem Ableben nach der Fortpflanzung verschont. Bereits 2019 war es Pescanovas Wissenschaftlern gelungen, den Gemeinen Kraken in Gefangenschaft zu vermehren. Lourditas, das erste in Aquakultur geborene und aufgewachsene Oktopusweibchen, hat damals Nachwuchs bekommen. Drei Jahre später haben die von ihr stammenden Urenkel selbst Nachkommen. Eine scheinbar gute Ausgangslage für die Zucht.

Im November 2021 hatte die Unternehmensgruppe eigens für diese Forschung das 4.000 Quadratmeter große und 7,5 Millionen Euro teure Pescanova Biomarine Center eröffnet. Die Farm, in der die Oktopoden in Massen gezüchtet und für den Verzehr zu stattlicher Größe aufgezogen werden sollen, entsteht auf Gran Canaria. Die weltweit ersten, in Aquakultur geborenen Oktopusse sollen bereits in diesem Sommer vermarktet werden. Spätestens ab 2023 ist geplant, dass die großen Becken im Hafen von Las Palmas 3.000 Tonnen Tintenfisch pro Jahr erbringen. 

Kritik aus Tierschutz und Wissenschaft

Die Stimmen gegen dieses Vorhaben sind laut. Tierschutzorganisationen befürchten unzumutbare Haltungsbedingungen und grausame Tötungsmethoden. Denn: Bislang gebe es laut Bericht der Organisation Compassion in World Farming (CIWF) keinerlei wissenschaftlich validierte Methode, um das Schlachten der Kraken so würdig wie möglich zu gestalten. Die bisher gängigen Tötungspraktiken der Fischerei – zum Beispiel das Einschneiden der Gehirne oder das wiederholte kräftige Schlagen ihres Kopfes auf einen festen Untergrund – lassen auf die Qualen der intelligenten Tiere schließen. Diese nehmen Schmerzen nämlich nicht nur wahr, sondern vermeiden auch gezielt potenziell schmerzhafte Situationen, wie zuletzt Robyn Crook und ihr Team in einer Studie des Crook Laboratory bewiesen. 

Laut der Aussage des Direktors David Chavarrías Lázaro gegenüber dem SZ-Magazin, beschäftigt sich Pescanova mit der Forschung bezüglich angemessenen Betäubungsmethoden – etwa mithilfe von graduellen Elektroschocks oder Kohlenstoffdioxid. Billo Heinzpeter Studer, Präsident der fair-fish international association, entgegnet diesbezüglich mit klaren Worten: „Die erwähnten Betäubungsarten würden in kein anerkanntes Protokoll für humane Schlachtung Aufnahme finden.“ Vielmehr würden sie den Leidensprozess wohl eher verlängern. Rasch wirksame Methoden zur Betäubung müssten erst noch entwickelt werden. 

Die Tierschutzorganisation fair-fish, die sich intensiv und auf wissenschaftlicher Grundlage mit Bedürfnissen und Verhaltensweisen von Tierarten in Aquakulturen beschäftigt, sieht auch die Haltung der empfindsamen Tiere kritisch: „Selbst unter stark verbesserten Lebensbedingungen in Gefangenschaft wäre die Wahrscheinlichkeit, dass Tintenfische sich wohlfühlen, sehr gering.“ Kaum verwunderlich – denn während ihre wildlebenden Verwandten als Einzelgänger unterwegs sind und eher potenziellen Raubtieren als anderen Artgenossen begegnen, müssten sich die Tiere ihren Platz in den Tänken von Nueva Pescanova mit einer Vielzahl ihrer Art teilen. Aggression oder gar Kannibalismus wären folglich keine Seltenheit. Zusätzlich könnten die Tiere laut CIWF und fair-fish unter Stressfaktoren wie mangelndem Bewegungsspielraum in einer künstlichen Umgebung oder einer lückenhaften Datenlage bezüglich angemessener Schlachtmethoden leiden.

“Es wäre viel klüger, Geld und Energie nicht in die Aquakultur von überfischten Arten zu investieren, sondern in die Durchsetzung einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Wildbestände.”

von Billo Heinzpeter Studer

Schwerwiegende Folgen der Aquakultur

Auch das Argument Nueva Pescanovas, mit der Aufzucht von Oktopussen deren wildlebende Bestände zu schützen, hinkt. Jennifer Jacquet und ein internationales Autorenteam bezeichneten die Aufzucht von Oktopussen in Gefangenschaft in einem Essay bereits 2019 als schlechte Idee – aus ethischen und ökologischen Gründen. Neben schwerwiegenden ökologischen Folgen wurde vor allem ein Problem hervorgehoben: der zusätzliche Druck auf wildlebende Fische und Wirbellose. „Rund ein Drittel des weltweiten Fischfangs wird als Futter für andere Tiere verarbeitet, davon etwa die Hälfte in Aquakulturen.“ Für in Aquakultur lebende Oktopusse müsste diese Nahrungsgrundlage zusätzlich noch lebendig sein. Das Jagdverhalten der Fleischfresser lässt sich nur schwer ändern.

Zwar wird auch an alternativen Fütterungsmethoden für Oktopusse geforscht – ob und wann sich diese umsetzen lassen, bleibt aber ungewiss. Laut Jacquet ist das Gewicht an Futtertieren etwa dreimal so hoch wie das Eigengewicht eines Oktopusses. fair-fish argumentiert ähnlich und verweist auf den erschöpften Zustand der globalen Fischgründe.  „Es wäre viel klüger, Geld und Energie nicht in die Aquakultur von überfischten Arten zu investieren, sondern in die Durchsetzung einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Wildbestände”, so Studer.

Ob das kommerziellen Farmen eine geeignete, gewinnbringende und vor allem tier- und umweltfreundliche Alternative zum Fang von Oktopussen aus dem offenen Meer ist, wird sich in Zukunft zeigen. Dass die empfindsamen Tiere für den Konsum ihres Fleisches sowohl in Farmen als auch beim Fang auf hoher See leiden, ist unumstritten. 

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